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Historiker Urs Altermatt: «Zwei St.Galler Bundesräte sind unwahrscheinlich»

Die einen wollen hoch hinaus, andere sind stille Schaffer. Es gibt unter ihnen Sesselkleber und solche, die abrupt stürzen. Der Historiker Urs Altermatt wirft einen Blick auf Bundesratskandidatin Karin Keller-Sutter – und wagt eine Prognose für Beni Würth.
Interview: Rolf App
Urs Altermatt, Emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. (Bild: pd)

Urs Altermatt, Emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. (Bild: pd)

Ergänzt um die Würdigungen von Johann Schneider-Ammann und Doris Leuthard, wird in wenigen Wochen bei NZZ Libro das vom Historiker Urs Altermatt 1991 erstmals herausgebrachte Lexikon der Schweizer Bundesräte neu erscheinen. Altermatt, emeritierter Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg, deren Rektor er auch war, lebt heute in seiner Heimatstadt Solothurn und ist der mit Abstand beste Kenner der Geschichte des Bundesrats. Wir haben ihn deshalb um eine Einschätzung der Ostschweizer Bundesräte gebeten – und um einen Blick in die Zukunft.

Urs Altermatt, letzten Dienstag hat die St. Galler Ständerätin Karin Keller-Sutter (FDP) ihre Kandidatur für den Bundesrat erklärt – zwei Wochen nachdem Johann Schneider-Ammann seinen Rücktritt bekanntgegeben hat. Warum hat sie so lange gezögert?

Es war mit Blick auf die Vereinigte Bundesversammlung, die sie am 5. Dezember wählen muss, durchaus richtig, dass Karin Keller-Sutter nicht übereilig gehandelt hat. Denn sie musste in der FDP und im Ständerat zuerst einmal abchecken, wie ihre Chancen stehen. Wichtig ist ihr Positionsbezug, auf den die Medien ungeduldig gewartet haben, vor allem für die CVP. Als die andere Partei, die einen Sitz im Bundesrat zu besetzen hat, muss die CVP nun ihre Dispositionen der FDP-Kandidatur anpassen – zumal Karin Keller-Sutter als Favoritin gilt.

Ist es denn von Vorteil, Favorit zu sein – oder doch eher ein Handicap?

In der Geschichte der Bundesratswahlen kommt beides vor. Kurt Furgler kann 1972 ebenso einen Start-Ziel-Sieg feiern wie 2006 Doris Leuthard. Umgekehrt muss Pascal Couchepin 1998 fünf Wahlgänge durchstehen. Das sind alle offizielle Kandidaten ihrer Parteien gewesen. Auf Anhieb ins Ziel kommen können aber auch inoffizielle Kandidaten: Otto Stich, 1983 gegen die SP-Parteiführung portiert, schafft es schon im ersten Wahlgang, Lilian Uchtenhagen geht leer aus.

Mit Karin Keller-Sutter wäre die Ostschweiz wieder im Bundesrat vertreten. Welche Bedeutung hat dieser Landesteil für unsere ­Regierung gehabt?

Generell ist die Ostschweiz seit den Anfängen des Bundesstaats fast kontinuierlich im Bundesrat vertreten. Vor allem der Kanton St. Gallen hat keinen Grund zu jammern. Das hängt auch mit seinem wirtschaftlichen Gewicht durch die Textilindustrie vorab im 19. Jahrhundert zusammen.

Gibt es da prägende Figuren?

Ich erwähne vor allem zwei Langzeitbundesräte. Der aus dem Rheintal stammende Wilhelm Matthias Näff, 1848 gewählt und 1875 zurückgetreten, baut das Postwesen als nationale Institution auf, gilt aber dann in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit als Sesselkleber. Noch länger, sogar 29 Jahre, im Bundesrat sitzt von 1883 an der Thurgauer Adolf Deucher. Durch die lange Amtszeit waren sie prägende Altersdoyens, gehörten aber im Kollegium nicht zur ersten Garde.

Geradezu grandios wird 1911 mit 186 (von 192) Stimmen im ersten Wahlgang Arthur Hoffmann gewählt, während Karl Kobelt 1940 fünf Wahlgänge braucht. Warum fällt es denn dem einen so leicht und dem anderen so schwer?

Das hat einen einfachen Grund: Hoffmann ist bei den Freisinnigen völlig unbestritten, während Kobelt, erst seit kurzem im Nationalrat sitzend, gar nicht der offizielle Kandidat der zerstrittenen Freisinnigen ist. Gewählt wird er deshalb als wilder freisinniger Kandidat.

Seine glänzende Wahl bringt Arthur Hoffmann kein Glück. Er muss 1917 zurücktreten. Auch Heinrich Häberlin erklärt seinen Rücktritt – am Tag nach einer Abstimmungsniederlage. Und Fridolin Anderwert erschiesst sich sogar. Scheitern Ostschweizer Bundesräte also allzu oft?

Das kann man so nicht sagen. Denn die Gründe sind jedes Mal andere. Hoffmann scheitert am Alleingang als Aussenminister in einer Friedensmission im Ersten Weltkrieg, die er mit seinen Kollegen nicht abgesprochen hat. Heinrich Häberlin tritt 1934 zurück in einer sehr bewegten Zeit nach einer verlorenen Abstimmung zum Staatsschutz – demoralisiert von den Intrigen seiner Kollegen. Fridolin Anderwert, ein sehr tüchtiger Justizminister übrigens, ist nicht nur übermüdet, sondern lebt einsam und wird von den Medien gehetzt. Was 1880 den Ausschlag zu seinem Selbstmord gibt, bleibt ein Rätsel.

Es gibt die Stillen und die Glamou­rösen. Kurt Furgler ist ein glänzender Redner, Arnold Koller eine eher unauffällige Erscheinung. Wie sieht ihre Leistungsbilanz aus?

Aus seinen Bundesratskollegen ragte Kurt Furgler heraus. (Bild: Sandra Sutter/St. Gallen, 12. September 1998)

Aus seinen Bundesratskollegen ragte Kurt Furgler heraus. (Bild: Sandra Sutter/St. Gallen, 12. September 1998)

Ob still oder rhetorisch dynamisch – ihre Leistungen können sich sehen lassen. Kurt Furgler gilt in den 1970er-Jahren als eigentlicher Reformbundesrat, er muss sich auch gegen die ersten Überfremdungsinitiativen durchsetzen. Von Arnold Koller bleibt stets als epochales Verdienst, dass er 1999 die Bundesverfassung durchbringt. Furgler hat diese Totalrevision mit viel zu grossem Ehrgeiz in Gang gesetzt, Koller verwirklicht sie in aller Stille – auch indem er Furgler’sche Ideen hineinnimmt, ohne dass man das so richtig bemerkt hätte. Da steckt Appenzeller Schläue darin.

Um an Furgler anzuknüpfen: ­Gereicht es denn einem Bundesrat zum Nachteil, wenn er zu ehrgeizig agiert?

Im Kollegium wirkt Ehrgeiz nachteilig, weil er doch häufig an der Kollegialität rüttelt. Dem Land aber nützt er, weil so neue Ideen auf den Tisch kommen.

Wenn wir zu den Unauffälligen zurückkehren: Da wäre noch Johannes Baumann, bis Ende 1940 verantwortlich für die Flüchtlingspolitik der Schweiz – die man aber Eduard von Steiger anlastet.

Als Baumann 1940 zurücktritt, hat die Flüchtlingsfrage noch nicht jene zentrale Bedeutung, die sie später bekommt. Dass man die Flüchtlingspolitik vor allem Eduard von Steiger anlastet, hat seinen Grund darin, dass von Steiger für immer mit seinem Satz in Erinnerung bleibt: «Das Boot ist voll», und dass von ihm die berühmten Rückweisungs­beschlüsse von 1942 stammen.

«Vor allem St. Gallen hat keinen Grund zu jammern.»

Wir haben nicht von den Bündner Bundesräten gesprochen. Müsste man sie nicht auch dazuzählen?

Früher hat man die Ostschweiz tatsächlich auf St. Gallen, den Thurgau und beide Appenzell begrenzt. Seit einigen Jahrzehnten greift das regionale Denken weiter aus. Doch bei der Bundesratsverteilung muss man Graubünden doch eher zu den Bergkantonen rechnen, also in dieselbe Gruppe zählen wie etwa die Innerschweizer Kantone.

Mit der Kandidatur von Karin Keller-Sutter und dem Verzicht von Martin Schmid und Ruedi Noser hat sich auf freisinniger Seite einiges geklärt. Wie geht es weiter?

Wenn nichts Ausserordentliches passiert, sieht es für Karin Keller-Sutter gut aus. Ich nehme an, die CVP, die jetzt am Zug ist, wird ausserhalb der Ostschweiz suchen.

Warum denn? Noch schliesst ja der St. Galler Regierungsrat Beni Würth eine Kandidatur nicht aus.

Rein rechtlich wären zwei Bundesräte aus dem Kanton St. Gallen möglich. Politisch halte ich dieses Szenario für unwahrscheinlich. Denn es sähe so aus, als wolle die CVP, deren Sitz als erster zur Wahl steht, Karin Keller-Sutter konkurrenzieren. Für Regierungsrat Beni Würth, der als Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen die Statur zum Bundesrat hat, ist die Ausgangslage schwierig, jedoch von seinem Alter her für eine spätere Bundesratswahl noch möglich. Persönlich habe ich keine Einwände gegen zwei St. Galler.

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