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Hinter dem Zirkusvorhang rumort es

Der klassische Wanderzirkus steht unter Druck. Neue Angebote, begrenzte Platzverhältnisse in den Städten und technische Neuerungen halten die Unternehmen auf Trab.
Sandro Büchler
Artisten des Circus Monti beobachten bei einem Gastspiel in St. Gallen die Zirkusaufführung hinter dem Vorhang. (Bild: Benjamin Manser)

Artisten des Circus Monti beobachten bei einem Gastspiel in St. Gallen die Zirkusaufführung hinter dem Vorhang. (Bild: Benjamin Manser)

«Treten Sie ein und lassen Sie sich verzaubern.» So oder ähnlich begrüsst der Zirkus seit jeher sein Publikum. Betritt man das Zelt, sticht der unvergleichliche Duft aus Zuckerwatte, Pferdemist und Sägemehl in die Nase und lässt Kindheitserinnerungen aufkommen. Doch hinter dem Vorhang ist nicht alles rosig. So wurde über die Betreibergesellschaft des Thurgauer Circus Royal in dieser Woche der Konkurs eröffnet . In einer eiligst einberufenen Pressekonferenz beteuerte Zirkusdirektor Oliver Skreinig zwar, dass der Betrieb weitergeführt werde. Dennoch hinterlässt der Auftritt Fragen. Wie steht es um die Ostschweizer Zirkusse? Mit welchen Sorgen kämpfen sie?

Die Zirkuswelt habe sich «komplett verändert», sagt Christian «Chris» Krenger aus Jona. Während 40 Jahren hat der heute 79-Jährige den Rapperswiler Zirkus Knie als Pressechef vertreten. Er hat die Veränderungen hautnah miterlebt. Einen wichtigen Grund sieht Krenger darin, dass zentrale Plätze in Schweizer Innenstädten immer mehr zur Mangelware werden. «Die Plätze werden kleiner, sind nicht mehr immer verfügbar oder die Mietpreise steigen.» Die gesetzlichen Auflagen punkto Tierschutz seien verschärft worden. Einige Zirkusse zügeln ihre Zelte deshalb an den Rand der Städte, andere reduzieren die Zahl ihrer Stationen – dafür dauert das Gastspiel entsprechend länger. «So kann ein Zirkus die Reise- und Standkosten senken», sagt Alfred Reichle, der bis vor kurzem langjähriger Präsident des Clubs der Circus-, Variéte- und Artistenfreunde der Schweiz war.

Nur noch 9 statt 50 Gastspiele

Reichle nennt den Aargauer Circus Monti als Beispiel. Waren es früher noch 50 oder mehr Städte auf dem Tourneeplan, gastiert der Zirkus im laufenden Jahr gerade noch in 9 Städten. Auch Frauenfeld wird vom Circus Monti nicht mehr angesteuert. Reichle erklärt, dass das Publikum heute mobiler sei. «Sie sind bereit, von Frauenfeld nach Winterthur zu fahren, um das neue Programm zu sehen.» Unter Druck steht die Institution Zirkus heute noch aus weiteren Gründen. Es sind weniger die Tierschützer, die Raubtier- und Elefantennummern kritisieren, sondern vielmehr die unzähligen Unterhaltungsangebote wie Musicals, Konzerte oder Festspiele im Sommer, die den Zirkus konkurrenzieren, sagt Krenger. Und Reichle ergänzt: «Statt eines Besuchs im Zirkus ziehen es die Leute womöglich vor, Aufführungen auf dem St. Galler Klosterplatz oder am Ufer des Walensees zu sehen.» Einen Strich durch die Rechnung mache wohl auch das aktuell warme Wetter. «Niemand will bei diesen Temperaturen in ein Zirkuszelt», gibt selbst Zirkusfreund Reichle zu.

Zirkusse in der Ostschweiz

Dem Überangebot und den hohen Temperaturen in den Sommermonaten entgehen einige Anbieter dadurch, dass sie ihre Aufführungen in die kalte Jahreszeit verlegen. Der «Winterzirkus» – der Salto Natale beispielsweise – erlebt einen Boom. «Es findet eine Verlagerung statt. Vor Weihnachten ist das Publikum empfänglich für eine poetisch erzählte Geschichte im beheizten Zelt», sagt Alfred Reichle. Konkurrenz hat der klassische Zirkus, der von März bis November durch die Schweiz tourt, zudem von internationalen Akteuren. Allen voran der Cirque du Soleil. «Das hat gross eingeschlagen», sagt Chris Krenger. Dabei unterscheide sich dessen Konzept fundamental. «Im Cirque du Soleil gibt es keine Tiere und kein Sägemehl in der Manege, Licht und Ton sind hochprofessionell und die Artisten werden durch gleiche Kostüme austauschbar.» Der Artistenzirkus gastiert mit mehreren Produktionen gleichzeitig auf der ganzen Welt und zeigt die Show während Monaten, teils sogar Jahren, am gleichen Ort. «Das ist komplett anders, als der familiengeprägte Zirkus, der das ganze Jahr auf Tour ist und seine Zelte dabei sprichwörtlich jede Woche an einem anderen Ort aufschlägt», sagt Krenger.

Bei der Gründung des in Kanada beheimateten Cirque du Soleil stand der Zirkus Knie zudem als Pate zur Seite. «Die Kanadier kamen mehrmals zu uns. Wir haben ihnen gezeigt, wie man ein Zelt aufbaut, wie man eine Show plant – sie haben ihr Handwerk quasi in der Schweiz gelernt», erklärt der langjährige Knie-Pressechef Krenger.

Premiere im Circus Knie mit Elefanten-Nummer am 19. März 1971. (Bild: Hans Gerber)

Premiere im Circus Knie mit Elefanten-Nummer am 19. März 1971. (Bild: Hans Gerber)

«Zirkus bleibt Geschmackssache»

Aber auch unter der Zeltkuppel sind die Anforderungen an einen Zirkus gestiegen, vor allem bei der Technik. So wird mit Zeltkonstruktionen experimentiert, die statt an zentralen Masten an Bögen befestigt sind. Sichtbehinderungen gehören damit der Vergangenheit an. Auch ein einfacher Scheinwerferkegel genügt heutzutage nicht mehr, vielmehr sind Lichteffekte gefordert. Aktuelle Musikstile haben zudem beim Hörerlebnis ihre Spuren hinterlassen: «Heute ist das reinste Popmusik», sagt Krenger. Wehmut schwingt in seinen Worten, er vermisst das klassische Orchester. «Früher sass man aber auch auf Holzbänken, heute sind es bequeme Sitze», kommt es dem 66-jährigen Reichle über die Lippen. Ein Zirkus hat heute den schwierigen Spagat zwischen Nostalgie und Innovation zu meistern.

So wie das Publikum seine Vorlieben bei der Musik und dem Sitzkomfort hat, so ist auch das Programm stets dem Urteil der Zuschauer unterworfen. «Dem einen gefällt speziell der Auftritt des Clowns, andere warten nur auf das Einlaufen der Pferde und dritte blicken gebannt auf die Artisten in der Luft», sagt Krenger. «Zirkus ist und bleibt eine Geschmackssache.»

Mikrokosmos Manege

Obwohl manch ein Zirkusgänger früheren Zeiten nachtrauern mag, überwiegt für Zirkusfreund Reichle die Faszination am Geschehen in der Manege. «Verschiedenste Nationen arbeiten zusammen. Ihr Fokus gilt einzig der Vorstellung am Abend.» Reichle spricht von einem Mikrokosmos, einer eigenen Welt. «Das ist wahre Volkskunst», sagt er. Falle einem Jongleur ein Ball herunter, dann falle er eben herunter. Kein Souffleur könne wie im Theater den Text einflüstern, kein Schauspieler die Situation retten. «Doch das macht den Zirkus so authentisch», meint Reichle.

Chris Krenger hebt den universellen Charakter der Zirkusse hervor. In den 50er-Jahren habe man beim Zirkus Knie begonnen, die Programmhefte neben Deutsch in weitere Sprachen zu übersetzen, erinnert sich der Pressesprecher von damals. «So konnten wir die Gastarbeiter aus dem zirkusbegeisterten Italien und Spanien für uns gewinnen. Und da viele Nummern ohne Worte auskommen, spricht der Zirkus noch immer alle Gesellschaftsschichten an.»

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