HILFSWERK: «Wir weisen auch Spenden zurück»

Die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi in Trogen hat sich mehrfach neu erfunden. Der scheidende Geschäftsleiter Urs Karl Egger über die Kernvision des Gründers, interkulturellen Austausch - und auf welche Spenden die Institution verzichtet.

Julia Nehmiz
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«Der Entscheid ist mir schwergefallen.» Urs Karl Egger wird die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi per Ende Februar 2018 verlassen. (Bild: Urs Bucher)

«Der Entscheid ist mir schwergefallen.» Urs Karl Egger wird die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi per Ende Februar 2018 verlassen. (Bild: Urs Bucher)

Interview: Julia Nehmiz

 

Urs Karl Egger, haben Ihre drei Kinder auch an einem Workshop im Kinderdorf Trogen teilgenommen?

Nein. Aber sie sind natürlich immer wieder vorbeigekommen. Und sie haben den Radio-Bus des Kinderdorfs besucht, wenn er in St. Gallen Halt gemacht hat.

Das Kinderdorf Pestalozzi hat sich gewandelt, vom Heim für Kriegswaisen zur Weiterbildungsstätte für Kinder und Jugendliche. Braucht es das Kinderdorf noch?

Was die Stiftung damals gemacht hat, braucht es heute in dieser Art nicht mehr. Aber die Kernidee verfolgen wir heute noch. In der internationalen Begegnungsstätte geht es wie im Kinderdorf zur Gründerzeit darum, Trennendes zu überwinden und Gemeinsames zu entdecken.

Im Jahr 2014 befand sich das Kinderdorf in einer grossen Krise. Sie selber waren massiven Vorwürfen ausgesetzt. Sie hatten zwei Programmleiterinnen gekündigt, es hiess, das Defizit von einer Million Franken sei durch Spendengelder ausgeglichen worden. Sie mussten Programme einstellen und 23 Mitarbeitern kündigen. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?

Ja, es kam zu Konflikten in der Geschäftsleitung. Wir befanden uns in einem Veränderungsprozess, das löste Spannungen und Betroffenheit aus. Es war ein heftiger Konflikt. Das bedaure ich sehr. Aber die Heimlandschaft in der Schweiz befand sich im Umbruch. Im Herbst 2013 hatten wir beschlossen, das Schul- und Wohnheim zu schliessen und stattdessen die Bildungsarbeit zu stärken, den Austausch auszubauen und auch die Hilfen vor Ort international weiter zu stärken. Im Nachhinein erwies sich das als richtige Strategie.

Heute vermieten Sie zudem Wohnhäuser des Kinderdorfs an den Kanton Appenzell Ausserrhoden als Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Zurzeit leben bei uns rund 20 junge Flüchtlinge. Die Flüchtlingspolitik ist heute eine öffentliche Aufgabe. Die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die im Kinderdorf leben, wurden dem Kanton Appenzell Ausserrhoden zugeteilt. Dass wir in dem Mass Flüchtlingskinder aufnehmen wie noch in den 1960ern die tibetischen Flüchtlingskinder, ist im heutigen politischen Kontext kaum mehr möglich.

Weshalb werden die Flüchtlinge heute nicht mehr von Angestellten des Kinderdorfs betreut?

Das war ein strategischer Entscheid, den wir 2014 umgesetzt haben. Damals haben wir uns entschieden, die internationalen Begegnungen zu stärken und den Heimbetrieb aufzugeben. Mit den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen steigen wir dort zwar wieder ein, aber ohne eigene Betreuungsstruktur. Diese wird nun vom Verein Tipiti geleistet.

20 junge Flüchtlinge, meist Männer: Wie kommt das im Dorf Trogen an?

Das müssten Sie die Verantwortlichen vom Verein Tipiti fragen. Wie ich höre, ist die Stimmung jedoch gut. Trogen ist vielleicht auch durch die Geschichte des Kinderdorfs geprägt und offen gegenüber Flüchtlingen. Wir bemerken jedoch, dass nicht alle jungen Flüchtlinge nach Trogen wollen. Für viele ist es nicht der ideale Ort, sie wollen lieber in die Städte. Dort ist die Chance grösser, auf andere Jugendliche aus dem eigenen Land zu treffen. Doch die Betreuung durch den Verein Tipiti verläuft sehr gut. Und die Flüchtlinge profitieren auch von den anderen Jugendlichen, die bei uns einen Workshop besuchen.

Wie gelingt es, immer wieder eine neue Vision für das Kinderdorf zu entwickeln?

Wir entwickeln nicht immer neue Visionen, die Kernvision ist immer noch die gleiche. Der Gründer des Kinderdorfs, Walter Robert Corti, war so schockiert von den Gräueln des Zweiten Weltkriegs, dass er die Friedensidee entwickelte, Kinder von Anfang an vertraut zu machen mit dem Anderen, dem Fremden. Anfangs lebten die Kinder hier noch in Nationenhäusern, doch es gab gemeinsame Anlässe. Es ging darum, grenzüberschreitend Freundschaften zu schliessen. Und diese Vision beflügelt uns immer noch. Sowohl die Mitarbeiter als auch die Spender. Wir haben lediglich die Art und Weise angepasst, in der die Vision gelebt werden soll. Anstatt Kriegswaisen aufzunehmen, führen wir im Kinderdorf ein- bis dreiwöchige Projekte durch, mit Kindern aus verschiedenen Nationen.

Angesichts der Tatsache, dass überall in Europa Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht wird: Was bringen diese Workshops?

Das ist eine sehr langfristige Aufgabe. Wir wollen bewusst ein Zeichen setzen. Die Kinder und Jugendlichen entwickeln bei uns Projekte, die sie daheim umsetzen, die Ausstrahlung haben. So ist in Serbien ein Jugendnetzwerk entstanden.

Allerdings sind die Teilnehmenden sowieso an interkulturellem Austausch interessiert. Diejenigen, die Ressentiments haben, die erreichen Sie gar nicht.

Ja und nein. Klar arbeiten wir mit denen, die motiviert sind. Aber eben auch mit solchen Jugendlichen, die starke Vorurteile pflegen. Meine Mitarbeiter waren recht erschüttert, als eine Klasse offen sagte, sie sei rassistisch. Doch im Laufe der Woche konnten viele die Vorurteile abbauen. Diese Beobachtung machen wir immer wieder. Aus Vorurteilen und Skepsis werden oft Freundschaften.

Um interkulturelle Freundschaften zu schliessen reicht auch ein herkömmlicher Schüleraustausch.

Nein, wir haben ein Programm erarbeitet, in welchem wir die Kinder mittels speziell entwickelten Übungen und Methoden zu anderen Kulturen hinführen.

Wie sieht das aus?

Zuerst geht es darum, zu überlegen, was die eigene Kultur ausmacht und wie die anderen gesehen werden. Die Schweizer und die serbische Klasse überlegen das je für sich. Dann werden die Ergebnisse einander vorgestellt. Dabei gibt es meist recht lange Gesichter, denn es werden viele Vorurteile vorgetragen. Das wird in Gruppenarbeit reflektiert. Die Kinder und Jugendlichen absolvieren gemeinsam spezielle Übungen, beispielsweise darüber, was es heisst, ausgegrenzt zu sein. Das wird recht emotional, wird aber durch unsere Betreuer immer reflektiert. Und natürlich spielt auch das Umfeld eine entscheidende Rolle, das gemeinsame Erlebnis im Kinderdorf in der Freizeit, die Begegnungen im Jugendtreff, auf dem Fussballfeld, am Töggelikasten.

Wer wählt die Teilnehmer aus, die nach Trogen zu den Workshops kommen?

In der Schweiz läuft das teils über Mundpropaganda. In Südosteuropa arbeiten wir mit lokalen Organisationen vor Ort zusammen, die Gruppen auswählen. Neu arbeiten wir auch mit Gruppen aus Polen, Bosnien, Albanien und Montenegro zusammen.

Wie nachhaltig wirken die Erleb­nisse, wenn die Jugendlichen wieder zu Hause im gewohnten Umfeld sind?

Wir sehen konkret, dass etliche Kinder später als Betreuer zu uns zurückkehren. Sie sagen, die Erfahrung hier sei lebensprägend gewesen. Um die Nachhaltigkeit systematisch zu erheben, entwickeln wir aktuell mit der TH Köln eine Methodik. Nächstes Jahr wissen wir vielleicht schon mehr.

Von den Spendengeldern, die Ihr Hilfswerk erhält, landet nicht alles bei den Empfängern. 24 Prozent werden für administrative Aufgaben verwendet. Das ist viel.

Verglichen mit anderen Hilfswerken liegen wir damit im Schweizer Mittelfeld. Unser Ziel ist, mehr Geld für Projekte auszugeben. Die Stiftung hat allerdings gewisse Fixkosten, die wir einfach abdecken müssen. Aber wir prüfen laufend, wie wir effizienter arbeiten können.

Gibt es auch Spendengelder, die Sie nicht annehmen?

Das ist auch schon vorgekommen. Wir überprüfen, woher das Geld kommt. Wenn die Quellen unklar sind, weisen wir die Spende zurück. Natürlich brauchen wir Geld, aber es muss aus sauberen Quellen kommen.

Warum haben Sie nach zehn Jahren als Geschäftsleiter nun gekündigt? Gibt es erneut Konflikte?

Überhaupt nicht. Nach zehn Jahren habe ich Lust auf etwas Neues. Ich bin vor kurzem 50 geworden und habe mich gefragt, wie geht es für mich weiter? Der Entscheid, von hier zu gehen, fiel mir schwer. Doch ich freue mich darauf, was kommt – wobei noch offen ist, wohin es mich zieht.