HILFSWERK: Caritas forciert Kampf gegen Armut

Die Caritas St. Gallen-Appenzell zieht sich aus der Integration von Flüchtlingen zurück und muss weitere Stellen abbauen. Umso mehr konzentriert sich das kirchliche Hilfswerk auf die Armutsbekämpfung und sieht auch die Politik gefordert.

Marcel Elsener
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Caritas-Markt: Hier können in Armut geratene Menschen vergünstigte Lebensmittel beziehen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Caritas-Markt: Hier können in Armut geratene Menschen vergünstigte Lebensmittel beziehen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Marcel Elsener

marcel.elsener

@tagblatt.ch

«Weil sie Armut bei uns sieht und handelt, auch darum stehe ich zu ihr», hiess das Bekenntnis des Kapuzinerbruders Karl in der letztjährigen Imagekampagne des Bistums St. Gallen. Gemeint mit dem Sujet war ausdrücklich die Arbeit der ­Caritas, zumal der Ordensmann ein freiwilliger Mitarbeiter im Caritas-Markt Wil ist. Tatsächlich hat besagte Caritas-Arbeit «Armut sehen und handeln» in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, was sich in Zahlen belegen lässt. So wurde der Umsatz in den Caritas-Märkten Wil und St. Gallen, wo rund 5000 Menschen am Existenzminimum vergünstigte Lebensmittel und Kleider beziehen können, von rund 900 000 Franken im Jahr 2015 erneut gesteigert; die genauen Zahlen für 2016 liegen noch nicht vor. Dasselbe gilt für die 2014 eingeführte Kultur-Legi, mit der Armuts­betroffene zu 30 bis 70 Prozent günstigere Eintritte zu Kultur- und Sportveranstaltungen erhalten. Gut 5000 solche Ausweise gibt es derzeit, und die Zahl der Angebotspartner ist im vergangenen Jahr um 25 auf 145 gestiegen; darunter sind prominente Vereine wie der FC St. Gallen, und die am meisten gefragte Vergünstigung betrifft die Frei- und ­Hallenbäder in der Region.

Dass Armut und Armutsgefährdung im Kanton St. Gallen zunehmen, zeigt sich speziell an der kirchlichen Sozial- und Schuldenberatung in den drei Regionen St. Gallen, Sargans und Uznach. Obwohl die Stelle in Uznach zeitweise nicht betreut war, hat die Zahl der Beratungen erneut zugenommen: Seit 2012 haben sich die Beratungen auf 223 Sozial- und 206 Schuldenberatungen (im 2015) verdoppelt und nehmen weiter zu.

Gang zur Kirche vor Abstieg in Sozialhilfe

Die steigenden Zahlen in allen Caritas-Angeboten zur Armutsbekämpfung sind «ein zwiespältiger Erfolg», sagt Philipp Holderegger, Geschäftsführer der Caritas St. Gallen-Appenzell. Zum einen bestätigen sie die wichtige Arbeit des Hilfswerks, das sich nach turbulenten Jahren nunmehr auf seinen «caritativen Kern­auftrag» konzentrieren will. Gemäss dem Leistungsauftrag seitens des Katholischen Konfessionsteils des Kantons und des Bistums St. Gallen, das die Caritas mit jährlich 1,2 Millionen Franken unterstützt, bedeutet dies der Kampf gegen die Armut in den Kantonen St. Gallen und beider Appenzell. Im Gegenzug verschlankt die bis vor zwei Jahren finanziell angeschlagene Organisation noch einmal ihre Administration und verzichtet neuerdings auf die Integrationsarbeit mit Flüchtlingen (siehe Text unten).

Sorgen bereitet den Caritas-Verantwortlichen vor allem die wachsende Gruppe der Working Poor – also jener Personen, die trotz Berufstätigkeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr ohne Hilfe bestreiten können. «Es gibt viele Menschen, die sich durchwursteln und den Gang zum Sozialamt scheuen», sagt Holderegger. «Die Scham, Armut zugeben zu müssen und Rat zu suchen, ist riesig. Als kirchliche Organisation haben wir den Vorteil, dass die Schwellenangst bei uns etwas tiefer liegt.» Unter den Rat­suchenden nah am Abstieg zur Sozial­hilfe fänden sich oft alleinstehende Mütter und Väter, die nach einer Trennung in die Bredouille kommen. Die Caritas kann nebst der Sozial- und Schulden­beratung nur sehr beschränkt finanziellen Beistand gewähren. Hingegen weiss sie mit Adressen von Stiftungen oder sonstigen Organisationen zu helfen.

Bericht und Strategie zur Armut im Kanton St. Gallen gefordert

Armutsbekämpfung bedeute letztlich der Einsatz für die Chancengleichheit für Menschen in Not, was «kein Akt der Barmherzigkeit, sondern eine verfassungsrechtliche Aufgabe» sei, stellt die Caritas in ihrer Stellungnahme zur Revision des St. Galler Sozialhilfegesetzes fest. Zusammen mit anderen Hilfs­werken wehrt sie sich gegen den «Negativ­wettbewerb» zwischen Gemeinden und setzt sich für die – umstrittenen – Ergänzungsleistungen für Familien ein. Im Verbund mit der Caritas Schweiz fordert die Regionalstelle einen Armutsbericht mit entsprechenden Strategien seitens der kantonalen Regierungen. In den Kantonen St. Gallen und beiden Appenzell fehlt ein solcher, «wohl weil man sich davor scheut, bei diesem Thema einmal genau hinzuschauen», wie Philipp Holderegger sagt. «Es ist ein grosser ­Brocken, und wer als Regierungsrat diese ‹Wurmbüchse› öffnet, muss aufgrund der nicht opportunen politischen Mehrheitsverhältnisse ein dickes Fell haben.» Dabei zeigt allein die Zahl von 135 000 «armutsgefährdeten» Personen des Bundesamtes für Statistik für die Grossregion Ostschweiz das Ausmass der drohenden Not. Vorbildlich ist der Kanton St. Gallen im schweizweiten Vergleich immerhin mit seiner 2015 festgelegten Strategie zur frühen Förderung. Weil ­Armut vererbbar ist, sei die spezifische Bildung von sozial Benachteiligten eine bedeutende Massnahme zur Armuts­bekämpfung, erklärt der Caritas-Geschäftsführer.

Einen Bericht über die Armut im Kanton St. Gallen fordert nun auch die SP-Grüne-Fraktion im Kantonsrat. In ihrer Ende Februar eingereichten Interpellation «Gibt es ein Proletariat?» will sie aufgrund neuester alarmierender Zahlen für die Schweiz von der Regierung wissen, wie viele Personen im Kanton unterhalb der Armutsgrenze leben und wie gross die Gruppe der Working Poor sei. Im Weiteren erkundigt sich die Fraktion nach den privaten und staat­lichen Einrichtungen sowie geplanten Massnahmen zur Bekämpfung von Armut und Armutsgefährdung.