Hilfe ist nicht überall erwünscht

Der Papst hatte dazu aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen. Der St. Galler Bischof Büchel gab das an seine Gemeinden weiter. Auch die Ostschweizer Reformierten nehmen sich der Thematik an. Doch ihre Angebote laufen vielerorts ins Leere.

Julia Nehmiz
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Das Bistum St. Gallen hat seine Pfarreien und Kirchgemeinden aufgefordert, nach Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber zu suchen. Man wurde fündig: 70 Plätze würden aktuell geprüft, sagt Sabine Rüthemann. Eine der Liegenschaften könne bis zu 50 Personen beherbergen. Die Unterkünfte sind gedacht als kantonale Unterkünfte für Flüchtlinge, die ins Asylverfahren eintreten. Die Kommunikationsbeauftragte des Bistums möchte allerdings nicht sagen, wo sich diese Plätze befinden. «Wir wollen nicht unnötig Spekulationen anheizen.» Erst wenn der Kanton die Unterbringungsplätze für gut befunden, Bedarf angemeldet habe und nötige bauliche Massnahmen geklärt seien, werde man kommunizieren, um welche es sich handle. Das Beispiel Amden wirft wohl seinen Schatten voraus. Im Dorf über dem Walensee gingen die Wogen hoch, als die Einwohner aus den Medien erfuhren, dass die Baldegger Schwestern das ehemalige Kurhaus Bergruh als Asylunterkunft zur Verfügung stellten.

Trotzdem wollen die Kirchen weiterhin helfen. «Wir sind schon lange aktiv in der Asyl- und Flüchtlingsarbeit», sagt Rüthemann. Auch was die Unterbringung von Asylsuchenden betreffe. Der Thurhof in Oberbüren, eines der sechs kantonalen Durchgangszentren, sei ein Gebäude des Katholischen Konfessionsteils, das an den Kanton vermietet sei. Aktuell habe man alle Kirchgemeinden informiert, dass die Caritas zuständig sei für die Koordination möglicher Hilfsaktionen und Bedarfsabklärungen. «Es ist nicht sinnvoll, Kleider zu sammeln, die dann nicht gebraucht werden können.» Rüthemann betont, dass man die Millionen Flüchtlinge in Jordanien, Libanon und der Türkei nicht vergessen dürfe, dort sei das Elend akut, für die Nothilfe vor Ort seien Geldspenden dringend nötig.

Dass Bischof Markus Büchel nicht wie sein Basler Kollege Flüchtlinge selber aufnimmt, habe einen simplen Grund: «Der St. Galler Klosterhof eignet sich nicht dafür.» Man habe dort kein Haus, das man Asylsuchenden anbieten könnte. Zudem befinden sich Schule, Stiftsbibliothek und Büros von Ordinariat und Konfessionsteil im Gebäude – die Räume seien alle belegt. Doch Rüthemann hält fest: «Das Engagement des Bischofs misst sich nicht daran, ob er selber Flüchtlinge aufnimmt.»

Auch die katholische Landeskirche Thurgau nimmt sich der aktuellen Flüchtlingsfrage an. Man habe aber noch keine Übersicht, was von den einzelnen Gemeinden an Hilfsangeboten komme. Geplant sei ein Treffen mit der reformierten Landeskirche, um gemeinsam zu überlegen, wie man längerfristig Unterstützung bieten könne.

Kirche will helfen, Antwort bleibt aus

«Wir haben das Thema Flucht und Asyl schon lange auf dem Radar», sagt Kirchenrat Heinz Fäh, der in der reformierten Landeskirche St. Gallen für Flüchtlingsfragen zuständig ist. Zum einen bieten die reformierten Kirchgemeinden seit Jahren verschiedene Hilfsprojekte an. 51 Aktivitäten im Asyl- und Flüchtlingswesen wurden im Oktober 2014 gezählt. «Inzwischen dürften es deutlich mehr sein», sagt Fäh. Die Angebote reichen von Deutschunterricht, Begegnungsabenden, Mittagstischen bis hin zu Familienferien für Flüchtlinge, Migranten und Einheimische.

Das ist nicht alles. Die Pfarreien und Kirchgemeinden sind bereit, bei der Suche nach Wohnraum für Asylsuchende mitzuhelfen. Doch auf Gemeindeebene ist das nicht überall erwünscht. Die VSGP, die Vereinigung St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten, die für die Verteilung der Flüchtlinge auf kommunaler Ebene zuständig ist (siehe Grafik), will mit den Kirchen in der Unterbringungsfrage nicht zusammenarbeiten. «Wir haben schon vor einigen Wochen der VSGP Bereitschaft signalisiert, bei der Suche nach Unterkünften Hand zu bieten», sagt Heinz Fäh, «bis heute blieb eine Antwort aus.»

«Kein Notstand»

Das erstaunt, denn von etlichen Gemeinden ist derzeit zu hören, der verfügbare Wohnraum für Asylsuchende sei ausgeschöpft. Beat Tinner, Präsident der VSGP, winkt ab: «Die Verteilung läuft zur Zeit auf Hochtouren, aber sie funktioniert», sagt er. Die Zuteilung der Asylsuchenden auf die 77 St. Galler Gemeinden sei ein eingespielter Prozess. «Es herrscht kein Notstand in der Bereitstellung von Wohnungen.» Selbst wenn der Zustrom grösser werde, würde man noch Wohnraum auftreiben. Es werde zwar immer schwieriger und zeitintensiver, Wohnraum für Asylsuchende zu bekommen. Das habe er aber schon vor über zwei Jahren gesagt. «Es ist nicht einfach, günstige, ältere Liegenschaften zu finden», sagt Tinner. Neubauwohnungen gäbe es zwar genug, doch seien sie zu teuer und es würde politisch nicht goutiert, Asylbewerber in Neubauwohnungen unterzubringen.

Tinner sieht das Problem beim Kanton. Die Asylsuchenden würden derzeit nur zwei Monate in den kantonalen Durchgangsheimen verbringen. Vorgesehen gewesen seien ursprünglich sechs Monate. «Wir brauchen diesen Vorlauf, um Wohnraum zu schaffen.» Tinner wünscht, die Kapazitäten in den kantonalen Durchgangsheimen zu erhöhen, beispielsweise durch Container-Aufbauten. Bei der Verteilung der Asylsuchenden auf die Gemeinden gebe es hingegen keine Probleme, es müssten keine Sondermassnahmen ergriffen werden, es herrsche kein Notstand. Deswegen habe man auch nicht auf das Angebot der Kirche reagiert.

Private Unterbringung funktioniert selten

Und noch etwas spielt eine Rolle: «Die private Unterbringung erachten wir nicht als zielführend», sagt Tinner. Diese führe leicht zu Problemen, «auch bei Kirchen». Man habe schlechte Erfahrungen damit gemacht. «Nach wenigen Wochen fühlen sich viele Privatpersonen überfordert, sind mit den Aufgaben überlastet und werfen dann das Handtuch.» Einen Flüchtling aufzunehmen bringe viel Arbeit mit sich, erfordere grosses Engagement: Sprachbarrieren, religiöse Ansichten, Krankheitssituationen, die persönlichen Bedürfnisse von Asylsuchenden – man komme schnell an seine Grenzen, warnt Tinner. Er habe selten gesehen, dass eine private Unterbringung funktioniere. Wenn sie scheitere, werde schnell nach der Gemeinde gerufen, sie solle sich wieder um den Asylsuchenden kümmern.

Auch Roger Hochreutener, Geschäftsführer der VSGP, bläst in dasselbe Horn. «Wir haben schon öfters solche Fälle von Spontanhilfe gehabt. Sobald Probleme entstehen, die Anfangseuphorie abgekühlt ist, Konflikte entstehen, die Dankbarkeit seitens der Flüchtlinge etwas nachlässt oder diese mehr Selbständigkeit einfordern, sind die privaten freiwilligen Helfer überfordert und überstellen die Klienten der Gemeinde. Die Gemeinde muss dann immer sofort und umfassend einspringen. Das dürfte bei den Pfarrherren nicht anders sein», schreibt er in einer internen Mail, die der OaS vorliegt. «Hilfe ist gut, aber wir müssen schauen, dass die Aufnahme der neuen Einwohnerinnen und Einwohner auf einer Gemeinde auch funktioniert. Immerhin müssen die Kinder beschult werden, die Krankenversicherungen abgeschlossen sein, Integrationsmassnahmen koordiniert werden, Geld für Haushalt und Unterkunft», schreibt Hochreutener. Zudem müsse man prüfen, dass keine anderen Hintergründe für die Aufnahme ausschlaggebend waren – «wir hatten auch schon Pädophilie als Motiv».

Doch die bürokratischen Hürden halten Helfende nicht auf. So wurde in der Kirchgemeinde Uznach eine Flüchtlingsfamilie privat untergebracht. Näheres ist nicht zu erfahren, der zuständige Diakon möchte die Beteiligten vor den Medien schützen.

Die Stiftung Peregrina, die im Kanton Thurgau für die Unterbringung von Asylsuchenden zuständig ist, sagt: Man sei dankbar für Hilfsangebote, doch könne man aktuell keine neuen Angebote annehmen. Man sei völlig ausgelastet, die aktuellen Hilfsangebote zu überprüfen.