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Hildegard Breiner, die Ikone der Anti-AKW-Bewegung in Vorarlberg

82 Jahre und kein bisschen müde: Zu Besuch bei der Grande Dame des Kernkraft-Widerstands, Hildegard Breiner, in Bregenz – bis heute ein Vorbild für zivilen Ungehorsam.
Christoph Zweili

Diese Bilder haben sich ihr eingebrannt: Der messerscharfe Nato-Stacheldraht am Zaun zur Grossbaustelle. Aus der Hauptstadt ­abgezogene Polizisten, die auf Atomkraft-Gegner eindreschen. Tränengasschwangere Luft, die Augen und Lungen reizt. Szenen wie im Krieg. Das deutsche Wackersdorf gleicht einer Festung. Pfingsten 1985 – das war die wildeste Zeit. Hildegard Breiner, heute die unumstrittene und mehrfach ausgezeichnete Ikone der Anti-AKW-Bewegung in Vorarlberg, zeichnet den Widerstand gegen die mitten im Wald geplante Wiederaufbereitungsanlage für verbrauchte Atombrennstäbe auch heute noch in den Schulen nach.

«Mein verstorbener Mann, ein Maschinenbauingenieur, und ich waren mittendrin in diesem Horrorszenario – 17-mal, um zu protestieren. Mit uns busweise weitere Vorarlberger. Das war der Höhepunkt der Anti-AKW-Bewegung», erzählt sie beim Gespräch in ihrer Wohnung in einer liebevoll umgebauten Brauerei am Fuss der Bregenzer Altstadt.

Widerstand hat in Vorarlberg eine lange Tradition

Freundliches Lächeln, sanfte Stimme, gepflegtes, zurückhaltendes Auftreten: Die fast 50 Jahre zivilen Ungehorsams sieht man Breiner nicht an. Das Alter schon gar nicht. 82? Das kann nicht sein! Auf dem Balkon rollt sie ein Anti-AKW-Transparent aus: «Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen.» Dieser Satz von Immanuel Kant beflügelt sie noch heute. Die Ecke rechts unten auf der Stoffbahn ist überklebt, die Buchstaben «WAA» für «Wiederaufbereitungsanlage» sind gerade noch lesbar, darüber steht das Kürzel «AKW». Ein Stück Zeitgeschichte auf einer Stoffbahn, die für die Überzeugung steht, «dass eine Technik nicht gut sein kann, wenn sie so vom Staat verteidigt werden muss».

Naturschutzbund-Obfrau Hildegard Breiner mit dem Anti-AKW-Transparent auf dem Balkon ihrer Wohnung. (Bild: Hanspeter Schiess)

Naturschutzbund-Obfrau Hildegard Breiner mit dem Anti-AKW-Transparent auf dem Balkon ihrer Wohnung. (Bild: Hanspeter Schiess)

Widerstand hat in Vorarlberg eine lange Tradition. 1964 war’s, als ein neu gebautes Schiff in der Fussacher Werft auf Geheiss der Roten in Wien auf den Namen «Karl Renner», eines ehemaligen SPÖ-Staatskanzlers und späteren Präsidenten des Nationalrats, getauft werden sollte. Das kam den Vorarlbergern gewaltig in den falschen Hals. Alle Bodenseeschiffe trugen Namen von Landschaften oder von Bundesländern. Und dabei sollte es auch bleiben. «Die Volksseele hat gekocht», sagt Breiner. Wutentbrannte Bürger malten den Namen «Vorarlberg» auf die Schiffswand. Erst ein Jahr später gab Wien klein bei: Es blieb beim Namen «Vorarlberg». Das Schiff ist heute noch der Stolz der «Vorarlberg Lines».

20'000 Bürger protestierten gegen die Atomkraft

Der Widerstand gegen die Atomkraft baute auf dieser Erfahrung auf. 1971 gingen in Feldkirch an die 20000 Bürger gegen die Inbetriebnahme des AKW Rüthi auf der andern Seite des Rheins auf die Strasse. «Später verlangte das Land Vorarlberg dann ein ­unabhängiges Gutachten, das die Ungefährlichkeit dieses AKW darlegen sollte. Die Expertise wurde nie gemacht, das AKW Rüthi war damit vom Tisch», ­erzählt Breiner. Ähnlich ging es dem AKW Zwentendorf an der Donau.

Im November jährt sich die Volksabstimmung von 1978 gegen dessen Inbetriebnahme zum 40. Mal. Es ist weltweit das einzige Kernkraftwerk, das zwar fertiggebaut wurde, aber nie ans Netz ging. Die österreichische Bevölkerung sprach sich mit 50,47 Prozent äusserst knapp gegen die Nutzung der Kernenergie aus. «Das Zünglein an der Waage waren die Vorarlberger», sagt Breiner, die zusammen mit ihrem Mann den Widerstand vor Ort mitorganisiert hatte. «Hier im Ländle lag der Nein-Anteil bei fast 85 Prozent.» Noch im ­gleichen Jahr setzte das Bundes­parlament den Schlusspunkt mit dem Atomsperrgesetz. Das Zeitalter der Energiewende war in Europa eingeleitet – auch wenn in Deutschland, Frankreich, Tschechien oder der Schweiz noch immer Atomkraftwerke in Betrieb sind.

Energieautonomie bis 2050

Und heute? Was ist aus dem damaligen Widerstand geworden? Vorarlberg hat 2011 die Energieautonomie bis 2050 beschlossen. Im Mai 2017 hat das Schweizer Volk der Energiestrategie 2050 zugestimmt: Damit ist der länger­fristige Atomausstieg besiegelt. Doch die Bregenzerin ist damit nicht zufrieden: «Die Schweiz produziert den Atomstrom nur für den Export. Auch wenn heute alle AKW vom Netz genommen werden, gibt es noch genug Strom.»

Dann plötzlich wieder ein Erinnerungsfetzen, «fast ein Treppenwitz». Was für eine schöne Ironie: Sowohl aus dem AKW Zwentendorf als auch aus der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf sind Zentren für erneuerbare Energien geworden.

Hildegard Breiner hat diesen Schritt längst gemacht – aus der Vorreiterin für den bürgerlichen Widerstand wurde eine Trendsetterin für zukunftsfähige Energien.

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