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Hitzewelle hält an: In der Ostschweiz wird das Wasser knapp

Der Sommer hat dieses Jahr schon im April begonnen. In der Ostschweiz fällt seit Monaten wenig Regen. Die Trockenheit ist hier im Vergleich besonders ausgeprägt. Nun wird das Wasser auf der Alp knapp. Und für Bademeister die Situation unübersichtlicher.
Kaspar Enz, Janina Gehrig, Michael Genova

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Köbi Alder lenkt eine Motorschubkarre über die Alpwiese zur leeren Kuhtränke. (Bild: Benjamin Manser)

Köbi Alder lenkt eine Motorschubkarre über die Alpwiese zur leeren Kuhtränke. (Bild: Benjamin Manser)

Seit Tagen lautet der Wetterbericht etwa so: Viel Sonne, schwache Bise, harmlose Quellwolken, 26 bis 29 Grad. Regentröpfchen sucht man vergeblich auf den Meteo-Grafiken. Schauer und Gewitter? Die gibt es höchstens gebietsweise, vielleicht über den Bergen. Die Trockenheit hat die Schweiz fest im Griff, die Ostschweiz ist besonders betroffen. Seit April ist hier so wenig Regen gefallen wie zuletzt vor 150 Jahren. In den Gebieten nördlich der Alpen fehlt gemäss Meteo Schweiz die durchschnittliche Regenmenge von ganzen zwei Monaten.

Nur Gewitter statt flächendeckendem Regen

Dass es derzeit gerade in der Ostschweiz wenig regnet, sei keinem speziellen Phänomen, sondern dem Zufall geschuldet, sagt Nikola Ihn von Meteonews. Auch im Tessin, wo es normalerweise häufig Gewitter gebe, sei es derzeit sehr trocken. Seit April gab es weder flächendeckende noch lang anhaltende Niederschläge, sondern vor allem Gewitter. Laut Ihn sind diese lokal immer sehr begrenzt und konnten die Trockenheit nicht ausreichend abschwächen. «Aussergewöhnlich ist aber vor allem, dass wir seit April sommerliche Temperaturen haben.» Die Monate April bis Juni seien im Vergleich zum klimatologischen Mittelwert etwa ein bis zwei Grad zu warm gewesen.

Stephan Bader, Klimatologe bei Meteo Schweiz, liefert eine weitere Erklärung für die «Regenarmut» der letzten Monate. Blockierende Hochdrucklagen würden Störungen über Europa verhindern. Stattdessen liefen sie darum herum. «Das Hoch hockt breit über Europa und blockiert die Tiefs vom Atlantik her.» Seit April habe es fast nur noch Flach- und Hochdrucklagen mit wenig Strömung gegeben.

Unter der Trockenheit leiden vor allem Pflanzen. Ernteausfälle sind eine der Folgen. Laut dem Klimatologen regnet es in der Ostschweiz normalerweise im Sommer mehr als im Winter. «Das ist dieses Jahr anders», sagt Bader. So gerate die Vegetation auf der Alpennordseite schneller in Trockenheitsstress als etwa im Wallis, das von Natur aus eine niederschlagsärmere Region sei.

Waldbrandgefahr und Ozonbelastung

Die sehr trockene Luft nimmt zudem viel Wasser auf, weshalb es in den Kantonen Thurgau und St. Gallen nun verboten ist, aus kleineren Gewässern Wasser zu beziehen. Die Waldbrandgefahr ist gestiegen. So dürfen in den Ostschweizer, Liechtensteiner und Vorarlberger Wäldern sowie in weniger als 200 Meter Entfernung vom Wald keine Feuer entfacht oder Feuerwerk abgebrannt werden. Im Verlaufe der letzten Tage haben immer mehr Gemeinden das Verbot ausgeweitet und ein generelles Feuerverbot erlassen, etwa die Stadt Wil, Kaltbrunn oder Uznach.

Meteorologin Ihn sagt, auch die Ozonbelastung sei aufgrund der starken Sonneneinstrahlung hoch, was vor allem für gesundheitlich angeschlagene und ältere Leute ein Problem werden könne. «Die Hitze ist für alle lebenden Organismen anstrengend.»

Auch Bademeister und Bauern leiden

Auch Bauern, Bademeister und Bootsausflügler leiden also unter der Trockenheit. Auf der Alp droht das Wasser vollends auszugehen. Einige Brunnen sind dort schon versiegt. Auch der Bodenseepegel sinkt, in den vergangenen 28 Tagen im Schnitt täglich um 1,5 Zentimeter. Das hat Folgen für die Schifffahrt. Gewisse Strecken können nicht mehr bedient werden. Und für Bademeister ist die Arbeit anspruchsvoller geworden. Die Badenden halten sich vermehrt ausserhalb der überwachten Zone auf – weil sie erst da – 600 Meter vom Ufer entfernt – den Boden unter den Füssen nicht mehr spüren.

Noch sind keine grösseren Niederschläge in Sicht. «Auch nächste Woche geht es weiter mit hohen Temperaturen und vereinzelten Gewittern», sagt Ihn.

Im Strandbad Wiedehorn: Waten statt schwimmen

Das Wasser reicht normalerweise bis zur Mitte des Stegs. (Bild: Ralph Ribi)
In Ufernähe beträgt die Wassertemperatur bis zu 29 Grad. (Bild: Ralph Ribi)
Badegäste können bis zum Floss hinaus waten. (Bild: Ralph Ribi)
Statt am Fuss der Treppe los zu schwimmen, stehen die Badenden im Wasser. (Bild: Ralph Ribi)
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Strandbad Wiedehorn

Der Bademeister hantiert an der Dusche. Sie ist kaputt. Ausgerechnet jetzt. «Sie ist bald die einzige Abkühlung, die es noch gibt», sagt eine Frau im Bikini. Die Wassertemperatur beträgt 25, in Ufernähe bis zu 29 Grad. Noch liegen wenige Gäste auf ihren Tüchern im Strandbad Wiedehorn in Egnach. Bis zu 500 sind es an guten Tagen. Noch planschen Kinder im schlammigen Wasser, schieben Gummiboote und aufblasbare Flamingos vor sich her. Es riecht nach Sonnencreme, Rauch und Bratwürsten. Noch darf hier grilliert werden.

Die Lage wird für den Bademeister unübersichtlich

Verboten ist hingegen das Springen vom Steg. Wer die Treppe runtersteigt, gleitet nicht schwimmend ins Wasser, sondern steht erst einmal im 70 Zentimeter tiefen Wasser. Der Pegel des Bodensees ist so tief wie zuletzt im Februar. Allein in diesem Monat ist er um 40 Zentimeter gesunken, wie die Messungen der Wetterstation in Arbon zeigen. Das erschwert die Arbeit des Bademeisters. Imi Füsi zeigt auf den Horizont. Ein Paar steht weit hinter der Boje im See, ihre Köpfe sind kaum mehr zu sehen. «Viele wandern jetzt so weit hinaus in den See, weil sie zum Schwimmen den Boden unter den Füssen nicht mehr spüren wollen. Dort draussen ist aber nicht mehr Schwimmzone», sagt Füsi. Dort, fast 600 Meter vom Ufer entfernt, rasen Motorbote mit 40 Stundenkilometern über das windstille Wasser.

«Das Wasser am Ufer ist trüb und dreckig»

Vor wenigen Tagen musste Füsi das Floss versetzen. Dessen Leiter wäre sonst auf dem Seegrund angestanden. Füsi arbeitet seit fünf Jahren im Strandbad Egnach. «Noch nie hatte es so wenig Wasser wie jetzt», sagt er. Normalerweise sehe der See im Frühling so aus. Bis Mai und Juni fülle das Schmelzwasser aus den Bergen das Becken aber auf. «Dieses Jahr ist alles anders.» Den Rasen, der da und dort braun gebrannt ist, bewässere er schon lange nicht mehr. «Es ist zu heiss, es bringt nichts.»

Die Rampe, die in den See führen soll, bringt auch nicht mehr viel. Das Geländer, das normalerweise bis zur Mitte im Wasser steht, hört lange vor dem Wasser auf. Eine ältere Frau torkelt über die Steine, die Arme zum Balancieren ausgebreitet. Die Besucher des Strandbades finden das «nicht mehr so lauschig» wie eine Frau sagt, die mit ihrem Kind im Schatten eines Baumes sitzt. «Vom Baden abhalten lasse ich mich aber trotzdem nicht. Und die Wärme, die geniesse ich.»

Tatsächlich, sagt Füsi, zähle er diesen Sommer weniger Badegäste. «Den einen ist es zu lange schon zu heiss. Dann bietet das Baden keine Abwechslung mehr.» Andere störten sich am Seegras, das nun plötzlich weiter hinauf reiche. «Das Wasser ist trüb und dreckig. Ich gehe nur schnell rein und wieder raus», sagt eine junge Egnacherin. Ihre Kollegen unter dem Sonnenschirm zucken mit den Schultern, nehmen einen Schluck Bier.

Ratlose Gesichter auch vor der Dusche. Die Brause gibt noch immer keinen Tropfen von sich. «Jetzt kommen dann wieder die Entenflöhe, bei den warmen Wassertemperaturen», sagt die Frau im Bikini. «Der Monteur ist unterwegs», beschwichtigt Füsi. Auch er hofft auf eine Dusche von oben.

Alp Gubel: Das blaue Gold schlummert im Berg

Älpler Köbi Alder transportiert mit der Motorschubkarre Wasser zur Kuhtränke. (Bild: Benjamin Manser)
Köbi Alder und sein Sohn Ueli füllen einen versiegten Brunnen mit Wasser. (Bild: Benjamin Manser)

Die Alp Gubel liegt oberhalb von Ebnat Kappel auf rund 1200 Metern, die Familie Alder aus Hemberg bewirtschaftet sie bereits in fünfter Generation. (Bild: Benjamin Manser)
Ueli Alder prüft mit seinen beiden Töchtern Irene und Renate einen Schacht, der das Quellwasser zur Zisterne leitet. (Bild: Benjamin Manser)

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Alp Gubel

Wie ein dünner Faden rinnt das Wasser aus dem Brunnenrohr vor dem Alpstall. Ueli Alder steht daneben und sagt: «Jetzt ist es wichtig, dass alles dicht ist.» Kein Tropfen darf verloren gehen. Eine der sieben Quellen ist bereits ausgetrocknet, aus den anderen sprudelt es nur noch spärlich. Wenn es weiter so heiss bleibe, werden weitere Quellen versiegen, prophezeit Alder.

Die Alp Gubel liegt oberhalb von Ebnat Kappel auf rund 1200 Metern. In einer Senke unterhalb des Gubelspitzes hat die Familie Alder kürzlich einen neuen Stall errichtet, die Alp bewirtschaften sie bereits in der fünften Generation. Vor acht Wochen sind die Alders mit drei Braunviehkühen und 20 Holstein-Rindern hier hochgekommen. Erst in sieben Wochen wollen sie in ihren Talbetrieb nach Hemberg zurückkehren – wenn der Regen mitspielt.

Die Älpler tragen das Wasser dem Vieh nach

Ueli Alders Vater Köbi biegt um die Ecke. Er trägt einen weissen Bart, auf dem Kopf eine verblichene Stoffmütze. Sein nackter, muskulöser Oberkörper ist braungebrannt. Köbi Alder lenkt eine Motorschubkarre, auf der er zwei blaue Fässer transportiert. Gefüllt hat er sie am ergiebigsten der drei Brunnen, der rund 300 Meter tiefer liegt. Dort haben die Kühe den Hang bereits abgegrast. «Deshalb müssen wir das Wasser nun dem Vieh nachtragen», sagt Alder. Auf der Weide neben dem Alpstall stoppt Köbi Alder die Schubkarre vor einem weiteren Brunnen. Gemeinsam lassen Vater und Sohn den Inhalt eines Fasses in den Trog plätschern. Aus diesem Brunnenrohr fallen schon seit Tagen nur noch müde Tropfen.

Am späten Vormittag ist die Weide leer. Die Rinder liegen im Stall, geschützt vor der aufsteigenden Mittagshitze. Hund Bärli wacht über die schlummernde Herde. Erst nach Sonnenuntergang werden die Rinder ins Freie zurückkehren und die ganze Nacht über nach den grünsten Gräsern suchen.

Während die Bauernfamilie mit Kübeln und Fässern gegen die Trockenheit kämpft, spüren die Tiere noch nichts vom wachsenden Wassermangel. Im Stall sind blaue Tränkebecken installiert. Wenn die Kühe sie mit ihrer Schnauze anstossen, beginnt es zu sprudeln. Das Wasser kommt aus einer Zisterne, die hoch über der Alp in den Hang gegraben wurde. Das Reservoir fasst 5000 Liter und ist noch zu drei Vierteln gefüllt. Doch der Pegel sinkt von Tag zu Tag.

Eine Milchkuh trinkt 100 Liter pro Tag

In kühlen Nächten, wenn Tau auf dem Gras liegt, brauchen die Tiere nicht so viel Flüssigkeit. Doch bei den aktuellen Temperaturen trinkt eine ausgewachsene Milchkuh rund 100 bis 120 Liter Wasser pro Tag, Rinder begnügen sich mit 50 bis 60 Litern. Er habe keine Milchkühe, deshalb sei sein Bedarf nicht so hoch, sagt Ueli Alder. Trotzdem kommt ganz schön was zusammen. «1000 Liter sind schnell weg.»

Auf anderen Ostschweizer Alpen sind die Wassertanks bereits leer. Ein Super-Puma-Helikopter der Armee hat diese Woche die Alp Oberchäseren oberhalb von Amden mit Wasser beliefert. Vierzigmal hat der Helikopter den 1000-Liter-Behälter im Walensee aufgefüllt. Nun sind die 130 Tiere und die Bergwirtschaft für die kommenden Wochen versorgt.

Er habe keine Milchkühe, deshalb sei sein Bedarf nicht so hoch, sagt Ueli Alder. Trotzdem kommt ganz schön was zusammen. «1000 Liter sind schnell weg.» Auf anderen Ostschweizer Alpen sind die Wassertanks bereits leer. Ein Super-Puma-Helikopter der Armee hat diese Woche die Alp Oberchäseren oberhalb von Amden mit Wasser beliefert. Vierzigmal hat der Helikopter den 1000-Liter-Behälter im Walensee aufgefüllt. Nun sind die 130 Tiere und die Bergwirtschaft für die kommenden Wochen versorgt.

Ebenfalls diese Woche musste sich das Berggasthaus auf dem Rotsteinpass per Helikopter 8000 Liter Wasser liefern lassen. Die Bergwirtschaft ist komplett auf Regenwasser angewiesen und war kurz davor, den Betrieb einzustellen. Bereits vor einer Woche wurde die Alp Furgglen auf der Südseite des Mattstocks mit zehn Wasserflügen unterstützt. Ohne die Schweizer Armee stünden zurzeit durstige Wanderer vor geschlossenen Berggasthäusern.

Auf der Alp Gubel macht sich allerdings noch keine Hektik breit. Ueli Alder hat sich einen Notfallplan zurechtgelegt. Im Steintal bei Ebnat Kappel besitzt die Familie eine weitere Quelle, die sie anzapfen könnte. Sollte die Trockenperiode anhalten, würde Alder dieses Wasser mit dem Traktor über die kürzlich ausgebaute Zufahrtsstrasse zur Alp hoch transportieren.

Ums Futter macht sich Ueli Alder hingegen wenig Sorgen. Noch finden die Tiere genügend grüne Gräser. Die Trockenheit sei gar nicht so schlecht für den Alpboden, der gewöhnlich eher zu sumpfig sei. Doch in diesem Jahr setzt die Dürre dem Boden ganz schön zu. Alder zeigt auf einen Hang, dessen Farbe allmählich ins Braune abrutscht. «Zwei, drei Tage Regen würden schon reichen, damit das Gras wieder grüner aussähe», sagt er. In den vergangenen Wochen gab es jedoch nur kurze Schauer. Viel lieber wären ihm anhaltende Regenfälle, denn die Wirkung der Sommergewitter verpufft rasch. Sie lassen die Quellen blitzartig anschwellen. Aber genauso schnell sind sie wieder versiegt.

Die Natur diktiert die Regeln

Ueli Alder klettert flink den Berg hoch, gefolgt von seinen beiden Töchtern Irene und Renate. Ohne Mühe findet er einen unscheinbaren Schachtdeckel, der nur knapp aus dem Gras hervorschaut. Es ist die Öffnung zur Zisterne, die er erst vor zwei Jahren gebaut hat. Ohne diese eiserne Reserve wäre ihm das Wasser längst ausgegangen. Er hebt den Deckel und wirft einen prüfenden Blick in die Tiefe. Hier schlummert das blaue Gold. Wie lange wird es noch reichen? Ueli Alder kaut auf einem Strohhalm, hält einen Moment inne und sagt: «Das weiss niemand.» Die Natur könne man nicht beeinflussen. «Wir müssen lernen, uns anzupassen.»

Alter Rhein: Die Fahrt der Entscheidung

Trockenheit: SBS-CEO Andrea Ruf und Kapitän Richard Gafner prüfen die Linie zwischen Rorschach und Rheineck.
Die Schweizerischen Bodenseeschifffahrt stellt die Strecke den Alten Rhein hinauf ab Morgen ein.
Richard Gafner ist einer der erfahrensten Seeleute der SBS-Flotte.
Von dieser Landzunge in der Mündung des Alten Rheins wäre gewöhnlich nur wenig zu sehen. Nun weiden hier Rinder.
SBS-CEO Andrea Ruf geniesst die Aussicht.
In Rheineck warten die Passagiere für die Rückfahrt - die Strecke ist gerade bei Wanderern beliebt.
Wie viel Wasser noch unter dem Schiff in der Fahrtrinne liegt, ist nicht klar. Aber es wird immer weniger.
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Alter Rhein

Kaum mehr als das Oberdeck der «Rhynegg» schaut über die Hafenmole hinaus. Ein Dutzend Fahrgäste steigen den steilen Steg hinab ins Schiff nach Rheineck. «Hat es noch genug Wasser? Fahrt Ihr denn überhaupt?», fragt ein Passagier. «Ein paar Tage noch», bekommt er zur Antwort. Wie viele, das will Andrea Ruf auf dieser Fahrt entscheiden. «Es zeichnet sich ab, dass wir diese Strecke ab Montag nicht mehr fahren», sagt die Geschäftsführerin der Schweizerischen Bodenseeschifffahrt.

Enthüllungen neben der Fahrtrinne

Dabei sieht es am Rorschacher Hafen noch nicht dramatisch aus. «Das trügt etwas», sagt Kapitän Richard Gafner. Offiziell liege der Wasserpegel im Bodensee 70 Zentimeter unter dem Mittel. «Da kann man sich fragen, wie das errechnet wurde.» Aber 30, 40 Zentimeter mehr Wasser wären gut. Die zeigen sich schon bei der Mündung des Alten Rheins. Eine Landzunge reicht bis zu den Signaltafeln hinaus, Rinder weiden darauf. «Von der sieht man sonst nur wenig.» Die Strecke nach Rheineck sei speziell, sagt Andrea Ruf. Sonst fahren ihre Schiffe in den offenen See hinaus. «So nahe ans Ufer kommen wir sonst nie. Und das in einem Naturschutzgebiet.» Jetzt ist die Fahrt noch aussergewöhnlicher. Etwas hinter der Mündung ist abseits der Fahrtrinne eine Insel aus Kies und Sand aufgetaucht. Weiter flussaufwärts enthüllt die Trockenheit eine mächtige Biberburg. «Dem gefällt das auch nicht», sagt ­Gafner.

Er ist einer der erfahrensten Seeleute der Flotte, er bildet den Nachwuchs aus, nimmt Prüfungen ab. Jetzt steuert er das Boot vorsichtig genau in der Mitte der Fahrtrinne, es zittert kaum. Gafner nutzt beide Schiffsschrauben, nicht wie sonst auf dieser Strecke. «Wenn wir schneller fahren, zieht uns die Schraube hinten runter.» Deshalb verteilt er die Zugkraft auf beide Schrauben. Denn jeder Zentimeter zählt. Die «Rhynegg» hat 1,25 Meter Tiefgang. «Es hat schon noch etwas Wasser unter dem Schiff.» Aber wie viel noch? Zwar wird die Fahrtrinne alle paar Jahre ausgebaggert, aber wie tief sie ist, weiss man oft erst, wenn man aufläuft. Bäche und Zuflüsse bringen Kies, Sand und Holz. «Wenn es im Appenzellerland ein Gewitter gibt, kommen manchmal ganze Bäume.»

Wie der Steinlibach, einen Kilometer vor Rheineck. Er ist nur mehr ein Rinnsaal. Aber seit hier zum letzten Mal ausgebaggert wurde, hat der Bach eine Insel aus Kies aufgeschüttet, die nun aus dem Wasser ragt. Und jeden Tag sinkt der ­Pegel um weitere drei Zentimeter. Für Kursschiffe wird es immer enger im Alten Rhein. «Dabei hat man Anfang Jahr noch von den drohenden Hochwassern geredet, weil es so viel Schnee gab», sagt Gafner. Aber der Schnee ist verdunstet, lange bevor er die Flüsse hinabfliessen konnte.

Für manche Häfen reicht das Wasser nicht

Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass der Kurs von Rorschach den Alten Rhein hinauf eingestellt würde. «Vor zwei Jahren fuhren wir wegen des Hochwassers ein paar Tage nicht», sagt Ruf. Manchmal geschieht es Ende August, Anfang September, etwas bevor im Herbst die Saison ganz vorüber ist. «Aber so früh, das haben wir noch nie gesehen.» Zumindest nicht, seit die Linie von der SBS gefahren wird. Durchaus ein Verlust, meint Ruf. «Sie wird oft für Rundreisen benutzt. Auch für Wanderungen nach Heiden ist sie oft ein Ausgangspunkt.» Die Trockenheit macht den SBS nicht nur am Alten Rhein zu schaffen. Bad Schachen bei Lindau können die Schiffe nicht mehr erreichen. Auf der Insel Mainau ist die seitliche Anfahrt des Steges nicht mehr möglich. Ein Sorgenkind könnte bald auch der Kreuzlinger Hafen werden. «In der Einfahrt gibt es eine Untiefe», sagt Gafner. «Und es fehlen verstellbare Stege.» In Rheineck wartet eine Menschentraube auf das Schiff. Doch nun kommt der wichtigste Test. Hier muss Gafner wenden. Der Fluss ist schon bei hohem Pegelstand eng. «Da kann ich es mir aber leisten, mit der Nase etwas ins Schilf zu kommen», sagt Gafner und beginnt an den Geräten zu hebeln.

Trotz Rascheln im Schilf ist das Wendemanöver geglückt, die «Rhynegg» nimmt wieder Kurs auf Rorschach. «Es ist jetzt klar: Länger als bis Sonntag fahren wir nicht», sagt Ruf. Auch mit kleineren Schiffen wie der «Altenrhein» wird es bald zu gefährlich. «Wenn es einen Schaden gibt, zahlt die Versicherung auch nicht mehr. Dann wären wir selber schuld.» Und so bleibt es auch, bis es regnet, aber richtig. «30 bis 40 Zentimeter Niederschlag, vorher fangen wir nicht wieder an», sagt Ruf. «Sonst müssen wir ein paar Tage später wieder aufhören, das bringt nichts.» Aber die SBS biete ja noch andere schöne Schifffahrten an, sagt sie. «Grad bei dieser Hitze ist eine Fahrt auf dem See eine Wohltat. Hier weht noch eine kühle Brise

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