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«Hier bleibe ich, dachte ich»

Die Universität St. Gallen verliert eine profilierte Professorin: Kerstin Odendahl, Professorin für Völker- und Europarecht und Vorsteherin der Juristischen Abteilung, zieht nach Kiel. Als letztes trieb sie die Reform des Jus-Studiums voran – mit Erfolg.
Klare Gedanken, klare Gesten: Kerstin Odendahl ist eine brillante Wissensvermittlerin, wofür sie die HSG-Studenten mit dem Teaching Award auszeichneten. (Bild: Benjamin Manser)

Klare Gedanken, klare Gesten: Kerstin Odendahl ist eine brillante Wissensvermittlerin, wofür sie die HSG-Studenten mit dem Teaching Award auszeichneten. (Bild: Benjamin Manser)

Frau Odendahl, sitzen Sie auf gepackten Koffern?

Kerstin Odendahl: Nein, nein, ich bin noch bis Ende Januar Dekanin und bleibe bis dahin in St. Gallen.

Im Frühling erzählten Sie, Sie würden gerade das Haus umbauen.

Odendahl: Richtig. Ich habe mir Ende 2009 ein Haus gekauft und es liebevoll renoviert. Damals dachte ich: «Hier bleibe ich.» Ich hätte nicht gedacht, dass ich kurz später gehe.

Warum verlassen Sie St. Gallen?

Odendahl: Der Grund ist beruflich. Ich habe ein Angebot einer sehr guten juristischen Fakultät bekommen, das man einmal im Leben bekommt. Ich konnte es nicht ablehnen.

Sie übernehmen das Walter-Schücking-Institut in Kiel. Was ist das Spezielle an diesem Institut?

Odendahl: Es ist das älteste und bekannteste universitäre Völkerrechtsinstitut Deutschlands, das demnächst 100 Jahre alt wird. Es hat eine der grössten Völkerrechtsbibliotheken und eine hervorragende Forschungskultur.

Es gibt das berühmte German Yearbook of International Law heraus. Und es verfügt über beste internationale Kontakte: Das Institut ist ein Juwel in der Völkerrechtslandschaft.

An der Uni St. Gallen leiten Sie die Rechtswissenschaftliche Abteilung. Sie waren lange Zeit die einzige Jus-Professorin. Es heisst, Sie seien sehr einsam gewesen.

Odendahl: Nein, einsam war ich nie.

Zum Teil hatte ich es als Frau sogar besonders gut, weil manche Männer sehr charmant, höflich und kooperationsbereit waren. Aber natürlich hat man es als einzige Frau in einer reinen Männergruppe nicht immer leicht.

Sie mussten sich also männlicher geben, als Ihnen lieb war?

Odendahl: In gewissen Augenblicken musste ich doch etwas härter, zielstrebiger, klarer auftreten. Ich habe mich aber nicht verstellen müssen.

Wie sind Sie denn?

Odendahl: Ich arbeite hart und diszipliniert, bin aber lateinamerikanisch geprägt und daher spontan und voller Lebensfreude. Ganz besonders schätze ich den Kontakt mit den Studenten. Das war ein Highlight in St. Gallen. Ich habe die Studenten gemocht und glaube sagen zu können, dass sie mich gemocht haben. Dass ich nach meinem ersten Jahr den Teaching Award bekam, darüber freue ich mich noch heute.

Sie lehren Internationales Recht, sind selbst eine Kosmopolitin. Ihre Biographie und Ihr Beruf scheinen eng verflochten.

Odendahl: Das ist mit Sicherheit so. Bei vielen Kolleginnen und Kollegen des Internationalen Rechts ist es ähnlich, sei es, weil die Eltern verschiedener Nationalität waren, oder weil man im Laufe seines Lebens an verschiedenen Orten gelebt hat.

Man sieht dann, dass es verschiedene Nationen und Kulturen, aber zum Teil auch dieselben Probleme gibt, die möglicherweise anders oder nur zusammen gelöst werden können. Oft ergibt sich daraus eine Tätigkeit im internationalen Bereich.

In der Schweiz hat man oft das Gefühl, das Interesse sei nicht sehr gross, Probleme in der internationalen Gemeinschaft zu lösen.

Odendahl: Das ist kein schweiztypisches Problem.

Sondern?

Odendahl: Das ist eine politische Sicht. Manche glauben immer noch, dass der Staat heutzutage in der Lage sei, seine Probleme allein zu lösen. Die Schweiz ist international gesehen ein engagierter und verlässlicher Partner. Zwar ist sie nicht in der EU, aber sie arbeitet mit der EU sehr eng zusammen – viel enger, als der Normalbürger sich das vorstellt.

Es gibt bei den Bilateralen rund 120 Verträge, 10 weitere Verträge, die in Verhandlung sind, den autonomen Nachvollzug von EU-Recht. Trotzdem wird über das Ende des bilateralen Wegs gesprochen.

Odendahl: Der bilaterale Weg ist derzeit in der Diskussion, weil er aufgrund seiner Struktur kompliziert geworden ist. Die Verträge werden zu einem bestimmten Zeitpunkt geschlossen.

Die Schweiz übernimmt das zu dem Zeitpunkt geltende EU-Recht, um etwa für bestimmte Produkte einen Gemeinsamen Markt mit der EU herzustellen. Das EU-Recht entwickelt sich aber weiter. Gegenüber der Schweiz bleibt hingegen das alte Recht bestehen.

Können Sie das weiter ausführen?

Odendahl: Es gibt für jeden Vertrag einen Gemischten Ausschuss, der entscheidet, ob neues EU-Recht von der Schweiz für den jeweiligen Vertrag übernommen wird. Die Ausschüsse arbeiten aber unabhängig voneinander.

Die Folge ist, dass bei jedem Vertrag separat geprüft werden muss, auf welchem Stand des EU-Rechts er sich gerade befindet. Es ist kompliziert.

Aber juristisch interessant.

Odendahl: Hochinteressant, aber für die Praxis katastrophal. Seitens der EU wird das nun auch thematisiert. Dabei hat die EU aber nie gefordert, dass die Schweiz ihr beitreten soll.

Stellt die EU juristische Forderungen oder ist das pure Politik?

Odendahl: Die Erklärungen der EU waren juristische Forderungen, weil die derzeitige Situation für beide Seiten kaum mehr durchschaubar ist.

Wenn Sie Gutachterin wären, was würden Sie der Schweiz empfehlen?

Odendahl: Bei den bilateralen Verträgen zu bleiben. Aber die Schweiz und die EU sollten ein Rahmenabkommen abschliessen.

Dadurch könnten sie einen einzigen Gemischten Ausschuss einsetzen, der dafür sorgt, dass alle Verträge auf dem gleichem Stand sind. Zudem könnten sie die Möglichkeit schaffen, den Europäischen Gerichtshof anzurufen, wenn entweder die Schweiz oder die EU gegen einen der Verträge verstösst. Das ist heute nicht möglich, obwohl es wiederholt zu Schwierigkeiten kam.

Als Alternative könnten die Schweiz und die EU auch einen eigenen Gerichtshof für die bilateralen Verträge ins Leben rufen.

Würde das Abkommen tatsächlich helfen, die unsägliche Bürokratie abzubauen?

Odendahl: Sicher. Das Geflecht von bürokratischen Strukturen ist ein enormes Problem. Mehrfach haben mich Kantons-, Bundesbehörden oder Praktiker angerufen und gefragt: «Sagen Sie mir doch bitte, welche der bis heute 17 Fassungen der Richtlinie XY im Verhältnis

Schweiz–EU im März 2004 gegolten hat?» Nicht wenige Male brauchte ich Tage, um die Frage zu beantworten. Ich sage meinen Studenten immer: «Wenn Sie reich werden wollen, sollten Sie sich auf die rechtlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU spezialisieren.»

Sie verlassen die Uni St. Gallen noch vor der Umsetzung der von Ihnen mitgestalteten Reform des Jus-Studiums. Was passiert mit dem Europa- und dem Internationalen Recht?

Odendahl: Die Uni St. Gallen war die erste Schweizer Uni, die das Völker- und Europarecht für alle, die Jus oder Internationale Beziehungen studierten, zur Pflicht gemacht hat.

Das bleibt so?

Odendahl: Das ist und bleibt so.

Sie reduzieren aber die Anzahl Pflichtfächer?

Odendahl: Gerade haben wir die Reform der beiden Jus-Bachelor verabschiedet. Das Ziel der neuen Bachelorstufe ist die Vermittlung solider Grundlagen.

Wir haben nicht mehr viele kleine Fächer, sondern wenige grosse.

Was ändert beim Master?

Odendahl: Die Reform wird erst 2011 abgeschlossen. Im Master soll es eine grosse Wahlfreiheit geben. Wir diskutieren mögliche Schwerpunkte im Master of Law sowie eine neue Struktur des Master of Law and Economics.

Vor der letzten Reform wurde vor allem der hohe Anteil des Selbststudiums heftig kritisiert.

Odendahl: Der Anteil bleibt an sich gleich. Neu ist aber, dass das Selbststudium in Form von vorlesungsbegleitenden Übungen und Tutorien durchgeführt wird. Fächer ausschliesslich im Selbststudium wird es nicht mehr geben.

Sie können die Früchte der Reform nun nicht mehr ernten.

Odendahl: Das kann man so sagen. Aber man sollte Dinge nicht nur deshalb tun, weil man die Ernte einfahren möchte. Ich habe eines meiner Hauptziele als Dekanin erreicht. Die Jus-Studienreform ist geglückt.

Ich bin heilfroh drüber und kann beruhigt gehen – wenn auch schweren Herzens. St. Gallen ist mir ein Stück Heimat geworden.

Interview: Philippe Reichen

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