HEV-JUBILÄUM: Gute Zäune, gute Nachbarn

Der St. Galler Hauseigentümerverband, einer der grössten der Schweiz, feierte in der Lokremise sein 100-Jahr-Jubiläum. Eindrücke eines Festakts mit vielen Gästen, die fast in der Überzahl waren.

Michael Hug
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St. Galler Politprominenz am Festapéro des Hauseigentümerverbandes: Ob Karin Keller-Sutter Beni Würth gerade den Eigenmietwert erklärt?

St. Galler Politprominenz am Festapéro des Hauseigentümerverbandes: Ob Karin Keller-Sutter Beni Würth gerade den Eigenmietwert erklärt?

Michael Hug

ostschweiz@tagblatt.ch

Es gibt viele Arten von Grundeigentum: Häuser, Wohnungen (auch solche von der ersten Etage an aufwärts, die über keinen eigentlichen «Grund» verfügen), Fabriken, Schlösser. Die, die solches besitzen, die Grund- und Hauseigentümer des Kantons St. Gallen respektive die Delegierten der 17 HEV-Regionalvereine, waren am Montag in die Lokremise nach St. Gallen geladen. Es galt den hundertsten Geburtstag ihres Hauseigentümerverbands zu feiern (Ausgabe vom 19. Juni); ein bereits nachmittags um 17 Uhr angesetztes Fest mit Apéro, Diner und Musik, das die Delegierten selbstverständlich nichts kostete.

100 Jahre HEV St. Gallen – ein stolzes Jubiläum. Da braucht es einen Festakt, prominente Gäste, edlen Champagner und natürlich auch ein paar Vereinsmitglieder. Derer hat der St. Galler Verband sehr viele, am viertmeisten beim HEV Schweiz, 30000 nämlich. Zum Fest sind aber nicht viele erschienen. «Es hat ja fast mehr Gäste als andere», raunt ein Mitglied, «man hat es bei den Abstimmungen gesehen.» Tatsächlich: die vorderen zwei Stuhlreihen sind von Gästen besetzt, die bei der Abarbeitung der Traktanden die Hand nicht erheben. Die Gästeliste ist illuster: eine Ständerätin (Karin Keller-Sutter), zwei Regierungsräte (Marc Mächler und Beni Würth), mindestens ein Dutzend Kantonsräte aus FDP, SVP und CVP (für SP und Grüne gibt’s schliesslich den Hausverein), diverse Vereinspräsidenten wichtiger gewerblicher St. Galler Vereine sowie HEV-Vertretende benachbarter Kantone bilden die Prominenz am HEV-Festakt, der, wie gesagt, auch eine ganz normale Hauptversammlung ist, ohne hier nennenswerte Geschäfte.

Die Sache mit dem Eigenmietwert

Kein Fest ohne Reden, und je wichtiger das Fest, desto prominenter die Redner – und desto länger die Reden. Gemäss einer ungeschriebenen Festredenregel spricht der Gastgeber zuerst (Walter Locher, Präsident HEV SG), dann ein ziemlich wichtiger Redner (Beni Würth, St. Galler Volkswirtschaftsdirektor) und dann der höchste und wichtigste Gast – in diesem Fall die St. Galler FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter. Verbandspräsident und Kantonsrat Walter Locher spricht vom grossen Willen, den die Gründer des HEV St. Gallen 1917 hatten, Regierungsrat Würth von Übereinstimmungen und gemeinsamen Interessen von Politik und Hauseigentümern. Und Keller-Sutter beschwört in ihrer Festrede den Stellenwert des Privateigentums für die Freiheit und die Demokratie. Das Eigentum sei derzeit «zunehmend verpönt», sagt die Ständerätin: «Weit verbreitet ist die Ansicht, dass es mir deshalb schlecht geht, weil andere mehr haben und mehr besitzen.» Die sozialistischen Annahmen, wonach das Eigentum in irgendeinem Spätstadium erfunden worden sei und davor hätte ein Zustand primitiven Kommunismus geherrscht, seien von mehreren Ökonomen widerlegt worden. Vielmehr sei unsere Zivilisation auf der Grundlage einer Handelsordnung entstanden, die durch die Abgrenzung geschützter Bereiche von Einzelpersonen oder Gruppen möglich werde. «Gute Zäune machen gute Nachbarn!», stellt Keller-Sutter fest. «Die Menschen können ihr Wissen zur Verfolgung ihrer Ziele kollisionsfrei nur dann gebrauchen, wenn sich zwischen ihren Bereichen freien Handelns eindeutige Grenzen ziehen lassen.»

Die Freiheit beginnt hinter Zäunen – aber bitte ohne Eigenmietwert: Dieser müsse nun endgültig weg, da sind sich die Ständerätin und der Verbandspräsident einig – und die Delegierten sowieso. Regierungsrat Würth runzelt derweil die Stirn. Nicht umsonst ist ein wichtiger Eingeladener dem Fest in St. Gallen ferngeblieben: der Präsident des HEV Schweiz, Hans Egloff. Der ist Nationalrat und musste als Mitglied der zuständigen Kommission, die gerade die Sache mit dem Eigenmietwert auf Bundesebene diskutiert, an einer entscheidenden Sitzung teilnehmen.

Weisser Walliser und roter Portugiese

Doch dann wird es locker. Der Apéro mit Champagner und O-Saft ruft, das Diner mit Kalbsrücken und Kartoffelstock (an Morchelsauce). Dazu einen Weissen aus dem Valais und einen roten Portugiesen. Wo man vorher schweigen musste (während der Reden), lässt man nun der freien Meinung freien Lauf. Man freut sich ob des Zusammenkommens und des Geniessens. Und ob der Musik, die in Gestalt von Willi Valotti und seinem Item-Quartett richtig schmissig-gmögige Feiermusik spielt. So gegen neun wird dann klar, warum die Feier schon so früh begonnen hat: Die Damen und Herren Gäste, Politikerinnen und Politiker, machen sich allesamt früh aus dem Staub. Wird wohl ein strenger Tag morgen, mit oder ohne Eigenmietwert.