Heute vor Gericht
Ein Serientäter soll in der Region St.Gallen mehrere Banken überfallen – und dabei fast eine Million erbeutet haben

Der junge Mann aus dem Thurgau hat gemäss Anklage über Jahre hinweg Bankfilialen und Tankstellen ausgeraubt. Bewaffnet mit einer ungeladenen Gaspistole, floh er mal im auffälligen Sportwagen, mal auf dem Velo. Heute steht mutmasslicher Täter vor dem Kreisgericht Rorschach. Ihm drohen sechs Jahre Gefängnis.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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August 2019: Der mutmassliche Täter überfällt einen Tankstellenshop in Arbon.

August 2019: Der mutmassliche Täter überfällt einen Tankstellenshop in Arbon.

(Bild: Kapo TG)

Ganze neun Mal soll er innert drei Jahren zugeschlagen haben. Der heute 27-jährige Schweizer, für den die Unschuldsvermutung gilt, hat gemäss Anklageschrift zwischen 2016 und 2019 sieben Banken und zwei Tankstellen überfallen. In Wittenbach, Steinach, Sirnach, Erlen, Arbon und Bischofszell. Stets ausgerüstet mit einer ungeladenen Gaspistole, meist mit Schal und Kapuzenpullover maskiert.

«Keine Polizei», sagte der grossgewachsene Mann der Anklageschrift zufolge jeweils zu den Bankangestellten, ehe er sich mit der Beute aus dem Staub machte. Bei seinem ersten Überfall auf die Raiffeisenbank Steinach floh er noch auf einem Velo, das er vor dem nahegelegen Solarium abgestellt hatte. Später brauste er auch mal mit einem Audi A3 oder einem Porsche Cayenne davon.

Dieselben Filialen mehrfach überfallen

In der Gemeinde Wittenbach, die gemäss Kantonspolizei wegen der vielen Fluchtwege bei Räubern beliebt ist, soll der Mann dreimal zur Tat geschritten sein. Am 28. Oktober 2016 erbeutete er 275'600 Franken in der Acrevis-Filiale an der St.Gallerstrasse. Keine neun Monate später tauchte er erneut in derselben Bank auf – und entkam mit einer Lidl-Tasche voller Geldscheine im Wert 45'800 Franken. Wenige Wochen später gab Acrevis bekannt, die Filiale in Wittenbach zu schliessen. Als Hauptgrund nannte die Bank die beiden Überfälle.

Im August 2019 liess sich der mutmassliche Täter in der Wittenbacher Coop-Pronto-Tankstelle von zwei Angestellten 1'690 Franken in seinen Rucksack stopfen, nachdem er bei einem Überfall auf eine Agrola-Tankstelle in Arbon leer ausgegangen war. Dort hatte eine Angestellte gemäss Anklageschrift einen falschen Knopf gedrückt, sodass der Strom ausging und sich die Kassen nicht öffnen liessen.

Auch die Filiale der Thurgauer Kantonalbank in Sirnach soll der Angeklagte zweimal innert weniger Monate heimgesucht haben, wobei er insgesamt rund 232'000 Franken erbeutete. Ebenso schreibt die Staatsanwaltschaft dem jungen Mann einen Überfall auf die Kantonalbank in Bischofszell zu. In Erlen musste der mutmassliche Täter allerdings unverrichteter Dinge von dannen ziehen: Weil sich die innere Banktür der dortigen Kantonalbankfiliale nur per Druckknopf der Bankangestellten öffnet lässt, verweigerten diese dem Maskierten, der gemäss Anklageschrift «mit der ungeladenen CO2-Gasdruckpistole am Herumfuchteln war», den Zutritt.

Täter will aus Geldnot gehandelt haben

Bei den Überfällen trug der mutmassliche Täter oft denselben grauen Kapuzenpullover, weshalb Medien schon im vergangenen Sommer annahmen, dass in der Ostschweiz ein Serienräuber sein Unwesen treibe. «Dies müssen wir zuerst beweisen», sagte damals Kantonspolizeisprecher Florian Schneider gegenüber dem «Tagblatt». Im Oktober 2019 wurde der junge Mann dann in St.Gallen verhaftet. Gegenüber der Kantonspolizei hat er die Überfälle gestanden – und angegeben, aus Geldnot gehandelt zu haben. Verletzte gab es bei den Überfällen nicht.

Heute muss sich der junge Schweizer vor dem Kreisgericht Rorschach verantworten. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren wegen mehrfachen, teils versuchten Raubes. Ausserdem fordern verschiedene Privatkläger – Banken, Versicherungen und Privatpersonen – Schadenersatz oder Genugtuung. Insgesamt hat der mutmassliche Täter auf seinen Raubzügen über 800'000 Franken erbeutet, den Grossteil davon bei den Banküberfällen.