Interview

«Heute sagt man Zvieri statt Vesper»: Dialektforscher Joe Manser zur Innerrhoder Mundart, die sich rasant verändert

Joe Manser ist nicht nur Übersetzer des «Kleinen Prinzen», sondern auch Verfasser des «Innerrhoder Duden», der 2001 erschien. Im Interview erklärt er, warum dieser heute neu überarbeitet werden müsste.

Claudio Weder
Drucken
Teilen
Joe Manser, hat den «Innerrhoder Duden» geschrieben und das Roothuus Gonten mitgegründet.

Joe Manser, hat den «Innerrhoder Duden» geschrieben und das Roothuus Gonten mitgegründet.

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Gibt es eigentlich einen Dialektausdruck, den Sie nicht kennen?

Joe Manser: Ich gehöre zu jener Generation, die noch mit dem alten, unverfälschten Wortschatz aufgewachsen ist. Daher sind mir fast alle alten Ausdrücke noch geläufig. Von den 4000 Wörtern, die ich für mein Wörterbuch sammelte, waren etwa 50 dabei, die ich zum allerersten Mal hörte.

Haben Sie ein Lieblingswort?

Da gibt es einige. Mein liebstes ist ondeschöbeschi. Das bedeutet verwirrt oder durcheinander. Es ist ein sehr altes Wort, das aber auch heute noch in Gebrauch ist. Ihr Dialektwörterbuch erschien 2001.

Wie hat sich die Innerrhoder Mundart seither verändert?

Gerade in der jungen Generation fällt auf, dass typische Dialektwörter immer mehr durch allgemein verständliche Begriffe ersetzt werden. Man sagt wohne statt deheem sii. Die Kinder sagen Zvieri statt Vesper. Man isst kein Brot mehr mit Schmaalz, Iimehung oder Latweri, sondern mit Butter, Honig oder Gonfi. Und auch wenn ich am Telefon mit jemandem am Mecktig abmachen will, muss ich oft erklären, dass damit der Mittwoch, nicht der Montag gemeint ist. Der Dialekt wandelt sich – und zwar rasant.

Womit hat das zu tun?

Die junge Generation ist heute mobiler. Man lebt und arbeitet auswärts. Man passt sich an, wenn man mit Auswärtigen kommuniziert, weil man verstanden werden will. So schleichen sich neue Ausdrücke in unseren Dialekt. Es ist aber auch auf den multikulturellen Austausch auf dem Pausenhof zurückzuführen, dass neues Wortmaterial, untypische Betonungen oder Satzstrukturen in den Dialekt überschwappen.

Wird der Innerrhoder Dialekt aussterben?

Das glaube ich nicht. Wir haben in Innerrhoden viele spezielle Ausdrücke wie Flickflauder oder Heustäffel. Diese werden nie verschwinden, auch wenn sich der Dialekt ständig verändert und gewisse alte Formen verdrängt werden. Ich glaube, man wird uns Innerrhoder auch in fünfzig Jahren noch an unserem Dialekt erkennen.

Was kann man tun, damit der Dialekt erhalten bleibt?

Wir müssen einen Weg finden, wie wir das, was wir aus der Dialektforschung wissen, einem breiten Publikum vermitteln können. Wörterbücher werden nicht gelesen. Wortgeschichten, zum Beispiel in Form von Kolumnen, aber schon. Damit könnte man dem Dialekt einen Gefallen tun.