Interview

«Heute liebe ich die unspektakuläre Schönheit des Thurgaus»: Ex-Tagesschaumoderator über sein Leben zwischen Frauenfeld und dem Kongo

Ex-Tagesschaumoderator Hansjörg Enz aus Frauenfeld spricht über seinen Traum vom Flamenco-Tanzen, die Natur und den Journalismus.

Svenja Rimle
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«Ich verstehe bis heute nicht, warum Männer auf die Idee kamen, sich eine Krawatte um den Hals zu binden, so etwas Blödes»: Hansjörg Enz, Entwicklungshelfer im Kongo, im Eisenwerk Frauenfeld.

«Ich verstehe bis heute nicht, warum Männer auf die Idee kamen, sich eine Krawatte um den Hals zu binden, so etwas Blödes»: Hansjörg Enz, Entwicklungshelfer im Kongo, im Eisenwerk Frauenfeld.

Bild: Reto Martin (27. Februar 2020)

Sie wurden als Tagesschausprecher bekannt...

Hansjörg Enz: Nennen wir es lieber Moderator anstatt Sprecher. Sprecher waren früher Schauspieler, die von Journalisten verfasste Nachrichten vorgelesen haben. Heutige Tagesschaumoderatoren sind aber Journalisten, die ihre Texte selbstständig verfassen.

Fehlt Ihnen das Rampenlicht?

Überhaupt nicht. Man kann sich vermutlich schlecht vorstellen, wie es ist, kaum Privatsphäre zu haben. Ich fühlte mich auch immer irgendwie verpflichtet, als Botschafter von DRS aufzutreten. Wenn mich also die Leute morgens um sieben Uhr in der Früh im Zug ansprachen, musste ich fröhlich und nett sein und so früh bin ich nicht immer gut gelaunt. Das war manchmal schon anstrengend.

Eines Ihrer Markenzeichen war die Fliege.

Ja, oft gaben mir die Zuschauer ein Feedback zur Fliege, die ich in der Sendung am Vortag getragen hatte. Aber kaum jemand sagte: «Gestern haben Sie gut moderiert!»

Tragen Sie die Fliege immer noch?

Nein, meine rund 220 Fliegen habe ich nach meiner Tagesschau-Zeit versteigert und das Geld gespendet. Ich verstehe bis heute nicht, warum Männer auf die Idee kamen, sich eine Krawatte um den Hals zu binden, so etwas Blödes. Da ich den Krawattenknopf nie richtig binden konnte, entschied ich mich für Fliegen. Für mich war das Teil der Arbeitskleidung, heute trage ich so etwas nicht mehr.

Ist der Fernsehjournalismus Ihrer Meinung nach in Gefahr?

Früher lasen die Leute Zeitung, heute schauen sie sich Bilder und Videos auf dem Handy an. Sie unterscheiden kaum, was ein journalistisches Produkt ist und was einfach von irgendjemandem ins Netz gestellt worden ist. Der Fernsehjournalismus in seiner jetzigen Form ist definitiv in Gefahr.

Am 18. September 1997 verabschiedete sich Hansjörg Enz als Tagesschaumoderator des Schweizer Fernsehens DRS.

Am 18. September 1997 verabschiedete sich Hansjörg Enz als Tagesschaumoderator des Schweizer Fernsehens DRS.

Bild: Keystone

Welchen Traumberuf hatten Sie als Kind?

Ich war ein sehr empfindsames Kind und hatte grosse Mühe mit Ungerechtigkeit. Deshalb bin ich vermutlich in der Entwicklungshilfe gelandet. Eine Zeit lang wollte ich Flamencotänzer werden, da ich mich gerne und ziemlich gut bewegen kann. Das war ein Vorteil, als ich im Kongo war. Die einheimischen Kollegen waren dann ganz erstaunt, dass ein Muzungu, ein Weisser, so tanzen kann. Das hat mir geholfen, akzeptiert zu werden.

Sie haben im Kongo unter anderem Radiojournalisten ausgebildet. Inwiefern unterscheidet sich der Journalismus im Kongo vom Schweizer Journalismus?

Ich glaube, Journalismus funktioniert auf der ganzen Welt gleich. Journalisten wollen unabhängig informieren. Für Kongolesen ist es allerdings viel gefährlicher, investigativen Journalismus zu betreiben als für uns in der Schweiz.

Welcher war Ihr schönster Moment während Ihrer Afrika-Zeit?

Das allerschönste Gefühl für mich ist, wenn ich die Schule Milondola im Kongo betrete und die äusserst lernbegeisterten Kinder sehe. Die Schule habe ich mit dem Verein Maendeleo vor zehn Jahren aufgebaut und wir unterstützen sie bis heute.

Wie viel Zeit verbringen Sie heute noch in Afrika?

Ich versuche jeweils, während drei bis vier Wochen im Jahr vor Ort zu sein, um in der Schule nach dem Rechten zu sehen und mich mit dem einheimischen Team auszutauschen.

Sie wohnen in Frauenfeld. Was gefällt Ihnen hier besonders gut?

Die Lage ist gut, man ist schnell in Zürich. Ausserdem gibt es in Frauenfeld alles, was man braucht: eine Kantonsschule, ein Schwimmbad sowie Kultur.

Könnten Sie sich vorstellen, an einem anderen Ort zu leben?

Aktuell nicht. Ich hatte mal den Wunsch, nach der Pensionierung jedes Jahr während drei Monaten in einer fremden Stadt zu leben. Diesen Wunsch habe ich noch nicht begraben, vielleicht ergibt sich das ja irgendwann doch noch.

Was bedeutet Ihnen der Thurgau?

Als Kind hielt ich den Thurgau immer für langweilig, die hohen Berge fehlten mir. Heute liebe ich die unspektakuläre Schönheit dieses Kantons. Zum Hüttwiler- und Nussbaumersee zieht es mich immer wieder auf meinen Velotouren.

Sie haben einmal einige Wochen in einem slowenischen Kloster verbracht. Was haben Sie dort gelernt?

Da ich sehr gerne rede, tat es gut, einfach mal eine Weile dort zu sein, wo wenig gesprochen wird. Man denkt, man liest und man wird in Ruhe gelassen. Einerseits mag ich Action, bin aber auch gerne einmal für mich.

Sind Sie spirituell?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich bin aber extrem fasziniert von der Natur und davon, was es auf der Welt alles gibt. Was Menschen, auch wir Schweizer, darauf anstellen, stimmt mich nachdenklich.

Was meinen Sie damit?

Es funktioniert nicht, wenn jeder nur für sich denkt. Aussagen wie «America First» sind Blödsinn. Es braucht ein Miteinander, alle Länder müssen zusammenarbeiten, um die grossen Probleme zu lösen. Reiche Länder wie die Schweiz wollen immer weiterwachsen, während in Afrika Leute leben, die nur ein T-Shirt besitzen. Das macht mich wütend, aber auch hilflos. Kaum jemand hat den Mut, gegen das ständige Wachstum anzukämpfen.

Sind Sie ein Workaholic?

Ein Kollege nannte mich früher «die Unruhe». Langsam gelingt es mir immer öfters, mich auch mal zu entspannen und ein Buch zu lesen. Es stimmt schon, dass bei mir immer etwas laufen muss. Ich habe das Glück, einige Fähigkeiten zu besitzen und wenn man die hat, muss man sie auch nutzen.

Sie sind ein Multitalent. Gibt es etwas, das Sie überhaupt nicht können?

Ich kann nicht gut Texte auswendig lernen, auch die nicht, die ich selbst geschrieben habe.

Führte das nicht zu Problemen, als Sie noch Sänger der Band Galgenvögel waren?

Ja, als Sänger ist das wirklich nicht ideal. Manchmal stellte ich mir Texte auf den Notenständer oder legte schwierige Textstellen in Grossschrift auf den Boden. Bei englischen Liedern ist es einfach zu improvisieren, da ist es nicht so schlimm, wenn nicht jedes Wort stimmt. Im Schweizerdeutschen merken das die Leute.

Was bedeutet Ihnen Musik?

Als wir die Galgenvögel auf Eis legten, war ich schon ziemlich frustriert. Die Musik ist und bleibt aber definitiv ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Mein Vater und mein Grossvater sagten in schönen Momenten immer: «Jetzt singet mir no eis!» und dann wurde gesungen. Das Singen verbinde ich mit Glück. Ich würde sehr gerne noch mal eine Band gründen, frage mich aber, ob ich dazu noch die Kraft habe. Aber: Sag niemals nie!

Was möchten Sie in Ihrem Leben gerne noch machen?

Ich möchte unsere Enkel gerne noch so lange wie nur möglich in einer lebenswerten Welt aufwachsen sehen. Ich habe sehr vieles machen dürfen, war Lehrer, Tagesschaumoderator, Entwicklungshelfer, Musikant,… Was will man denn noch mehr?

Zur Person

Sein Gesicht gehörte in den 90er-Jahren zu den bekanntesten der Schweiz: Hansjörg Enz stand oft abends für die «Tagesschau» vor der Kamera. Das Leben des heute 69-Jährigen ist so abwechslungsreich wie seine damalige Fliegensammlung. Als Entwicklungshelfer war er im Kongo, bildete dort Radiojournalisten aus und gründete die Schule Milondola (www.maendeleo.ch). Mit seiner Band Galgenvögel konnte er ausserdem seine Liebe zur Musik ausleben. Heute bringt Hansjörg Enz Migranten Deutsch bei und arbeitet für seine Schule, grösstenteils vom Thurgau aus. Er reist dafür aber auch regelmässig in den Kongo. In Frauenfeld fühlt sich Hansjörg Enz wohl, ob er aber dauerhaft hier wohnen bleibt, ist noch unklar. Das Interview wurde vor der Coronakrise geführt. (svr)