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Urteil im Fall Steckborn: Gericht spricht das beschuldigte Ehepaar frei

Die Gefahr von Lipo-Akkus war vor dem verheerenden Feuer im Dezember 2015
der Allgemeinheit nicht bekannt. Zu diesem Schluss kam das Bezirksgericht Frauenfeld am Dienstag.
Ida Sandl
Angeklagt ist ein Ehepaar wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst. (Bild: Donato Caspari)

Angeklagt ist ein Ehepaar wegen fahrlässiger Verursachung einer Feuersbrunst. (Bild: Donato Caspari)

Das Frauenfelder Bezirksgericht hat in den eigenen Reihen nachgeforscht: Vier von fünf seiner Mitglieder hätten vor dem verheerenden Grossbrand in Steckborn nicht gewusst, wie gefährlich Lithium-Polymer-Akkus sein können. Für Gerichtspräsident Rudolf Fuchs ist dies ein Indiz dafür, dass die Gefahr der Lipo-Akkus vor 2015 nicht allgemein bekannt war.

Nicht wie ein normaler Handy-Akku

Somit habe auch das beschuldigte Ehepaar nicht wissen können, dass es den Akku für das Modellauto nicht wie einen normalen Handy-Akku behandeln darf. Das heisst: Nicht einfach über Nacht an die Steckdose anschliessen. Und das schon gar nicht im Ankleidezimmer, einer leicht brennbaren Umgebung. Das Gericht sprach die 47-jährige Frau und den 48-jährigen Mann deshalb frei vom Vorwurf der fahrlässigen Verursachung einer Feuersbrunst. Sie hätten sich nicht pflichtwidrig unsorgfältig verhalten – also nichts getan, was ein gewissenhafter und besonnener Mensch mit ihren Kenntnissen nicht auch tun oder lassen würde.

Der Akku hatte sich im Dezember 2015 beim Aufladen überhitzt und das Feuer ausgelöst, bei dem drei Häuser völlig zerstört und zwei schwer beschädigt worden sind. Der gesamte Sachschaden liegt bei 12 Millionen Franken.

30 Menschen haben kurz vor Weihnachten das Dach über dem Kopf verloren. Sieben von ihnen hatten nicht einmal eine Hausratsversicherung. Für sie wird es durch den Freispruch noch schwieriger, Entschädigung geltend zu machen. Ihr Anwalt Daniel Jung kündigte nach der Urteilsverkündigung an, er werde Berufung anmelden.

Die Ehefrau bricht in Tränen aus

Das will auch Staatsanwalt Patrick Müller. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass sie den Fall tatsächlich ans Obergericht weiter ziehen. Ist Berufung angemeldet, muss das Bezirksgericht sein Urteil schriftlich begründen. Erst dann wollen Staatsanwalt und der Anwalt der Geschädigten über das weitere Vorgehen entscheiden.

Für das Ehepaar war der Freispruch eine grosse Erleichterung, die Frau brach bei der Bekanntgabe des Urteils in Tränen aus. «Es tut mir furchtbar leid, was passiert ist, aber ich bin dafür nicht verantwortlich», sagte sie am Ende des Prozesses.

Der Ehemann, ein Holländer, hatte das Modellauto erst wenige Tage vor dem Brand von einem Bekannten erhalten, als Gegenleistung für eine Geldschuld. Der Bekannte hatte ausgesagt, er habe dem Beschuldigten die Bedienungsanleitung angeboten, dieser habe sie aber abgelehnt. Aus Sicht des Gerichts sind die Aussagen des Bekannten widersprüchlich. Es glaubt dem Angeklagten, der beteuerte, die Bedienungsanleitung sei nie Thema gewesen

Die Sache mit dem Einstellrädchen

Zu reden gab an der Verhandlung die Aussage der Tochter, sie und ihr Stiefvater hätten mit dem Rädchen des Ladegerätes gespielt. Damit lasse sich die Ladespannung oder die Stromstärke einstellen, hatte der Anwalt einer Geschädigten vorgebracht. Allerdings heisst es in der Anklageschrift, der Beschuldigte habe die Einstellungen am Ladegerät nicht geändert. Diese Formulierung sei für das Gericht bindend, erklärte Fuchs.

Mit seinen Freisprüchen folgte das Gericht den Anträgen der beiden Verteidiger. Auch sie hatten Freisprüche gefordert, ebenfalls mit der Begründung, die Gefahr von Lipo-Akkus sei den meisten Menschen vor drei Jahren nicht bewusst gewesen. Selbst das Internet-Lexikon Wikipedia habe erst nach dem Altstadtfeuer auf die Entzündlichkeit dieser Akkus hingewiesen.

Noch immer sei nicht geklärt, warum genau der Akku zu brennen anfing. Das hätten auch die Brandermittler nicht mit Sicherheit sagen können. Aus Sicht der Anklage kam es zur Überhitzung, nachdem er sich überladen hatte. Es könne auch eine Explosion gewesen sein oder ein Defekt, sagen die Verteidiger. Immerhin sei der Beschuldigte schon der dritte Eigentümer gewesen.

Allenfalls mehr Chancen im Zivilprozess

Keine Freude am Freispruch haben die Geschädigten. Das Gericht hat ihre Forderungen nicht abgewiesen. Sie müssen nun prüfen, ob sie über einen Zivilprozess eine Chance auf Entschädigung haben. Im Obligationenrecht werde der Sorgfaltsbegriff strenger gehandhabt als im Strafrecht, erklärte Gerichtspräsident Fuchs: «Es ist möglich, dass der Zivilrichter zu einem anderen Entscheid kommt als der Strafrichter».

Das Urteil des Bezirksgerichts ist noch nicht rechtskräftig. Die Parteien haben jetzt erst einmal zehn Tage Zeit, um ihre Berufung anzumelden.

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