HERZSTILLSTAND: Lebensretter setzen Staub an

Defibrillatoren gibt es mittlerweile zuhauf. Viele Geräte sind aber veraltet und schlecht gewartet. Zudem sind dem Rettungsdienst nicht alle Standorte in der Ostschweiz bekannt, was Erste-Hilfe-Leistungen verzögern kann.

Annika Schmidt
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Viele Menschen befürchten, den Defibrillator falsch anzuwenden. (Bild: Reto Martin)

Viele Menschen befürchten, den Defibrillator falsch anzuwenden. (Bild: Reto Martin)

Annika Schmidt

annika.schmidt@ostschweiz-am-sontag.ch

Das Kammerflimmern ist in der Schweiz die häufigste Ursache des plötzlichen Herztodes. Defibrillatoren können im Fall eines Herzstillstands Leben retten. Sie kommen aber in der Regel erst zum Einsatz, wenn der Notarzt eintrifft. In vielen Fällen hilft auch eine klassische Herzmas­sage, sofern damit unverzüglich ­begonnen wird. Denn die Zeit drängt: In jeder Minute ohne Wiederbelebungsmassnahmen sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit um zehn Prozent.

«Wir müssen zugeben, dass wir nicht wissen, wo sich alle ­Defibrillatoren in der Ostschweiz befinden», sagt Günter Bildstein, Leiter Rettung St. Gallen. «Wir führen deshalb zurzeit Erhebungen durch und schreiben die Gemeinden an.» Wären sämtliche Standorte erfasst, könnte der Rettungsdienst Ersthelfer schneller auf diese hinweisen.

Unwissenheit verhindert korrekte Anwendung

Der Kanton Tessin beispielsweise verteilt flächendeckend Defibrillatoren, damit jeder Bürger in seiner Nähe ein Gerät findet. «Ob die Zahl an erfolgreichen Erste-Hilfe-Leistungen dadurch gestiegen ist, ist aber nicht erwiesen», sagt Bildstein. Im Kanton St. Gallen setzt man auf ein anderes Konzept: Befindet sich die Feuerwehr näher am Unfallort als der Rettungsdienst, rücken speziell ausgebildete «First Responder» zuerst aus. «Es ist unser Anliegen, dass die Bevölkerung bei einem medizinischen Notfall die Nummer 144 kennt, wählt und sich vom Disponenten anleiten lässt.» Zudem sei es wichtig, dass jeder wisse, wie man eine Person wiederbelebt. «Der Schulungs­bedarf bei der Bevölkerung ist gross», sagt Bildstein. «Nach dem Notfallkurs für den Führerschein befassen sich die meisten Menschen nicht mehr mit dem Thema Reanimation.»

Fakt ist: Die meisten Herznotfälle tragen sich nicht im öffentlichen Raum zu, sondern zu Hause. «Es ist aber nicht sinnvoll, jeden Haushalt mit einem Defibrillator auszustatten, da dies nicht automatisch mehr Menschenleben rettet», sagt Bildstein. «Viele haben Angst, das Gerät falsch anzuwenden.»

Ein weiteres Problem: Die heutigen Defibrillatoren setzen voraus, dass der Hilfeleistende ruhig bleibt. Denn der Ersthelfer muss schrittweise einer Tonbandstimme folgen, was in der Notsituation eine gewisse Gelassenheit voraussetzt. «Aus Panik kann es zu Fehlinterpretationen der Anweisungen und einem falschen Gebrauch kommen, sodass der Defibrillator nicht richtig funktioniert», so Bildstein.

Entwicklung ist stehengeblieben

Kürzlich hat die Schweizer Firma Lifetec AG ein Notfallmanagement-System mit integriertem Defibrillator lanciert. Sobald ein Ersthelfer einen solchen Defibrillator aus der Halterung nimmt, wird er direkt mit der Notruf­zentrale 144 verbunden. Der Ersthelfer muss nicht mehr zum Telefon greifen. Zudem werden die Standorte der Notfallmanagement-Systeme erfasst. Die Notrufzentrale weiss somit genau, wo sich die zu rettende Person befindet. «Die Entwicklung der Defibrillatoren ist vor vielen Jahren stehengeblieben», sagt Mirko Djuric, CEO von Lifetec AG. «Etwa 40 Prozent der alten Geräte funktionieren heute nicht mehr.» Grund dafür sei die vernachlässigte Wartung. Das neue Defibrillatorenmodell wurde auch dem Leiter des Sanitäts­notrufs 144 St. Gallen vorgestellt. Bisher sei allerdings noch kein solcher automatisierter Anruf eingegangen. Weshalb die Sanität auch nicht beurteilen kann, ob die Geräte im Einsatz sind.

Defibrillatoren kommen selten bis nie zum Einsatz

Obwohl Rettungssanitäter Günter Bildstein die technische Entwicklung sinnvoll findet, sagt er: «Defibrillatoren kommen selten bis nie zum Einsatz, weil im öffentlichen Raum kaum entsprechende Notfälle passieren.» Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person einen Kreislaufstillstand erleidet, beträgt pro Jahr lediglich 1:1000. Deshalb sei es fraglich, ob die technische Innovation verhältnismässig sei.

«Wir schicken bei einem ­Notfall auch niemanden auf die Suche nach einem Defibrillator, sondern konzentrieren uns auf die Herzmassage», sagt Bildstein. Die Disponenten würden darauf geschult, dass auch ein Laie mittels telefonischer Anleitung einen Menschen retten könne. Im Gegensatz zur Maschine sei der Mensch am Telefon in der Lage, den Hilfeleistenden zu beruhigen.