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Fall Herrenhof: Der Nachbar hat gefilmt, weil es ihm stinkt - Zukunft der Bauernfamilie ist ungewiss

Ein Nachbar des Bauern, der seine Schafe quälen soll, hat gefilmt und das Video dann dem Verein gegen Tierfabriken geschickt. Als Motiv nennt der Pensionär den unerträglichen Gestank des Schafstalls. Der Bauer bangt um seine Zukunft.
Silvan Meile, Sebastian Keller
Stall des Anstosses: In diesem landwirtschaftlichen Gebäude hält Bauer A. Z. maximal 588 Schafe. (Bild: Andrea Stalder)

Stall des Anstosses: In diesem landwirtschaftlichen Gebäude hält Bauer A. Z. maximal 588 Schafe. (Bild: Andrea Stalder)

Der Nachbar war’s. Er hat das Video des Bauern aus Herrenhof gemacht, wie dieser seine Schafe packt und im Stall durch die Luft wirft. Der «Thurgauer Zeitung» öffnet er am Mittwoch die Haustür und erklärt sich: «Ich habe die Aufnahmen dem Tierschützer Erwin Kessler geschickt.» Solche Szenen, wie sie im Film zu sehen seien, habe er schon mehrfach beobachtet.

Der Mann im schönen Einfamilienhaus sagt an seinem Stubentisch, er sei kein Tierschützer. Er habe einfach ein grosses Problem mit seinem Nachbarn und dessen Schafen. Es stinke ihm. Gewaltig.

«Das ist so ein penetranter Geruch.»

Wegen der wolligen Tiere könne er kaum noch lüften, geschweige denn, draussen auf dem Sitzplatz zu Abend essen. Deswegen habe er sich schon mehrfach bei der Gemeinde und dem kantonalen Amt für Umwelt beschwert. Ohne Erfolg. «Das hat, mit Verweis auf die eingehaltenen Mindestabstände, alles nichts genützt», sagt er und verwirft die Hände. 120 Meter ist sein Haus vom Stall mit den Schafen entfernt. Dazwischen liegt Weideland.

Tierschützer Kessler als Mittel zum Zweck

Der Streit zwischen den beiden Nachbarn dauert bereits Jahre. Es ist ein stiller Zwist. Gesprochen hätten sie schon lange nicht mehr miteinander. «Das bringt eh nichts.» Mit dem Video, das seit Dienstag medial hohe Wellen schlägt, hat er seinem Kontrahenten einen schweren Schlag versetzt. Er hat ihn als mutmasslichen Tierquäler vorgeführt. Jetzt steht der Schafbesitzer am digitalen Pranger der sozialen Medien, wo unzimperliche Kommentarschreiber aus der Ferne über den Bauern urteilen.

Die sechsköpfige Bauernfamilie ist nun sogar in ihrer Existenz bedroht. Coop und Bell wendeten sich bereits vom Lammfleischproduzenten ab. Der Hobbyfilmer sagt:

«Nein, das tut mir nicht leid. Dem Bauern taten die Schafe ja auch nicht leid, als er sie quälte.»

Bereits Ende August habe er die Aufnahmen gemacht. Dem kantonalen Veterinäramt habe er diese nicht geschickt. Weil er bei den Behörden bisher kein Gehör fand, versuchte er es über den Tierschützer aus Tuttwil. Der Fall Hefenhofen vom Sommer 2017 bot dem Einfamilienhausbesitzer aus Herrenhof nach eigenen Aussagen ein eindrückliches Beispiel, was über diesen Weg zu erreichen ist. Es gebe noch ein zweites Video, das Kessler bis heute nicht veröffentlicht hat. Es sei aber harmlos.

Nachbar führt Buch über den Gestank

Rund um das Einfamilienhaus in Herrenhof hängen an Pflanzen kleine Fäden, damit jedes noch so kleine Lüftchen zu erkennen ist. Nur, wenn der Wind vom Bodensee her weht, könne er ein Fenster öffnen, weil es nur dann nicht stinkt, erzählt der Mann an seinem Stubentisch. Nur dann ist die Luft rein. Nur dann kann er lüften. Nur dann kann er raus auf den Sitzplatz. «Das Problem besteht Tag und Nacht.» Seit der Pensionär den ganzen Tag zu Hause ist und nicht mehr zur Arbeit fährt, ist die Situation für ihn noch unerträglicher.

In einer Art Logbuch halte er mehrmals pro Tag die Situation über Wind und Gestank fest. Es habe schon Zeiten gegeben, da hätte er tagelang nicht mehr lüften können.

2005 hat der schmächtige Mann in Herrenhof Land gekauft, ein Jahr später das Einfamilienhaus bezogen. «Damals hielt der Bauer auf dem Hof nebenan ein paar wenige Schafe als Hobby.» Das sei ja noch gegangen. Doch es wurden immer mehr Tiere. Seit einigen Monaten blöken gar 588 Schafe im neu gebauten Stall. «Natürlich hatte ich Einsprache gemacht, genützt hat aber auch das nichts.»

Tag 1 nach der öffentlichen Zurschaustellung

Die Welt ist seit dieser Woche eine andere auf dem Hof der Familie Z. in Herrenhof. Der Hofhund schlendert um die Beine der Gäste, Schafe in dickem Fell blöken ab und zu. A. Z. gibt den Lokalfernsehsendern Interviews. Seine Frau erklärt dieser Zeitung, wie der Hof funktioniert, wie das Arbeiten mit Schafen ist. Mehrfach betont sie: «Mein Mann ist kein Tierquäler.» Und dennoch wurde er diese Woche angezeigt, öffentlich gebrandmarkt. Ein Makel, der sich kaum abwaschen lässt.

Die Schafzucht, ja, das Halten von Nutztieren sei manchmal etwas grob. Was ist mit den Schlägen, die auf dem Video zu sehen sind? Die Frau erklärt, manchmal würden sie mit einem Knüppel auf das Holz schlagen, damit die Schafe ihre Köpfe einziehen.

Sie führt weiter zu einer Metallstange, die in der Wiese liegt. Diese werde dazu verwendet, Gitter zu verbinden. Ab und zu – wenn man sie zur Hand habe – werde die Stange auch bei den Schafen eingesetzt. «Aber sicher nicht, um sie zu schlagen, sondern um sie zurückzuweisen», sagt die Frau des Bauern.

Die Familie lässt das Telefon nur noch klingeln

Er hat unterdessen die Fernsehjournalisten verabschiedet. Nun steht er vor seinem Hof, vor seiner wankenden Existenz. «Sicher, ich mache auch Fehler», sagt er und blickt in den Schafstall zu seinen Tieren. Die Bauernfamilie hätte in dieser Sache bereits Abklärungen vorgenommen. Beim Metzger. Denn, so erzählt es die Frau, bei jeder Schlachtung sei ein Tierarzt dabei. «Hätten wir die Tiere tatsächlich geschlagen, das wäre dem Tierarzt – spätestens beim Fleisch des Tieres – aufgefallen.» Das sei nicht der Fall gewesen.

Und nun das Video. Ein Video, das den Schafhalter aus Herrenhof binnen Stunden zum neuen Thurgauer Tierquäler gemacht hat.

«Wir haben viele gehässige Reaktionen erhalten.»

Per Post, per SMS. Das Telefon würden sie gar nicht mehr abheben. Vereinzelt gab es Aufmunterungen. Von Verwandten, von Berufskollegen.

«Dort hinten», sagt die Frau und zeigt in Richtung Bodensee, «dort wohnt der Nachbar». Der Mann, der bestätigt hat, das Video an den Verein gegen Tierfabriken geschickt zu haben. Sie hätten schon gemerkt, dass sie im Spätsommer gefilmt worden seien. «Wir dachten damals, es könnte eine Videokamera sein, oder aber ein Feldstecher.» Dann wurde aus dem heissen Sommer ein Höllenherbst für die Familie Z.

Die Zukunft der Bauernfamilie ist ungewiss

Das Verhältnis mit dem Nachbarn sei angespannt. «Er stört sich am Geruch», sagt die Frau. Deswegen sei ihnen auch die Grenze von 588 Schafe auferlegt worden. «Aus Tierschutzgründen dürften es mehr sein.» Auch eine Behörde sei unlängst gekommen, um Messungen vorzunehmen. Doch die Grenzwerte würden eingehalten. Die Frau sagt:

«Es riecht schon, aber wir sind halt auf dem Land.»

Die Zukunft der Familie Z. ist ungewiss. Ihre Abnehmer haben die Zusammenarbeit «per sofort» beendet. Bauer A. Z. sagt von sich: «Ich bin einer, der positiv in die Zukunft blickt.» In diesen Stunden fällt ihm dies aber schwer. Er nimmt den grünen Schlauch, spritzt sich damit den Dreck von den Schuhsohlen. Die Brandmarkung als Tierquäler lässt sich so schnell nicht abwaschen.

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