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HERISAU: Heikle Tests mit Medikamenten

In der Psychiatrischen Klinik Herisau wurden in den 1950er-Jahren nicht zugelassene Medikamente angewendet. Die Politik debattiert bereits über eine Aufarbeitung. Mediziner warnen vor einer Skandalisierung.
Andri Rostetter
Die Psychiatrische Klinik in Herisau auf einer Postkarte um 1950. Nicht nur hier wurden Medikamente an Personen getestet. (Bild: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

Die Psychiatrische Klinik in Herisau auf einer Postkarte um 1950. Nicht nur hier wurden Medikamente an Personen getestet. (Bild: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

HERISAU. Noch gibt es nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Fest steht aber: In der Psychiatrischen Klinik Herisau wurden in der Vergangenheit Medikamente verabreicht, die offiziell noch gar nicht erhältlich waren. So wurde 1957 das Medikament G22355 bei mindestens 18 Patientinnen und Patienten angewendet, wie die SRF-Sendung «Schweiz aktuell» gestern berichtete. Das Medikament G22355 wurde jedoch erst 1958 vom Pharmakonzern Geigy (der heutigen Novartis) auf den Markt gebracht. Heute ist es unter dem Namen Tofranil zugelassen. G22355 war ursprünglich nicht als Antidepressivum entwickelt. Der Thurgauer Psychiater Roland Kuhn setzte es 1957 gegen Schizophrenie ein. Bei Tests stellte man fest, dass es für diesen Zweck untauglich war, jedoch gut gegen depressive Symptome wirkte.

Ein ungeklärter Todesfall

In Herisau sollen während der Tests mehrere Personen kollabiert sein. Dokumentiert ist auch ein Todesfall – wobei unklar ist, ob der Patient an den Folgen der Behandlung mit G22355 gestorben war oder aus anderen Gründen. «Klar ist bis jetzt nur, dass der Patient in jener Zeit gestorben war, in der er mit G22355 behandelt wurde», sagt Markus Schmidli, Ärztlicher Direktor des Ausserrhoder Spitalverbundes.

Politiker forderten gestern in der Sendung bereits eine Aufarbeitung der Medikamenteneinsätze in der Psychiatrie Herisau. Mediziner warnen dagegen vor einer vorschnellen Skandalisierung. Markus Schmidli sagt: «Aus heutiger Sicht mag der damalige Umgang mit Medikamenten fragwürdig sein. In den 1950er-Jahren war es aber schlicht normal, dass Medikamente vor der Markteinführung in Psychiatrischen Kliniken eingesetzt wurden.» Die Behandlungsmethoden seien begrenzt gewesen, sagt Schmidli. «Die Alternativen waren Zwangsjacke oder hoch dosiertes Opium.»

Keine kontrollierten Studien

Zudem sei die Verabreichung an Patienten damals die übliche Methode gewesen, neue Medikamente einzuführen. «Damals waren die gesetzlichen Vorgaben komplett anders. Die Einhaltung von Sicherheitsstandards mittels kontrollierten Studien war völlig unbekannt.» Schmidli wehrt sich deshalb dagegen, die Einsätze von G22355 als «Menschenversuche» zu bezeichnen. «Wurde damals eine Klinik für Medikamenteneinsätze ausgesucht, war das sogar ein Qualitätsmerkmal.»

Auch der Ausserrhoder Kantonsarzt Vinzenz Müller hat ein gewisses Verständnis für den Einsatz von G22355. «Die Psychiatrie stand damals am Anfang ihrer Entwicklung. Die Ärzte kamen häufig an ihre Grenzen.» Bei schwer psychotischen, tobenden Patienten hätten die neuen Medikamente häufig auch als letzte Hoffnung gegolten. Pikant: Die Herisauer Medikamenteneinsätze fallen in die gleiche Zeit wie jene von Münsterlingen. Der Fall hatte schweizweit Schlagzeilen provoziert: Von etwa 1950 bis 1970 sollen in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen mehrere Hundert Patienten mit nicht zugelassenen Medikamenten behandelt worden sein, unter ethisch und wissenschaftlich fragwürdigen Bedingungen.

«Vater der Antidepressiva»

Verantwortlich für die Versuche in Münsterlingen war der Psychiater Roland Kuhn, bis zu seinem Tod 2005 als «Vater der Antidepressiva» gefeiert. Anfang 2013 berichtete die Thurgauer Zeitung erstmals über fragwürdige Behandlungen in der Klinik Münsterlingen. Im Dezember 2015 gab der Kanton eine Forschungsarbeit in Auftrag, um Kuhns Wirken auszuleuchten. Im April hat ein Team der Universität Zürich mit der Arbeit begonnen. Ob die Untersuchung auf Herisau ausgeweitet wird, ist offenen. Markus Schmidli zeigt sich einer Kooperation jedenfalls nicht abgeneigt. «Wir sind jederzeit bereit, zur Aufarbeitung der Medikamenteneinsätze in unserer Klinik beizutragen.»

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