Heimtückische Fliedermarder in der Stadt

Vor 100 Jahren

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«In wunderbarer Fülle prangen heuer die vielen, vielen Fliederbäume in den Vorgärten unserer Stadt. Es ist eine Freude, sie anzusehen, und eine Lust, durch die nächtlichen Strassen zu gehen, die voll sind vom Dufte der Lilablüten. Doch diese Freude kann nicht ungetrübt genossen werden: die Fliedermarder sind an der Arbeit!

Es ist stille Nacht; die Stadt ruht, und die Gärten schlafen. Das ist die Zeit, von fremder Leute Fliederbusch sich einem Strauss zu holen. Es sieht’s ja niemand; also drauf los, mit Gier und Unvernunft! Abreissen, die schönsten Fliedertrauben _ herunter damit und mit dem Ast zugleich. (...) Und kommt jemand und erhebt Einsprache, dann «tritt keck auf, tu’s Maul auf!» und werde grob. Das gehört zum nächtlichen Besuch am Gartenhag. Man trägt den erbeuteten Strauss heim, während draussen der misshandelte Baum Wunden trägt.»

Aus dem «St. Galler Tagblatt» vom 4. Juni 1917