Heimatschutz als Ehrensache

Hans Christoph Binswanger ist HSG-Volkswirtschafter und aktiv im Heimatschutz. Nicht nur aus Respekt vor früherer Kulturleistung, sondern auch aus ökonomischen Gründen. Kürzlich wurde er zum Ehrenmitglied gewählt.

Josef Osterwalder
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Für Hans Christoph Binswanger sind vor allem Gebäude, die vor 1920 gebaut wurden, wertvoll. (Bild: Urs Bucher)

Für Hans Christoph Binswanger sind vor allem Gebäude, die vor 1920 gebaut wurden, wertvoll. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Für Hans Christoph Binswanger ist der Einsatz für den Heimatschutz Ehrensache. Während Jahrzehnten hat er in der kantonalen Vereinigung aktiv mitgewirkt – im kleinen Vorstand, der sich mit den konkreten Fragen beschäftigt, und im grossen, der die allgemeine Marschrichtung festlegt.

Eigentlich kam Binswanger 1957 nach St. Gallen, um in grossen Zusammenhängen zu denken. Als ausgebildeter Volkswirtschafter nahm er eine Stelle im Institut für Aussenwirtschaft an.

Doch ihm war wichtig, nicht nur die weltweiten Handelsströme zu beobachten, sondern auch das, was vor der Haustüre geschieht.

Von Beginn weg gehörte er dem jungliberalen Flügel der FDP an. Ein erstes politisches Scharmützel erlebte er gegen Ende der 1960er-Jahre. Damals war der Stadtrat auf der Suche nach einem neuen Rathaus und warf sein Auge auf die Villa am Berg – ein 1780 erbautes, in einem Park gelegenes Herrschaftshaus. Dieses Haus war der Stadt geschenkt worden mit der Auflage, dass der Park erhalten bleibe.

Binswanger und sechs jungliberale Mitstreiter bekämpften den Abbruch- und Neubauplan, erinnerten an die Verpflichtung, den Park zu erhalten und verhinderten so die Überbauung; einige wurden dafür in den Gemeinderat gewählt.

Wiedererkennbare Fassaden

Doch wie kommt ein liberaler Parlamentarier dazu, mit Bauordnung, Zonenplan und Schutzbestimmungen einem Hausbesitzer dreinzureden? Für Hans Christoph Binswanger gibt es dafür eine plausible Erklärung: Für den Hausbesitzer ist die Fassade seines Hauses die Aussenwand.

Für den Stadtbewohner jedoch bestimmen diese Fassaden das Strassenbild. Er erlebt sie quasi als den Innenraum seiner Stadt. Sie prägen das Stadterlebnis, sind Erkennungszeichen. Also hat der Bürger dazu auch etwas zu sagen. Das hat Gemeinderat Binswanger denn auch getan.

Ein Kampf galt der Bewahrung des Simon-Quartiers, das Häusergeviert zwischen Seeger und Bahnhofpärkli. Dreimal, in der Zonenplankommission, Baukommission und im Gemeinderat ist er damit gescheitert.

Schliesslich aber wies der Kanton den Zonenplan zurück; plötzlich stand das Quartier unter Schutz und ist darum auch erhalten geblieben. «In der Politik darf man nie locker lassen», sagt Binswanger.

Der Wert älterer Häuser

Ein besonderes Anliegen ist dem neuen Ehrenmitglied der Erhalt der Gebäude, die vor 1920 gebaut wurden. Hier nun spielen auch ökonomische Überlegungen hinein, wie er sie bei der Verleihung des Wakkerpreises an St.

Gallen und kürzlich auch wieder in einem Vortrag im Departement Architektur der ETH entwickelt hat; dies unter dem Titel «Ökonomie der Dauerhaftigkeit».

Bis 1920 setzten sich die Kosten bei einem Bau anders zusammen als heute: Teuer waren vor allem die Materialien, während die Arbeit vergleichsweise günstig war. Darum konnte in die früheren Bauten ein hoher Arbeitswert investiert werden, sichtbar in differenziert gestalteten Fassaden, Ornamentik und Bauplastik. Damit aber stellen die damals erstellten Bauten einen besondern Wert dar.

«Angesichts der heutigen hohen Löhne können Gebäude mit grossem Arbeitswert und entsprechend hoher Qualität nicht mehr bezahlt und daher nicht mehr gebaut werden», sagt Binswanger. Darum sollten seiner Meinung nach die vor 1920 gebauten Häuser im Prinzip geschützt werden. «Nicht der Wert eines älteren Gebäudes müsste bewiesen werden, um eine Erhaltung zu rechtfertigen, sondern umgekehrt: der allfällige Unwert eines älteren Hauses müsste bewiesen werden, damit die Erlaubnis zum Abbruch gewährt wird.»

Wünsche an die Architektur

Binswanger wünscht sich von der modernen Architektur, «dass sie Bauten schafft, die einem eine gewisse Kraft geben; dass einem etwas entgegenkommt, das stützt. Manche modernen Fassaden wirken aber eher wie ein Loch, in das man hineinfällt.» Umso wichtiger ist es darum, zu den vorhandenen Werten Sorge zu tragen.