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HEIMATPLAUDEREI: Mike Müller tourt durch die Ostschweiz: "Das Vaterland kann auch mal untergehen"

Mike Müller tourt derzeit mit seinem Soloprogramm, auch durch die Ostschweiz. Der Kabarettist und Schauspieler über die Schweiz und ihre Politik, den Stadt-Land-Graben, St. Gallen, seine Mayonnaise und sein Theater.
Marcel Elsener, Regula Weik
«Wir dürfen das Pragmatische nicht verlieren»: Mike Müller. (Bild: Sabrina Stübi)

«Wir dürfen das Pragmatische nicht verlieren»: Mike Müller. (Bild: Sabrina Stübi)

Marcel Elsener, Regula Weik

ostschweiz@tagblatt.ch

Mike Müller, in Ihrem Programm «Heute Gemeindeversammlung» integrieren Sie Aargauer, Basler, Berner, Zürcher, Walliser, sogar Schwyzer. Aber zu unserer Enttäuschung keine Ostschweizer!

Normalerweise höre ich das Gegenteil. Warum ist der Basler wieder der Tubel, warum muss der Zürcher wieder so sein… Ich habe mir tatsächlich überlegt, die Finanzchefin als St. Gallerin zu spielen. St. Galler Dialekt wird in der Komik oft gebraucht, um etwas Scharfes, Genaues zu signalisieren. Es wäre zu viel gewesen: Das Ganze soll nicht zum lustigen Dialektfestival werden. Es geht ums Gesamtbild, nicht um einzelne Charaktere.

Es sind ungewöhnlich viele Dialekte für eine Durchschnittsgemeinde.

Ja, aber das ist in der heutigen Schweiz kein Problem. Aufgrund der Mobilität vermischt und verwischt sich vieles. Frühere Sprachgrenzen wie die Wöschnau, die «Milch» und «Mülch» trennte, lösen sich auf. Mein Göttikind aus Wattwil spricht St. Galler Dialekt und nicht das Toggenburgerisch seiner Eltern.

Man könnte den fehlenden St. Galler auch so verstehen: St. Galler schaffen es nicht ins Herz der Schweiz.

Ach was! Wobei stimmt, dass die Ostschweiz von einem Mittelländer stets unterschätzt wird. Weil man da nie durchfährt. Man fährt oben oder unten durch, es sei denn, man muss an den ­Bodensee. Dabei ist allein St. Gallen ein grosser, vielfältiger Kanton, und nicht einmal St. Galler wissen, wo genau die Grenze zu Glarus verläuft.

Könnte der «Bestatter» in der Ostschweiz spielen?

Grundsätzlich schon, aber wir hätten sicher ein grösseres Dialektproblem als im Mittelland. Es gibt in der Ostschweiz nicht das gleiche Dialekt-Mischangebot, weil hier nicht ständig Berner, Aargauer, Basler oder Zürcher aufeinandertreffen.

Aarau eignet sich also besser als gesichtsloses Durchschnittskaff?

Der Vorteil von Aarau ist, dass es keinen Lokalkolorit braucht. Im Luzerner «Tatort» müssen sie immer wieder diese Kapellbrücke zeigen, schwierig! Aarau ist nicht gesichtslos, aber alles ist möglich. Aarau ist Kantonshauptstadt, hat eine grossartige Bibliothek, eine Filiale der Nationalbank, Spital, Tschutticlub, Radrennbahn... Es braucht ein paar Institutionen, um in einer Serie Geschichten zu erzählen. Wenn wir einen kleineren Ort nähmen, wie Rorschach oder Romanshorn, hätte man es irgendwann gesehen.

Schön, dass Sie die oft verwechselten Orte unterscheiden können.

Nicht dass ich sie besser kennen würde. Was ich aber weiss: Im einen Ort haben sie einen rassistischen Stadtpräsidenten, im andern nicht.

Der Rorschacher SVP-Stadtpräsident hiess bei Giacobbo/Müller «Der Stadtpräsident von Arschloch». Und Wil dissten Sie oft als Grossstadt der Minarette. An beiden Orten spielen Sie nicht. Bewusst?

Totaler Zufall. Ich würde gern dort spielen, aber bei 120 Vorstellungen musste ein Buchungsstopp sein. Mein Spielplan hat kein ideologisches Backup. Ich spiele übrigens in vielen SVP-Gemeinden, etwa im Emmental. Da sagen sie immer gleich: Wir haben nichts zu tun mit denen am Zürichsee.

Den Graben gibts noch immer?

Sicher. Dort, wo die SVP neu entstand, hat sie ein Personalproblem und keine Chance auf ein Exekutivamt. Solothurn ist krass, da schickt sie lusche Leute, so machst du kein Rennen. Anders im Thurgau: Dessen SVP-Leute Walter, Spuhler, Eberle kann man nicht mit den Scharfmachern vergleichen.

Und Toni Brunner?

Er hat einen Sonderstatus. Er war ein sehr guter Parteipräsident. Er hat den politischen Riecher, mehr als andere. Anders als Mörgeli, der hat weder einen Riecher noch macht er gute Arbeit. Die Partei wollte Brunner zum Bundesrat machen, er aber sagte nein, blast mir in die Schuhe, ich gehe auf den Bendel.

Vielleicht hat Brunner auch einfach gemerkt, wo seine Grenzen sind?

Da bin ich sehr vorsichtig, das halte ich für kokett bei ihm. Ich verstehe Blocher, dass er Brunner immer gegen den Bauern-Vorwurf verteidigte, das war eine verdammte Arroganz. Es gibt bei der SVP viele Typen, die massiv beschränkter sind als Brunner. All diese Freikirchler, christliche Fundamentalisten. Jesus Christ, wenn die armen Kerle mal vors jüngste Gericht kommen!

Waren Sie schon in Brunners Haus der Freiheit?

Nie. Aber ich bin gern im schönen Toggenburg, zum Wandern, Skifahren, Leutebesuchen, ich war dort ja privat liiert.

Verfolgen Sie den Bergbahnenstreit?

Das sind Regionalismen, die es im ganzen Land gibt, man denke nur an die ­Gesundheit und die Bildung, all diese Regionalspitäler und Fachhochschulen. Manchmal muss man die Grenzen der Demokratie sehen. Es ist nie gesund, zu lange an einem Mythos herumzumalen. Das gilt auch für den Milizgedanken in der nationalen Politik.

Davon gilt es Abschied zu nehmen?

Wir machen uns teilweise lächerlich, zum Beispiel in der Aussenpolitik. Da haben wir keine Tradition, und so ist plötzlich Roger Köppel der Aussenpolitik-Spezialist, er, der nachts in seinem Schlafzimmer in Küsnacht historische Bücher liest und nachher das Verhältnis zur EU definieren will. Die Stärke unseres Landes ist doch sein Pragmatismus in vielen Fragen. Wenn über unsere Beamten geflucht wird, sage ich: Schaut nach Italien oder Deutschland, wie arrogant dort ein Brief des Finanzamtes daherkommt. Ich musste mal aufs Kreisbüro in Zürich wegen eines Betreibungsregisterauszugs, da war ein Zahlungsbefehl vermerkt. Der Beamte redete mir zu: «Den Tolggen bringen wir raus. Die müssen das löschen. Ich setze ihnen den Brief auf.»

Täte mehr Pragmatismus auch der Politik gut?

Pragmatismus hat etwas mit unserem System der Konkordanzpolitik zu tun. Das stört mich an der SVP, sie soll doch in die Opposition, diese Habaschen sind sowieso nicht an Lösungen interessiert, sondern an Problembewirtschaftung. So blockieren sie den ganzen Laden.

Ihre Figuren distanzieren sich vom scharfen Kurs ihrer nationalen Parteien. Bewirtschaften diese Schein­probleme?

Im Dorf merken die Leute sicher besser, wenn nur Phantome gejagt werden. Das funktioniert auf Gemeindestufe nicht, am Schluss muss das Schulhaus stehen, die Rechnung liegt auf dem Tisch und die Handwerker, die dort gearbeitet haben, hat man auch gesehen. Das gilt auch für die Flüchtlingsfrage: Klar, wir haben so etwas wie eine Völkerwanderung, das ist nichts Neues in der Menschheits­geschichte. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Auch da geht es um pragmatische Lösungen. Der Kanton St. Gallen ist ein gutes Beispiel. In Amden gab es Widerstand, doch nun geht es gut. Weil sie den Stier an den Hörnern packen, weil es Leute gibt, die sich engagieren.

Das Bild vom skeptischen, rückständigen Land ist also falsch?

Ich empfinde es nicht so. Auch die oft erwähnte Ländlichkeit gibt es nur bedingt. Von Amden sind Sie in Fünfviertelstunden in Zürich. Man spricht immer vom Stadt-Land-Graben. Ich erlebe es als Agglomeration-Stadt-Gegensatz, dieser Siedlungsbrei rund um die Städte.

Und da kommt jeweils zügig die Frage auf: Wer beteiligt sich wie an der Infrastruktur der Städte?

Ja, da sehe ich ein Problem in der Schweiz. Unser Land braucht die Städte, auch wenn sie ein republikanisches Land ist. Nun ist es schick geworden, sogar unter jungen, gebildeten Leuten, den Staat auf ein «Nünteli» – ein Nichts – zu reduzieren. Ich finde schon, dass man an vielem schrauben darf und dass Institutionen wie die SRG begründen sollen, weshalb sie Geld brauchen. Ich beteilige mich als Steuerzahler auch an vielem, das mir nicht passt.

Sie zahlen gerne Steuern?

Ich finde Steuern, wenn man gut verdient, nicht so schlimm. Dass aber jene, die am meisten haben, am lautesten heulen, verstehe ich nicht. Wenn alles so ideologisiert wird, kommt es zu lächerlichen Ausflüssen wie der Velosteuer in der Stadt Zürich, wo die Bürgerlichen den Linken eins auswischen wollten, dabei fahren längst nicht nur Linke Velo. Oder dass «auf dem Land» jede Genossenschaft den Linken zugeschrieben wird. Absurd in einem Land, in dem es so viele Genossenschaften gab und gibt.

Klingt wie Staatskundeunterricht... oder eine Anmahnung, Heimatliebe nicht den Rechten zu überlassen.

Wenn es um die Schweiz geht, sollte man wieder mal Gottfried Keller lesen. Das Vaterland, sagt Keller, muss man lieben, denn es kann auch mal untergehen, es ist nicht für ewig gemacht.

Wann steigen Sie in die Politik ein?

Ich habe eine grosse Schnurre. Das ist das einzige, das ich mit Politikern gemeinsam habe. Eine Schnurre allein reicht nicht für einen Politiker. Politik ist auch ein Handwerk. Ich habe viele Politiker kennen gelernt, auch nationale, die sich ernsthaft mit Problemen auseinandersetzen und Lösungen suchen.

Zurück zur Ostschweiz: Sie fühlt sich oft weit weg von Bern. Und es fehlt ihr auch ein Bundesrat.

Die Vertretung ist doch eher symbolisch. Ich habe noch nie ein gescheites Beispiel gehört, bei dem eine Region von ihrem Bundesrat profitiert hätte. Ein Bundesrat kann nicht seine Region pushen, das käme nicht gut an. Wenn man es medial anschaut, so war St. Gallen mit dem FC und Hüppi doch hübsch vertreten.

Sie sind ein grosser Fan eines ­ St. Galler Produkts, der Rapsöl-­Mayonnaise des Culinariums.

Die ist der Hammer! Mein Standardmitbringsel bei Besuchen. Ich lag nie falsch damit und zwar durch alle Schichten.

Nun schwärmt uns ein Auswärtiger von unsern Produkten vor…

Das gilt für viele Regionen der Schweiz: Sie sind sich ihrer Qualitäten nicht bewusst. Die Ostschweizer haben den Ruf vom Fleissigen. Mein Vater, Rektor an einer Berufsschule, sagte oft: Die cheibe St. Galler waren wieder schneller fertig als wir und hatten erst noch das bessere Dossier. St. Galler sind fleissig, seriös, genau, pünktlich. Und sie haben die besseren Würste, das Mittelland ist keine Wurstgegend. Auch die vielen kleinen Käsereien, die Ribelmais-Geschichten – die Ostschweizer machen das gut, ohne es mit der Heimatliebe zu übertreiben.

Die Heimatliebe hört oft auf, wenn es um die Stadt geht. In St. Gallen steht bald eine Abstimmung über die Theatersanierung an, die auf Landstimmen angewiesen ist.

Die Frage ist nicht, ob alle das Theater nutzen. Sondern: Was sind uns die Städte wert? Wir brauchen sie aufgrund ihrer Zentrumsfunktionen. Das kostet. Wenn alle nur für sich schauen, will ich die ländlichen Strukturen nicht sehen. Dann ist fertig mit Post und Bus in jeden Chrachen, dann sollen sie mit dem Muni in die Stadt kommen. Zu einer Stadt gehört ein Theater, und gerade die St. Galler zeigen mit ihren Musicals, dass sie gefällig und nicht nur elitär unterwegs sind.

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