«Die Idee schlug ein wie eine Bombe»: Wattwiler Heimleiter kreiert Begegnungsbox für betagte Bewohner und wird mit Anfragen überhäuft

Die Idee eines Wattwiler Alters- und Pflegeheimleiters ist gefragt – und bereits mehrfach kopiert.

Regula Weik
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Getrennt durch eine Scheibe, verbunden per Telefon: Trudi Jäger unterhält sich mit ihrer Mutter Hilda Schläpfer in der Besuchsbox des Alters- und Pflegeheims Risi.

Getrennt durch eine Scheibe, verbunden per Telefon: Trudi Jäger unterhält sich mit ihrer Mutter Hilda Schläpfer in der Besuchsbox des Alters- und Pflegeheims Risi.

Ralph Ribi

«Heute ist für mich Ostern», sagt Hilda Schläpfer. Die 91-Jährige lebt im Alters- und Pflegeheim Risi in Wattwil. Die Feiertage liegen zurück. Doch für Hilda Schläpfer ist an diesem Vormittag Ostern, ihr ganz persönliches. Ihre Tochter ist da. Die beiden haben sich länger nicht mehr gesehen – wegen Corona und dem damit verbundenen Besuchsverbot. Die 91-Jährige drückt ihre Hand gegen die Plexiglasscheibe. Auf der andern Seite der Scheibe tut es ihr Trudi Jäger gleich. So könnten sie sich doch etwas berühren, sagen Mutter und Tochter. «Es ist schön, zu sehen, dass es meiner Mutter gut geht, dass sie zwäg ist», sagt Trudi Jäger.

Sie ist am Morgen von Züberwangen nach Wattwil gereist. Das Heim darf sie nicht betreten. Doch nun sitzt sie in einer geschlossenen Holzbox, angebaut ans Heim, eine Scheibe trennt sie von ihrer Mutter. Sie telefonierten oft. Doch Trudi Jäger sagt:

«Es ist nicht dasselbe. Sich zu sehen,
hat eine andere Qualität.»

Ihre Mutter ist im November ins Risi gezogen. Zuvor hatte sie in einer Alterswohnung ganz in der Nähe gelebt. Schon damals sei sie zum Zmittag ins Altersheim gegangen. «Sie hat selber nicht mehr gekocht», erzählt Trudi Jäger. «Ich darf gar nicht daran denken, wie es wäre, wenn sie noch alleine zu Hause leben würde.» In normalen Zeiten hätte sie ihre Mutter am Wochenende abgeholt. «Doch das ist jetzt nicht möglich, gell», spricht sie übers Telefon mit ihrer Mutter. Die 91-Jährige nickt und lächelt. «Ich bin dann schon froh, wenn ich aus dieser Haft entlassen werde», kommt es zurück. «Sie hat den Humor nicht verloren», sagt ihre Tochter.

Georg Raguth, Leiter des Alters- und Pflegeheims Risi in Wattwil

Georg Raguth, Leiter des Alters- und Pflegeheims Risi in Wattwil

Ralph Ribi

Der Mann, der die Begegnung der beiden in der Besuchsbox ermöglicht hat, ist Heimleiter Georg Raguth. Sie hätten früh ein Besuchsverbot erlassen – noch vor dem Bundesrat. Und sie hätten damals gleich Skype eingeführt. Einige Bewohner kämen damit gut «z’Rank». Für andere ist es «fast unheimlich», wenn die Tochter oder der Sohn plötzlich aus dem Bildschirm spricht, womöglich noch mit verzerrter Stimme. Da habe er sich an Filme mit Besuchsszenen in Gefängnissen erinnert – ein Raum, eine Trennscheibe, zwei Telefone. Gedacht, getan. 24 Stunden später stand die «Bsuechsbox» bereit.

Inzwischen gibt es eine Warteliste

Heute, zehn Tage später, sagt Raguth:

«Die Idee schlug ein wie eine Bombe.»

Inzwischen gebe es eine Warteliste. Die Box kann täglich benutzt werden – auf Voranmeldung. Leiden die Bewohner oder die Angehörigen mehr unter dem Besuchsverbot? «Die Angehörigen plagt es fast mehr.» Manche kämen in normalen Zeiten jeden Tag vorbei. Andere nie.

104 Bewohnerinnen und Bewohner leben im Risi. Alle über 65 und damit alle Risikopatienten. Die Eingangstüre zum Heim ist derzeit geschlossen. «Die Bewohner dürfen weiterhin ums Haus und im Garten spazieren. Sie dürfen das Areal aber nicht verlassen», sagt Raguth. Sie müssen nun aber läuten, dann wird ihnen die Türe geöffnet. «So haben wir vor allem eine Kontrolle, dass keine auswärtigen Personen einfach ins Haus marschieren.»

Raguth leitet das Risi seit elf Jahren. Derzeit informiert er jeden Morgen Personal und Bewohner – über aktuelle Zahlen, neueste Entscheide und Überlegungen auf Bundesebene. Plangen die Bewohner auf das Ende des Lockdowns? Sie seien nicht ungeduldig. «Ich sagte ihnen von Beginn weg, dass dieser Zustand nicht wenige Tage, sondern Wochen oder gar Monate dauern wird.» Sind sie verängstigt? «Nein. Die Stimmung im Haus ist nicht negativ.» Für Raguth ist klar:

«Jede Form von Lockerung für
ältere Menschen ist derzeit deplatziert.»

Das Risi bietet in Normalzeiten eine ganze Reihe von Aktivitäten: Basteln mit Holz oder Textilien, singen, kochen, backen. Nahezu alle Angebote werden weitergeführt. Sie wurden gar noch intensiviert. Neu gibt es Spiel- und Filmnachmittage, auch eine Jukebox wurde angeschafft. Die Angebote würden heute stärker genutzt als früher, stellt Raguth fest. «So kommen die Bewohner aus ihren Zimmern.» Und dann fügt er an:

«Wir dürfen wegen Corona
nicht in Lethargie verfallen.»

Shuttledienst für Mitarbeitende eingerichtet

Raguth wie auch alle 130 Mitarbeitenden tragen Masken. Die ersten zwei, drei Tage sei dies bei den Bewohnern ein Thema gewesen. Inzwischen ist es längst normal geworden. Die Hygienevorschriften werden minutiös eingehalten. Bevor die Mitarbeitenden am Morgen das Heim betreten, wird Fieber gemessen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die üblicherweise mit dem öffentlichen Verkehr anreisen, werden zu Hause abgeholt und nach der Arbeit nach Hause gefahren. Es wurde dafür ein Shuttledienst eingerichtet. Und Mitarbeitende, die einer Risikogruppe angehören, wurden schon früh freigestellt – bei vollem Lohn. Engpässe beim Personal oder beim Material gab es bislang keine. «Unser Team liess alle seine Kontakte spielen.»

Bislang ist das Risi vom Virus verschont geblieben. «Wir hatten zwei Verdachtsfälle beim Personal und einen bei den Bewohnern», sagt Raguth. Alle drei Personen wurden negativ getestet. Die Angst vor einem Fall im Heim begleite und belaste ihn. Der Heimleiter sagt:

«Ich schlafe damit ein und
wache damit auf».

Diese Sorge schwebe über ihm «wie ein Damoklesschwert». Und falls es dennoch passiert? Dafür hätten sie einen separaten Hausteil vorbereitet, den sie «hermetisch abriegeln» könnten. Coronapatienten würden sie im Heim betreuen – ausser jemand habe den ausdrücklichen Wunsch, ins Spital verlegt zu werden, sagt Raguth. Er wisse das von den allermeisten Bewohnerinnen. Auch, ob sie beatmet werden wollen oder eben nicht. Verlangt er beim Heimeintritt eine Patientenverfügung? «Nein.» Bislang hätten sie dies den Bewohner lediglich empfohlen. Künftig werde er dies beim Eintritt mit jedem Einzelnen anschauen und ihn davon zu überzeugen versuchen. «Das ist eine der Lehren aus Corona.»

Die wöchentliche Wandlung des Heimleiters

Inzwischen hat sich Trudi Jäger von ihrer Mutter verabschiedet. Die Box wird nach jedem Besuch gründlich desinfiziert. Ein erheblicher Aufwand? Raguth nickt. «Aber einer, der sich lohnt.» Der Heimleiter ist mit seiner Idee inzwischen weit über das Toggenburg hinaus bekannt wie ein bunter Hund. Nach seinem Auftritt im Schweizer Fernsehen avancierte er zum Medien-Shootingstar, sogar ausländische Fernsehstationen riefen an. Auch Heimleiter aus dem In- und Ausland telefonierten, mailten und erkundigten sich nach der Besuchsbox. Gar aus China kam eine Anfrage. Hat Raguth ein Copyright für die Box beantragt? Er winkt ab:

«Es freut mich, wenn die Idee
kopiert wird.»

Apropos bunter Hund. Eine Frage, die zum Schluss noch auf den Nägeln brennt: Hatte Raguth beim Fernsehauftritt nicht violette Haare? Er lacht:

«Meine Haare sind jede Woche anders,
mal violett, mal blau, mal einseitig kurz.»

Wenn er damit am Montagmorgen jeweils ein paar Lacher im Heim auslöse, so passe das für ihn. Und wohl auch für die Bewohner.