HEILIGENKULT: Das Geschäft mit den Wundern

Der Schädel der heiligen Ita von Toggenburg half bei Kopfschmerzen; und Gallus’ Schuhe und Socken liessen den verkrüppelten Maurus wieder gehen. Am Vorabend der Reformation boomte das Geschäft mit der Frömmigkeit.

Johannes Huber
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Johannes Huber

In den Jahrzehnten vor der Reformation erlebte das Geschäft mit dem Heiligenkult eine Hochkonjunktur. Oftmals ­wurde so das Geld für kirchliche Bau­vorhaben und Prunk zusammengetragen (Zweittext). Bei der Finanzierung des ­Altarhauses des St. Galler Münsters (Stiftskirche) ging man so vor: Um den ins ­Stocken geratenen Neubau voranzubringen und 1483 endlich abzuschliessen, installierte man den Kult rund um die Maria im Gatter. Dies war eine Figur, die man in einer seitlichen Kapelle des Lettners hinter einem eisernen Gitter aufstellte. Zahlreiche Wundermeldungen im Zusammenhang mit dieser Figur heizten die Wallfahrt zur wundertätigen Muttergottes an. Daran hatte das prominente weltliche St. Gallen, das Handelspatriziat, ein grosses Interesse. Ein Chorbau, wie er damals entstand und der markant aus dem Dächermeer herausragte, bedeutete für die Kaufmannsstadt St. Gallen auch Prestige. In die Verwaltung des Wallfahrtsgeschehens waren deshalb auch zahlreiche Städter eingebunden, die selbst bei der Bestätigung von geschehenen Wundern Zeugnis ablegten. Die Abtei unter dem damaligen Abt Ulrich Rösch war in Bezug auf das Treiben im Münster eher skeptisch, konnte aber auch keine ernsten Einwände gegen den erwünschten Fertigbau des Chors haben.

Krücken in Mörschwil, Hostie in Sennwald, Schädel in Fischingen

Auf der Landschaft kam es zu vergleichbaren Vorgängen. In Mörschwil, wo man sich schon länger kirchlich von Arbon lossagen wollte, stiess man 1494 bei der Anlegung eines Grabens auf Skelette. Anschliessend baute man beim Fundort einen Bildstock, dann eine Holzkapelle, schliesslich ein steinernes Gotteshaus. Den 1510 fertiggestellten Bau finanzierte man dadurch, dass man die Krücken eines Geheilten ausstellte. Obgleich man zu diesen Vorgängen kaum etwas weiss, lässt sich erschliessen, dass diese Gehhilfen als diejenigen eines Manns namens Maurus ausgegeben wurden. Maurus, der so verkrüppelt war, dass er nicht auf seinen eigenen Beinen gehen konnte, hatte nach dem Tod des heiligen Gallus dessen Schuhe und Strümpfe erhalten. Als er sie anzog, war er geheilt; dies war das erste Wunder nach Gallus’ Tod. Im Namen des Geheilten sah man das Motiv für den Namen Mörschwil (Morinis­wilare), und schon war für den Kirchenbau an diesem Ort eine einträgliche Einnahmequelle geschaffen.

In Sennwald wurde im Schwabenkrieg 1499 die Kirche niedergebrannt. In den rauchigen Trümmern fand man ­blütenweiss und unversehrt auf dem ­Altar die Hostie aus der – ebenfalls zerstörten – Monstranz. Der Fall versetzte die ganze Eidgenossenschaft, in der ein starkes Wunderfieber um sich griff, in Erregung. Freiherr Ulrich VIII. von Hohensax, Söldnerführer und Eigentümer des Gotteshauses, kam dieses Hostienwunder gerade recht; denn er wollte die Kirche schnell wieder aufbauen und in diesem Neubau die Grablege seines Geschlechts einrichten. Dazu stiftete er auch Messen; am Grab, das auch sein eigenes wurde, sollte das Beten für seine Seele nie wieder verstummen. Angst vor dem Fegfeuer, geschuldet all den erschlagenen Männern und Frauen ihrer zahllosen Kriegszüge, mag die «Kriegsgurgel» von Hohen­sax geleitet haben in ihrem Plan: Ulrich wollte durch den inszenierten Hostienfund und das gebaute Gotteslob sein Los nach dem Tod in bessere Hände über­geben als seine es waren.

Im thurgauischen Fischingen stand Abt Heinrich Schüchti bei Antritt der Klosterleitung 1464 vor enormen bau­lichen Herausforderungen. 1440 war das Klostergebäude mitsamt Kirche abgebrannt. Schüchti veranlasste den Einsiedler Dekan Albrecht von Bonstetten, damals einer der führenden Humanisten in der Eidgenossenschaft, eine Lebensgeschichte der heiligen Ita (auch: Idda) von Toggenburg zu verfassen.

In dieser Geschichte verwob von Bonstetten geschickt die Erinnerungen an eine gut­tätige, um 1200 als Reklusin – weibliche Person, die sich zum ewigen Gebet einmauern lässt – verstorbene, inzwischen als Heilige verehrte Frau Ita von Toggenburg mit zahlreichen fantastischen Motiven. Dazu gehörten der Sturz Itas von der Burg Alt Toggenburg und ihr angeblicher Kirchgang in Begleitung eines Hirschs, in dessen Geweih zwölf Kerzen brannten. Diese Lebensgeschichte verbreitete sich rasch und immer mehr Pilger fanden den Weg nach Fischingen. Dort wurde ihnen der Schädel Itas gezeigt, der den Vollbrand von 1440 auf wundersame Weise überstanden hatte. 1496 liess Abt Heinrich das bis heute bestehende Hochgrab anlegen mit dem bekannten Kopfwehloch an der Frontseite: In dieses Loch streckten die Gläubigen, demütig am ­Boden liegend, ihren Kopf.

Traditionelle Wallfahrtsorte überlebten

Nebst diesen im Spätmittelalter neu geschaffenen Wallfahrtsorten stand eine Reihe weiterer Örtlichkeiten seit längerem in der hohen Verehrung des Volkes. Dazu gehörte das Marienheiligtum auf dem Benkner Büchel, wohin sich die Bevölkerung von Schänis 1519 während der Pest in Sicherheit gebracht hatte. Aus dem abgeschiedenen Flucht- und Betort entwickelte sich die wichtigste Wallfahrtsstätte des Linthgebiets. Die Wallfahrt nach Dreibrunnen war bereits lange vor der Reformation bei Frauen beliebt, deren Kinderwunsch nicht erfüllt worden war. Auf dem Valentinsberg zu Rüthi (Rheintal) betete man seit dem Mittelalter für die Heilung der Fallsucht (Epilepsie). Ein Marienwallfahrtsort mit lokaler Ausstrahlung wurde der Forst bei Altstätten, während in Hemberg im Toggenburg seit dem Spätmittelalter ein Kult der heiligen Anna belegt ist.

Es erstaunt nicht, dass als Wallfahrtsstätten gerade diese Orte mit einer teils längeren Kultur und Tradition den Sturm der Reformation überstanden, in der ­Barockzeit zu neuer Blüte gelangten und teils noch heute als Gnadenorte in der Bevölkerung tief verankert sind.

Der Historiker Johannes Huber ist Schriftleiter des Neujahrsblatts des Historischen Vereins St. Gallen. Die Blätter 2017 und 2018 widmen sich der Reformation in der Ostschweiz.