«Heil liegt nicht in der Hierarchie»

Die Stadt St. Gallen ist ab morgen Bischofstreffpunkt: Die Präsidien der Bischofskonferenzen aus ganz Europa kommen zusammen. Kirchengeschichte neu geschrieben wird dabei kaum. Für Theologieprofessorin Monika Jakobs haben die Bischöfe aber Einfluss auf den Papst.

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Monika Jakobs Dekanin der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (Bild: Quelle)

Monika Jakobs Dekanin der Theologischen Fakultät der Universität Luzern (Bild: Quelle)

Frau Jakobs, die katholische Kirche hat grosse interne Probleme, von Priestermangel bis zu Missbräuchen. Die Bischöfe aber reden über «spirituelle Aspekte der Herausforderungen unserer Zeit». Warum sind sie nicht mutiger und packen Aktuelles an?

Monika Jakobs: Sie werden darüber sprechen, aber das sind interne Themen. Ich finde zudem das Thema der spirituellen und auch der sozialen Herausforderungen aktuell. Zum Beispiel der Bischof von Spanien: Der fragt sich, wie sich die Kirche angesichts von 50 Prozent arbeitslosen jungen Erwachsenen verhalten soll.

Wenn die Bischöfe etwa zur Ordination von Frauen einen Konsens fänden und damit an die Öffentlichkeit gingen: Würde das innerkatholisch etwas bewirken?

Jakobs: Ja. Denn die europäische Bischofskonferenz ist eine Grösse, die kein Papst ignorieren kann. Die katholische Kirche ist zwar keine Demokratie, aber der Papst ist auch kein Despot.

Aber die Bischöfe äussern sich nicht dazu.

Jakobs: Vermutlich. Aber vor allem ist es eine Illusion zu glauben, dass sich mit der Ordination von Frauen – auch wenn ich nichts dagegen hätte – auch alles andere in der Kirche ändern würde.

Wenn sich von Rom her etwas ändert, dann eher in Richtung Stärkung der Hierarchie und konservativer Positionen.

Jakobs: Dazu gibt es einen schönen Satz: Die Katholiken haben eine Krankheit, sie warten immer auf den nächsten Papst. Das ist falsch, wir müssen mit den Bedingungen arbeiten, die jetzt sind. Und wir müssen uns davon lösen, dass das Heil in den Strukturen liegt.

Aber die Hierarchie, die heilige Ordnung, ist in der katholischen Kirche mit dem Papst als Stellvertreter Christi und den von ihm eingesetzten Bischöfen sehr wichtig.

Jakobs: Das hat alles seine Berechtigung. Aber der Papst ist nicht Jesus und die Bischöfe auch nicht. Unsere Herausforderung aber ist, wie wir Christentum und Moderne vereinbaren können. Das Zweite Vatikanische Konzil ist dabei von riesiger Bedeutung, es war ein Paukenschlag. Aber es braucht Zeit, das umzusetzen.

Konservative Katholiken wollen aber am liebsten zurück vor das Zweite Vatikanum.

Jakobs: Den Weg zurück gibt es nicht, auch der Papst will das nicht. Die meisten Leute, auch die konservativen, wissen gar nicht mehr, wie das damals war. Die ganze Gesellschaft und Lebenswelt hat sich durch die Individualisierung komplett verändert.

Woher kommt denn das Heil, wenn nicht von den Strukturen?

Jakobs: Es geht darum, dass Glaubende selbstbewusster und kompetenter werden, und dass man sie auf diesem Weg stärkt. Auch sie erwarten immer noch alles vom «guten Herrscher». Der «Glaubenssinn der Gläubigen», von dem das Konzil spricht, muss von Kirchenleitung und Gläubigen wirklich akzeptiert und gelebt werden Hier hat die katholische Kirche ihre Hausaufgaben nicht gemacht.

Sie sagen eigentlich: Rom ist weit weg und die Kirche findet in den Pfarreien statt.

Jakobs: Entscheidend für das alltägliche Glaubensleben ist die Basis. Die Hierarchie hat eine andere Funktion. Man kann nicht darauf warten, dass die Hierarchie den Glauben in den Pfarreien belebt.

Die Bischofskonferenz wird den Kurs der Kirche kaum in diese Richtung verändern. Ist sie trotzdem sinnvoll?

Jakobs: Eine Riesenorganisation wie die katholische Kirche braucht Einigungsprozesse. Solche finden in einer Bischofskonferenz statt. Und es ist klar: Eine Kursänderung der Kirche ist wie eine Kursänderung eines Ozeandampfers.

Sehen Sie Anzeichen von Veränderungen?

Jakobs: Nehmen wir den Missbrauchsskandal. Da gibt es Leute wie Abt Werlen, der Aufklärung fordert. Und es gibt Leute, denen diese Transparenz Angst macht. Solche Positionen, die auch in Deutschland und Österreich vertreten werden, erzeugen eine Spannung. Diese sollten die Kirchenleitungen produktiv machen.

Ist die österreichische Priester-Initiative – in der Schweiz als Pfarrei-Initiative übernommen– ein Beispiel dafür?

Jakobs: Diese Themen müssen aufgenommen werden. Die Kirchenleitungen müssen zeigen, dass sie die Anliegen der Pfarreien ernst nehmen.

Bischof Büchel sagte kürzlich, er halte eine Spaltung der Schweizer Katholiken wegen der konservativen Churer Linie für denkbar.

Jakobs: Wie wahrscheinlich das ist, wird sich weisen. Ich beobachte bei unseren Studierenden, dass sie durch solche Vorgänge sehr entmutigt werden in ihrem Engagement für die Kirche.

Die Probleme der Kirchen auf den verschiedenen Kontinenten sind sehr unterschiedlich. Ist das «Schweizer Problem» überhaupt wichtig für die Weltkirche?

Jakobs: Es ist richtig, dass die Weltkirche völlig verschiedene Probleme hat. In Südamerika zum Beispiel ist die Konkurrenz durch fundamentalistisch-charismatische Kirchen riesig. Aber es geht nicht, die Probleme der einen gegen die der anderen auszuspielen. Weltkirche sein, heisst die Vielfalt akzeptieren.

Für Sie steht die katholische Kirche nicht vor ihrem Untergang.

Jakobs: Ich plädiere für Nüchternheit. Es brennt nicht überall in der Kirche, ein «Alarmismus» ist fehl am Platz.

Interview: Daniel Klingenberg