Reportage

Heidens Schlachthaus im Winterschlaf – Die Gemeinde will dem alten Gebäude neues Leben einhauchen

Über hundert Jahre lang wurde im Heidener Schlachthaus Fleisch verarbeitet. Seit gut drei Jahren steht das Gebäude leer. Ein Rundgang.

Adrian Lemmenmeier
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Sein halbes Leben lang hat Paul Heller in diesem Haus geschlachtet.

Sein halbes Leben lang hat Paul Heller in diesem Haus geschlachtet.

Bild: Lisa Jenny

Paul Heller zieht den Bauch ein und zwängt sich zwischen der weissgekachelten Wand und einem Bretterstapel in den Kühlraum. Das alte Schlachthaus ist bis unter die Fleischerhaken zugestellt mit Holzplatten. Die Gemeinde lagert hier die Häuschen für den Weihnachtsmarkt, immerhin 18 Tonnen Holz.

Heller reibt sich vor Kälte die Hände. Wie früher. Auch in den 1960er-Jahren sei hier nicht geheizt gewesen, sagt der 84-Jährige. «Am Morgen war jeweils der ganze Boden vereist, als erstes mussten wir Salz streuen.» Damit die Kühe nicht ausrutschten, wenn die Metzger den Bolzenschiesser ansetzten.

Auf den Fleischerhaken hat sich Rost gebildet. Seit einigen Jahren werden sie nicht mehr gebraucht.

Auf den Fleischerhaken hat sich Rost gebildet. Seit einigen Jahren werden sie nicht mehr gebraucht.

Bild: Lisa Jenny

Eine Metzgerei nach der anderen ist eingegangen

Gut 40 Jahre hat Paul Heller in diesem Haus gearbeitet, frühmorgens Vieh geschlachtet, danach das Fleisch in seiner Metzgerei in Heiden verarbeitet. 1977 haben sieben Metzger das 1899 errichtete Haus von der Gemeinde übernommen. Im Lauf der Jahre ist aber eine Metzgerei nach der andern eingegangen. Als schliesslich der letzte Metzger das Handtuch warf, ging das Schlachthaus zurück an die Gemeinde. Das war 2017. Seither steht das Gebäude leer. Geschlachtet wird heute in Grossbetrieben. In Heiden gibt es nur noch eine Metzgerei.

Am Schlachthaus nagt der Zahn der Zeit: Von der Fassade blättert Verputz. «Go vegi» hat jemand auf ein verrammeltes Fenster geschrieben. Aus der Wand lugen Kabel. An der Blutrührmaschine hängen Spinnweben. Das Gehege, in dem einst die Schweine auf ihr Ende wartenden, ist mit Laub gefüllt. Die Wand daneben mit Graffiti vollgesprayt. «Hier sollte man mal aufräumen», sagt Heller.

Das Gehege vor der Schlachtstrasse für Schweine liegt gleich neben dem Witzweg. Dieser führt über die Treppe links im Bild.

Das Gehege vor der Schlachtstrasse für Schweine liegt gleich neben dem Witzweg. Dieser führt über die Treppe links im Bild.

Bild: Lisa Jenny

Die würzigen Düfte der Landschaft

Auf der anderen Seite des Gatters liegt der Witzweg. «Kein Witz», steht auf einer Tafel: «Bis 1914 wurde den Gästen im Kurhaus Quisisana empfohlen, die ländlich-würzigen Düfte täglich tief einzuatmen.» Zum Duft von Dung und Weide kam 1964 der von verbranntem Fleisch. Damals wurde im Schlachthaus eine Kadaververbrennung eingerichtet – jede Woche wurde tonnenweise Abfallfleisch im 1000 Grad heissen Feuer entsorgt. «Sobald die Temperatur hoch genug war, hat man nichts mehr gerochen», sagt Heller. Von der Kadaververbrennung übrig geblieben ist nur der gut zwanzig Meter hohe Backsteinkamin. Das Ende der daran befestigten Leiter verliert sich im Nebel. Heller schaut empor. «Von da oben hat man eine fantastische Aussicht. Man sieht ganz Wolfhalden.»

Der Ofen der Kadaververbreunnungsanlage wurde in den 1970er-Jahren wieder ausgebaut. Der Schornstein ist geblieben.

Der Ofen der Kadaververbreunnungsanlage wurde in den 1970er-Jahren wieder ausgebaut. Der Schornstein ist geblieben.

Bild: Lisa Jenny

Die Ochsen aus Ungarn übernachteten im Keller

Paul Heller führt ins Untergeschoss. An der Wand steht ein steinerner Futtertrog. «Hier haben wir die Ochsen, die mit der Bahn gebracht wurden, untergebracht.» Die meisten Tiere seien aus Ungarn gekommen, sagt Heller. Im letzten Jahrhundert importierte man Fleisch noch lebendig. Im Raum daneben soll noch der Öltank stehen, der den Verbrennungsofen speiste. Hinter einer Tür, zu der niemand einen Schlüssel hat.

Hier verbrachten importierte Ochsen ihre letzte Nacht.

Hier verbrachten importierte Ochsen ihre letzte Nacht.

Bild: Lisa Jenny

Bei Hochbetrieb haben früher gut zehn Männer im Schlachthaus gearbeitet. Kühe und Rinder hat jeder Metzger selber verarbeitet. «Um Sauen zu schlachten, brauchte es mindestens vier Leute.» Einer betäubte sie mit der Elektrozange. Der zweite entblutete sie mit einem Messerstich. Der dritte schob sie in die Enthaarungsmaschine. Der vierte halbierte.

Die Schlachtstrasse im Heidener Schlachthaus ist heute verstellt. Mit Weihnachtsmarkthüttenwänden. Nur das Eisengestänge und die Haken an der Decke lassen die letzten Meter der Tiere erahnen. Hat Heller je Mühe gehabt, die Tiere zu töten? «Nie.» Der stämmige Mann schüttelt den Kopf. «Ein Bäcker backt. Ein Metzger schlachtet. Das ist normal.»

Ausserhalb der Adventszeit lagern die Häuschen des Heidener Weihnachtsmarkts im alten Schlachthaus.

Ausserhalb der Adventszeit lagern die Häuschen des Heidener Weihnachtsmarkts im alten Schlachthaus.

Bild: Lisa Jenny

Kommt bald eine neue Schlachtbank?

Seit das Schlachthaus leer steht, sucht die Gemeinde nach einer neuen Nutzung. Ideen habe es verschiedene gegeben, sagt Gemeindepräsident Gallus Pfister. Ernsthaft verfolgt wurden zwei. So sollte im Schlachthaus ein Entsorgungshof eingerichtet werden. Das Vorhaben wurde aber im Oktober fallen gelassen. Zum einen fehlten Abstellflächen für Mulden und Container. Zum anderen ist der Platz vor dem Schlachthaus nicht gross genug, damit Lastwagen vorfahren und wenden könnten.

Ein Blick in die einstige Telefonkabine.

Ein Blick in die einstige Telefonkabine.

Bild: Lisa Jenny

Derzeit prüft die Gemeinde die Idee, im Schlachthaus bald wieder Fleisch zu verarbeiten. 5000 Franken hat der Gemeinderat im November gesprochen, um abzuklären, ob sich hier eine Bioschaumetzgerei einrichten lässt. Dabei sollen die Tiere nicht mehr im Schlachthaus getötet werden, sondern auf den Bauernhöfen. Im Schlachthaus würde das Biofleisch nur verarbeitet. «Die Idee ist, den bewussten Fleischkonsum zu fördern», sagt Pfister. Weiteres lasse sich dazu noch nicht sagen; die Gemeinde warte auf den entsprechenden Businessplan.

Um Nischennahrung herzustellen, wird das Schlachthaus jetzt schon genutzt. Hobbybrauer lassen hier in Metallbottichen ihr eigenes Bier gären. In dem Raum, wo früher die Kuttelreinigungsmaschine surrte.

Der Lack ist ab. Verputz bröckelt von der Fassade des Schlachthauses.

Der Lack ist ab. Verputz bröckelt von der Fassade des Schlachthauses.

Bild: Lisa Jenny

Serie: Verlassen und zerfallen



Hotels, Fabriken, ein Schlachthaus – in loser Serie besuchen wir verlassene Orte in der Ostschweiz, die seit Jahren leer stehen. Wir öffnen die Türen, erzählen die Geschichten hinter den Gebäuden und fragen, ob und wie die Objekte wieder genutzt werden könnten. (cz)

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