HEFENHOFEN: Kurz vor vier erfolgt der Zugriff

Gerüchte über eine Stürmung des Hofes machten den ganzen Nachmittag die Runde. Dann geht’s plötzlich los. Eine Armada von Polizisten umstellt das weitläufige Gelände und riegelt es hermetisch ab. Die Polizei befürchtet Waffen auf dem Hof.

Manuel Nagel, Sabrina Bächi
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Die mobile Einsatzzentrale der Kantonspolizei fährt vor dem Hof von Ulrich Kesselring vor. (Bild: Andrea Stalder)

Die mobile Einsatzzentrale der Kantonspolizei fährt vor dem Hof von Ulrich Kesselring vor. (Bild: Andrea Stalder)

Manuel Nagel, Sabrina Bächi

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Es ist 15.54 Uhr, als vier Polizeibeamte entschlossenen Schrittes zum Haus von Ulrich Kesselring schreiten. Bereits den ganzen Nachmittag machten Gerüchte über einen Zugriff die Runde unter den Aktivisten, welche seit Samstag vor Ort ausharren. «Jetzt geht’s los», sagt einer der Demonstranten aufgeregt – doch längst haben alle begriffen, dass nun etwas passieren wird.

Um Punkt vier riegeln Polizeiwagen die Durchgangsstrasse zwischen Amriswil und Dozwil ab und leiten den Verkehr grossräumig um. Dann fahren die Polizeiwagen ein. Fünf, sechs, sieben, acht Streifenwagen, einige zivile Autos dazu, ein Lastwagen mit der mobilen Einsatzzentrale, ein Anhänger mit Zaunelementen – «das ganze Rösslispiel», wie einer der Augenzeugen lapidar meint.

Um fünf nach vier stehen weit über ein Dutzend Einsatzwagen auf dem Platz, und es wimmelt von Polizeibeamten. Vor dem Hof sind mindestens 50 Polizisten sichtbar, und rund um Kesselrings Hof dürften nochmals einige Dutzend bereit sein, um das grosse Gelände zu sichern. Weitere drei Minuten später wird bereits der mobile Zaun aufgestellt und mit schwarzen Blachen versehen, um die Sicht auf den Hof einzuschränken. Alles scheint minutiös geplant. Um Viertel nach vier ist der ganze Hof hermitisch abgeriegelt.

Spontaner Applaus und Freudentränen

Die Aktivisten liegen sich in den Armen und können irgendwie noch gar nicht richtig fassen, was da gerade geschieht. Bereits um 16.26 Uhr bittet Kapo-Informationschef Andy Theler die Medienvertreter zu einer ersten Orientierung, in der er bestätigt, dass sämtliche Tiere beschlagnahmt worden seien und «ab morgen Dienstag in der Früh abtransportiert werden». Von einer Gruppe Aktivisten, die ebenfalls mitgehört haben, gibt es spontanen Applaus, und es fliessen Tränen. Es sind Tränen der Freude, der ­Erleichterung – und sicher sind diese auch der enormen Anspannung geschuldet, die nun von den Demonstranten abfällt. Einer von ihnen ist Mike Knöpfli aus Winterthur, der die vergangenen 28 Stunden kein Auge zugetan hatte.

Am Vormittag gab es bereits einen Vorfall, der Knöpflis Adrenalin hochjagen liess. Als ein Pferdetransporter das Hofgelände verliess, wollten die Aktivisten den Anhänger verfolgen, wurden jedoch von einem weissen Wagen bewusst ausgebremst und verloren so die Spur. Die Aufregung hätten sie sich sparen können, denn die Polizei beobachtete das Geschehen ebenfalls und verfolgte sämtliche Tiertransporte. «Patrouillen haben alles fotografisch dokumentiert. Wir wissen, welches Tier wohin gebracht wurde. Und vor allem in welchem Zustand», sagt Andy Theler an der Medienorientierung vor Ort. «Auch diese Tiere gelten als beschlagnahmt.» Die Frage eines Journalisten, ob der Hof nun seitens der Behörden «eigentlich geschlossen worden» sei, bejaht Theler.

Zu dieser Zeit ist Ulrich Kesselring bereits seit einigen Stunden in Polizeigewahrsam. Diese Aktion sei nicht auf dem Hof geschehen und friedlich verlaufen, wie Andy Theler sagt. Nun müsse die Polizei feststellen, ob auf dem Hof Waffen versteckt würden. Deshalb sei auch die Staatsanwaltschaft anwesend.

Kleine Demonstration vor dem Verwaltungsgebäude

Schon am Morgen treffen sich Tierschützer in Frauenfeld vor dem Verwaltungsgebäude. Erwin Kessler vom Verein gegen Tierfabriken will so lange Druck ausüben, «bis ein totales Halteverbot gegen Ulrich Kesselring ausgesprochen ist». Am Mittag befinden sich etwa 20 Personen vor dem Gebäude, die intensiv diskutieren, Unterschriften sammeln oder vegane Schoggigipfeli essen. Die Stimmung ist etwas gespannt, trotzdem geht alles friedlich zu und her. Kessler stellt sich den Fragen der Medien. Einige Minuten nach zwölf Uhr fährt eine Polizeipatrouille vorbei und moniert wegen eines Kamerastativs, das in der Strasse steht. Rund um den grossen Baum neben dem Verwaltungsgebäude stehen Plakate. «Es ist eine einmalige Situation, aber es ist tragisch, dass es das alles braucht, um ein Tierhalteverbot einzufordern», sagt Kessler. Er findet klare Worte: «Die Regierung hat total versagt. Walter Schönholzer hat keine Führungskompetenzen, er ist unfähig. Es muss endlich was passieren», fordert er – und kurz vor vier passiert tatsächlich etwas.