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Interview

Ina Praetorius, Theologin und Preisträgerin: «Hausfrauenarbeit gehört ins Zentrum der Wirtschaft»

Seit Jahren kämpft Ina Praetorius dafür, dass die Arbeit von Hausfrauen und Personen, die Kranke und Alte pflegen, mehr Anerkennung findet. Dafür ist die Theologin, die kürzlich aus der Kirche ausgetreten ist, nun mit einem Preis ausgezeichnet worden.
Interview: Janina Gehrig
«Natürlich sind Frauen nicht einfach die besseren Menschen», sagt die feministische Theologin Ina Praetorius.Bild: Urs Bucher (Wattwil, 9. August 2018)

«Natürlich sind Frauen nicht einfach die besseren Menschen», sagt die feministische Theologin Ina Praetorius.Bild: Urs Bucher (Wattwil, 9. August 2018)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Vor kurzem sind Sie mit 24 anderen Frauen für das Engagement, die Wirtschaft zu revolutionieren, vom deutschen Onlinemagazin «Edition F» ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen der Preis?

Ina Praetorius: Der Preis ist eine Anerkennung, weniger für mich als Person, als für die Inhalte, die ich vertrete. Unbezahlte und schlecht bezahlte Arbeit, die in Haushalten und Pflegeorganisationen geleistet wird, gehört ins Zentrum der Wirtschaft. Hausfrauen und Krankenpfleger leisten die wichtigste Arbeit überhaupt. Aber jetzt dominieren Geld und Profitdenken die Wirtschaft. Ich hoffe, dass der Preis dazu verhilft, dass mehr Leute das verstehen.

Für Ihre Anliegen haben Sie 2015 den Verein Wirtschaft ist Care gegründet. Was hat dieser zu einem Umdenken konkret beigetragen?

Wir haben verschiedene Aktionen durchgeführt. Einen Schwerpunkt legen wir in der Deutschschweiz darauf, mit wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten und Hochschulen ins Gespräch zu kommen. Wir wollen, dass das Thema dort aufgenommen wird.

Warum?

Die Wirtschaftslehre befasst sich mit der Theorie und Praxis der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse. Alle müssen sich klar machen: Jeder Mensch ist fürsorgeabhängig, jeder Mensch war einmal ein Kind, ist mal krank, wird alt. Man kann nicht alles kaufen, was man braucht. Diese Massnahmen zur Bedürfnisbefriedigung, die in Haushalten geleistet werden, kommen in der Wirtschaftswissenschaft zu wenig vor.

Wo stossen Sie auf Widerstände?

Die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in Zürich etwa hat uns nicht einmal eine Antwort gegeben – ausgerechnet eine Fakultät, die sich auf Weltniveau behaupten will. Die Uni St.Gallen ist, zumindest was die Kultur des Antwortens angeht, zugänglicher. Mit der Fachhochschule St.Gallen haben wir immerhin ein kleines studentisches Forschungsprojekt zur Bestandesaufnahme lancieren können. Inhaltlich sieht es aber bei allen schlecht aus, keine Fakultät forscht bisher zur Care-Ökonomie.

Werden Sie für die Ideen belächelt?

(Lacht.)

Anfangs werden wir meist etwas belächelt, als «Fraueli mit ihrer Hausarbeit». Dann gelten wir als Nervensägen, und dann wird blockiert. Der Dekan der Fakultät in Fribourg schrieb nach der dritten Nachfrage immerhin: «Toll, dass Sie immer wieder nachhaken.»

Woher kommt der Widerstand?

Bei den Volks- und Finanzwissenschaften leiten fast ausschliesslich Männer die Fakultäten. Die schieben das Thema gerne in andere Forschungsbereiche ab, etwa in die Soziologie oder Gender Studies. Also in Bereiche, die weniger dotiert sind und in denen vor allem Frauen forschen. Das ist fatal, weil es innerhalb des Wissenschaftsbetriebs die alte Geschlechtertrennung reproduziert.

Welches sind die Fragestellungen, die Sie erforscht haben wollen?

Etwa die Motivation der (Teilzeit-)Hausfrauen. Es ist ein Dogma der Ökonomie, dass Menschen sich nur in Bewegung setzen, wenn sie finanzielle Anreize haben. Dass das nicht stimmt, zeigt sich am besten an den Hausfrauen. Es geht auch um die Frage, warum sich Frauen dem Risiko aussetzen, alleinerziehend zu werden, wo sie am häufigsten von Armut betroffen sind. Oder: Wie viel Wertschöpfung liegt in der Pflege von älteren Menschen, wenn nicht mehr von einer Investition in die Zukunft gesprochen werden kann?

Sie sagen, Männer blocken das Thema ab. Aber kämpfen auch genug Frauen dafür, dass diese Arbeit mehr Anerkennung findet?

Es gibt natürlich auch Frauen, die das ­Thema abblocken. Sie glauben, die Frage nach der Arbeitsteilung zwischen den ­Geschlechtern sei längst überwunden.

Gratisarbeit in Haushalten gilt aber noch ­immer als Arbeit weiblicher Natur. Unbezahlte Arbeit macht den grössten Wirtschaftssektor aus.

Frauen leisten noch immer mindestens 60 Prozent der unbezahlten Arbeit. Das Bundesamt für Statistik erhebt die Daten seit 20 Jahren.

Sind Frauen einfach die besseren Menschen?

Nein, natürlich nicht. Über Jahrhunderte wurden die Menschen so konditioniert, dass Frauen für den Innenbereich zuständig waren und Männer rausgingen. Viele Männer, die das nun anders machen wollen, hadern, bekommen Identitätsprobleme.

Weil sie es anders vorgelebt bekamen?

Ja. Sie fühlen sich minderwertig, als keine «echten Männer» mehr.

Gleichzeitig liest man, die Emanzipation habe die Frauen gar nicht glücklicher gemacht.

Das Selbstbild der Frauen hat sich zwar schon stark verändert. Frauen, die «nur» zu Hause sind, sind jetzt unter einem Rechtfertigungsdruck. Früher war es umgekehrt: Meine Mutter, die als Professorin an einer Musikschule arbeitete, musste sich noch manchmal gegen den Vorwurf verteidigen, sie sei eine Rabenmutter. Dennoch ist die gleichberechtigte Teilhabe noch nicht erreicht. Sowohl Männer als auch Frauen müssen an ihren Selbstbildern arbeiten.

Sind Frauen zu wenig karriere­bewusst?

Ich glaube, Männer sind eher so sozia­lisiert worden, dass sie Geld verdienen wollen. Frauen machen auch Karriere, aber nicht um jeden Preis. Sie haben eher verinnerlicht: Karriere ist gut, aber nur, wenn sie der Welt einen guten Dienst tut.

Was ist aus Ihrer Tochter geworden?

Sie ist in der internationalen Agrarforschung tätig. Sie arbeitet derzeit an einem Projekt in Afghanistan.

Etwas, das Sinn stiftet?

Ja,mir gefällt, was sie macht. Obwohl es auch in diesem Bereich grosse Interessenskonflikte gibt.

Macht die gleichberechtigte Teilhabe die Welt denn besser?

Ich glaube nicht, dass starre Vorgaben, alle Arbeiten je hälftig aufzuteilen, Sinn machen. Bevor wir aber über verschiedene Lebensmodelle sprechen können, muss der Sektor der Care-Arbeit jene Beachtung erhalten, die er verdient.

Und das geht nur über die Entschädigung der unbezahlten Arbeit?

Ja. Die Wertung muss sich ändern. Man muss sich darüber bewusst sein, wo Wert geschöpft wird in der Gesellschaft. Relevant ist, ob die Kinder an einem guten Ort aufwachsen, ob das Gesundheitssystem dem Wohlbefinden dient, das Bildungssystem funktioniert. Das ist viel wichtiger als neue Finanzprodukte oder Waffen.

Eine Luxus-Diskussion, die sich nur reiche Länder leisten können.

Das stimmt nicht. Die Idee, dass nicht das Geld der Massstab für das Glück ist, kommt aus kleineren Ländern, etwa aus dem Himalaja oder Lateinamerika. Es sind oft indigene Völker, die sich gegen die Herrschaft des Kapitalismus und die Ausbeutung der Natur zur Wehr setzen.

Für Sie kann Gott auch neutral sein oder weiblich. Waren Sie als Theologin der evangelischen Kirche ein Dorn im Auge?

Seit 2000 Jahren wird Gott als Vater, Schöpfer und Herr bezeichnet. Das ist einer der Gründe, warum die Kirche an Bedeutung verliert. Es ist ein Fehler, Gott allein mit Männlichkeit zu assoziieren.

Ausschlaggebend für Ihren Austritt aus der evangelischen Kirche vor sechs Wochen war aber die Wiederwahl Gottfried Lochers als Kirchenratspräsident …

Die Wahl war der Anlass, aber nicht der Grund für meinen Austritt. Es hat mich wirklich erschüttert, dass die Mehrheit der Abgeordneten einen bekennenden Sexisten gewählt hat! Seit über 40 Jahren kämpfe ich gegen Sexismus in der Kirche.

Ohne, dass diese sich bewegt?

Von der Ablehnung meiner Dissertation in Zürich bis zur Idee, in der Karwoche der Care-Arbeit zu gedenken, wurden viele Ideen, von denen ich überzeugt bin, von Kirchen in der Schweiz und anderswo abgelehnt. Der Austritt gibt mir inneren Frieden. Ich werde meiner lokalen Kirchgemeinde aber treu bleiben.

Die Kirche verliert Sie als Aushängeschild. Wie waren die Reaktionen?

Man nahm es zur Kenntnis. Einige werden froh sein, dass sie mich loshaben. Andererseits war ich ein willkommenes Aushängeschild. Die Angst vor Austritten ist riesig und somit auch die Angst, dass meinem Austritt weitere folgen.

Was wünschen Sie der Kirche?

Das Evangelium wird bleiben. Was aus der Institution Kirche wird, ist mir aber ziemlich egal.

Zur Person

Ina Praetorius ist promovierte evangelische Theologin und Germanistin. Die 62-Jährige arbeitet als freie Autorin und Referentin und beschäftigt sich schwerpunktmässig mit feministischer Ethik

So etwa mit der Frage, warum die Wirtschaft die mehrheitlich von Frauen geleistete Care-Arbeit noch immer ignoriert. Sie hat 2015 den Verein Wirtschaft ist Care mitgegründet und die 2016 zur Abstimmung gelangte Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen mitlanciert.

Die gebürtige Karlsruherin lebt seit 1987 im Toggenburg, ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter. (jan)

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