Harmos macht alle nervös

Für die Befürworter steht die kantonale Schulhoheit auf dem Spiel. Die Gegner malen mit der Fremdsprachen-Diskussion den Teufel an die Wand. Der Harmos-Austritt polarisierte am Tagblatt-Podium mehr denn je.

Christoph Zweili
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Heinz Herzog, Sandro Wasserfallen (Pro), Stefan Kölliker, Urs Blaser (Contra) – flankiert von Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid und Ostschweiz-Ressortleiter Andri Rostetter. (Bild: Ralph Ribi)

Heinz Herzog, Sandro Wasserfallen (Pro), Stefan Kölliker, Urs Blaser (Contra) – flankiert von Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid und Ostschweiz-Ressortleiter Andri Rostetter. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. Der St. Galler Bildungschef Stefan Kölliker ist nervös. Nervöser, als er zugibt. Am Tagblatt-Podium spricht er zwar von «Steilpässen», die ihm die Befürworter des Harmos-Austritts liefern, SVP-Kantonsrat Sandro Wasserfallen und Heinz Herzog, über seine Tätigkeit als Schulratspräsident in Thal (bis Ende Schuljahr 2015) hinaus bekannt geworden durch sein Engagement an der Spitze des Vereins Starke Volksschule. Im Pfalzkeller muss Kölliker begründen, warum er vor acht Jahren gegen Harmos war und heute vehement als Präsident der Ostschweizer Erziehungsdirektoren für eine harmonisierte Volksschule eintritt. Der 46-Jährige beruft sich erst auf Blockzeiten und Tagesstrukturen. Mit dem Austritt aus dem Konkordat wären die ausgegebenen Millionen für die Englisch-Schulung der Lehrkräfte, das gemeinsam mit dem Kanton Zürich neu entwickelte Französisch-Lehrmittel «dis donc!» – das alles wäre «rausgeworfenes Geld».

Nagelprobe fürs Konkordat

Kölliker malt schwarz. Die Harmos-Gegner aber auch. Und wie! Von Harmos wie Harmonie ist im Pfalzkeller nichts zu spüren. Der 25. September wird zur Nagelprobe für Harmos, nicht nur im Kanton St. Gallen. Der in der nationalen Bildungslandschaft gewichtige und verlässliche Kanton stimmt über die Volksinitiative «Ja zum Ausstieg aus dem Harmos-Konkordat» ab. Die Initianten rund um den Verein Starke Volksschule fordern den Austritt, weil das seit 2009 geltende Konkordat ein «Machtmittel» sei und keine Selbstbestimmung zulasse, wie Herzog am gut besetzten Podium betont.

Kölliker – in delikater Lage – übt sich in Gegenargumenten, später am Abend wird er in Wattwil nur fünf Minuten Zeit haben, die SVP-Delegierten auf seine Seite zu ziehen. Also sagt er: «Wenn wir aus Harmos austreten, so hat das Signalwirkung. Wir fallen ins Niemandsland.» Sekundarlehrer Wasserfallen argumentiert mit den heute mit den zwei Fremdsprachen Englisch (ab der dritten Primarklasse) und Französisch (ab der fünften) überforderten Schülern. Das gehe zu Lasten von Fächern wie Mathematik oder der Allgemeinbildung.

Auf den von Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid eingangs überfallartig eingebrachten Französischtest gibt's aber eine flüssige Antwort: «J'aime le français.» Szenenapplaus. Der Gossauer Stadtrat und Schulpräsident Urs Blaser verweist auf Studien: «Das Bildungssystem im Kanton St. Gallen funktioniert bestens. Wir sind gut aufgestellt und brauchen nichts zu ändern.»

«Die Diskussion läuft falsch»

Dann sagt er klar und deutlich, was auch im Publikum auffällt: «Die Diskussion läuft falsch.» Die Fremdsprachen seien nur ein Element. Das habe mit Harmos als Ganzes nichts zu tun. Ebenso wenig wie der neue Lehrplan21, der erste gemeinsame Lehrplan für alle Deutschschweizer Schüler, der im Verlaufe des Abends ebenfalls ins Spiel gebracht wird. Wie an jedem Harmos-Podium. Betitelt als «grösster Umsturz des Bildungswesens in den letzten Jahrzehnten, ohne dass das Volk dazu Stellung nehmen kann». Herzog argumentiert, dass seit 2010 kein Kanton mehr dem Harmos-Konkordat beigetreten sei. Darauf entgegnet Kölliker: «Das ist, weil ihr die Stimmung so vergiftet!» Den Initianten des Harmos-Austritts gehe es nicht um die Sache, sondern einzig darum, «alle möglichen Veränderungen in der Volksschule anzustreben: Doch dazu gibt es keinen Grund!» Die Diskussion dreht sich im Kreis, läuft harzig.

Der St. Galler Bildungschef will belegen, dass bei einem Austritt von St. Gallen das Bundesparlament und der Bund den Harmonisierungsauftrag wahrnehmen werden: «Das haben Testläufe im Musik- und Sportunterricht bereits gezeigt.»

Nach dem Abend im Pfalzkeller ist klar: Harmos polarisiert – immer noch wie vor acht Jahren und wieder neu. Das Resultat am 25. September ist offen.

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