HANFANLAGE VERNICHTET: "Polizei hat inkompetent und cholerisch gehandelt"

Auf einem Bauernhof im Kanton St.Gallen ist am Mittwoch eine Indoor-Hanfplantage mit über 600 Pflanzen vernichtet worden. Zudem hätten die Polizeibeamten Lampen heruntergerissen, Wasserfässer konfisziert und den Landwirt zur Einvernahme vorgeführt. Pikant: Der Hanf war für medizinische Zwecke der Thurgauer Firma Medropharm bestimmt.

Christa Kamm-Sager
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Im Thurgau pflanzt die Pharmafirma Medropharm Hanf in Zusammenarbeit mit einer Grossgärtnerei an. (Bild: Medropharm)

Im Thurgau pflanzt die Pharmafirma Medropharm Hanf in Zusammenarbeit mit einer Grossgärtnerei an. (Bild: Medropharm)

Seit vier Monaten steht ein St.Galler Landwirt bei der aufstrebenden Thurgauer Pharmafirma Medropharm, über die der Tagesanzeiger vor einem Jahr ein grosses Portrait schrieb, unter Vertrag. Vor einem Monat nun setzte er 615 Junghanfpflanzen in einem mit Lampen vorbereiteten Raum. Jede dieser speziell gezüchteten Pflänzchen hat einen Wert von zwölf Franken. Es sind besondere Hanfpflanzen: "Wir haben die Genetik dieser Pflanzen über zweieinhalb Jahre hinweg weiterentwickelt. Sie weisen einen besonders hohen Anteil an Cannabidiol auf", sagt Mike Toniolo, CEO von Medropharm.

Ein Wert von 5 Millionen Franken
Mike Toniolo und Patrick Widmer sind erschüttert über das Vorgehen der Polizei im Kanton St.Gallen. "Hier wurde absolut inkompetent, unreflektiert, cholerisch und kurzsichtig gehandelt", schreibt Geschäftsmitinhaber Patrick Widmer in einem Mail an unsere Zeitung. Wie Toniolo auf Anfrage sagt, hätten die Polizeibeamten alle bis auf fünf der mittlerweile 16 Zentimeter grossen Pflanzen vernichtet, Lampen heruntergerissen, Wasserfässer konfisziert, einen Aktivkohlefilter vom Dach geworfen und den Landwirt mehrere Stunden einvernommen. Der Bauer habe sämtliche Dokumente, welche die Legalität der Pflanzen beweisen, vor Ort gehabt. Doch die Polizeibeamten hätten sich diese nicht einmal ansehen wollen. So etwas sei einfach mühsam für ein Startup-Unternehmen. "Wir haben in Deutschland beispielsweise 40 Patienten mit Epilepsie, die zu unseren Kunden gehören. Jetzt fehlt uns der Rohstoff für die Produktion ihres Medikamentes, das ihnen viel mehr hilft als massiv teurere Pillen", so Toniolo.

Schlimmer noch sei für die Unternehmer, dass es nun ausserhalb ihrer Kontrolle sei, wer nun alles die Genetik ihrer Pflanzen testen könne. "Die Entwicklung dieser besonderen Hanfpflanze ist unser Kapital und hat einen Wert von 5 Millionen Franken für unsere Firma", sagt der CEO. Die Pflanzen wiesen einen CBD-Gehalt von 17 Prozent auf, das sei einzigartig. "Dass diese Genetik nun in fremden Händen ist, ist für uns ein ernsthaftes Problem." Für die Firmeninhaber ist klar, dass sie eine Schadenersatzklage einreichen werden.

Anmeldung nicht vorgewiesen
"Es hat im Rahmen eines Strafverfahrens eine Hausdurchsuchung gegeben, bei der eine Hanfindooranlage aufgefunden wurde", bestätigt Roman Dobler, Medienbeauftragter der St.Galler Staatsanwaltschaft. Der rechtliche Haken: "Wenn jemand Industriehanf im Kanton St.Gallen anbauen möchte, was nicht verboten ist, muss er das vorgängig beim Landwirtschaftsamt anmelden." Im Artikel 54 im Gesundheitsgesetz des Kantons St.Gallen heisst es wörtlich: "Der Anbau von Hanf ist meldepflichtig. Ausgenommen sind Anpflanzungen von weniger als zehn Pflanzen." Werde diese Meldepflicht verletzt, werde der Betreiber mit einer Busse bestraft und die Pflanzen beschlagnahmt. Unter dem Artikel 54 a) und b) ist weiter zu lesen: "Bei einer Verletzung der Meldepflicht kann der angepflanzte Hanf beschlagnahmt und vernichtet werden, wenn keine oder keine sofortige gesetzeskonforme Verwertung möglich ist." Weil der Landwirt über keine Anmeldung verfügte, sei die Anlage sichergestellt worden. Im Rahmen der von der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen gegen den Beschuldigten geführten Strafuntersuchung seien diverse Sicherstellungen getätigt worden, bestätigt Dobler.

Es werde vier Monate dauern, bis der THC-Gehalt dieser beschlagnahmten Hanfpflanzen bestimmt werden könne, deshalb habe man die Pflanzen nicht stehen lassen können, so Dobler.

Am nationalen Recht orientiert
Für Patrick Widmer ist die Vorschrift mit der Meldepflicht im Kanton St.Gallen neu: "Wir haben das schlicht und einfach nicht gewusst." Gemäss CEO Mike Toniolo habe man sich zudem an einem aktuellen Gerichtsurteil aus dem Kanton Baselland orientiert, wonach schweizweit eine Meldepflicht für Anbau von Hanf für Lebensmittelzwecke abgeschafft worden sei. Zudem hätten sie sich bis jetzt immer am nationalen Betäubungsmittelrecht und am Landwirtschaftsgesetz orientiert und in den anderen Kantonen damit nie Probleme gehabt.

Er kann es nicht nachvollziehen, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft im Kanton St.Gallen nicht so kulant waren, das Gespräch gesucht haben mit dem Betreiber und der Firma Medropharm und sich mit einer nachträglichen Anmeldung zufrieden gegeben haben.

Zudem hätte man den Hanf auch in der Anlage ausblühen lassen und den THC-Gehalt dann dort bestimmen können. Das sei beispielsweise die Vorgehensweise im Kanton Thurgau. Zudem stehe im Artikel nur, dass der Hanf beschlagnahmt und vernichtet werden könne, nicht aber auch die Anlage selber. "Auch wenn wir tatsächlich etwas versäumt haben: Diese Hanfanlage bleibt legal."

"Wir sind sehr für Kontrolle"
Das Startup-Pharmaunternehmen aus dem Thurgau steht in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) und werde von dort auch unterstützt in der Entwicklung ihrer jungen Firma, sagt Geschäftsmitinhaber Patrick Widmer weiter. Der Betrieb in Kradolf soll in den nächsten Jahren deutlich vergrössert werden, 15 Millionen Franken werden investiert. Mit den Kantonspolizeien in den Kantonen Schaffhausen und Thurgau, wo ebenfalls Hanf für ihre Medizinalprodukte angebaut werde, stünden sie in regem Kontakt. "Dort schaut man gemeinsam die Anlagen an und trinkt dann auch noch einen Kaffee zusammen. Wir sind sehr für Kontrolle und das Gespräch miteinander."

Medizinische Zwecke

Cannabidiol (CBD) erlebt gerade in letzter Zeit einen regelrechten Boom. CBD hat quasi die gegenteilige Wirkung des psychoaktiven THC. Cannabidiol darf in den meisten Ländern legal verkauft werden und wird hauptsächlich für medizinische Zwecke angewendet. Unter anderem findet es in jüngster Zeit in der Therapie von Epilepsie-Patienten grosse Beachtung. In der Schweiz dürfen ohne Sondergenehmigung nur Hanfpflanzen angebaut werden, deren Blüten einen geringeren THC-Wert aufweisen als ein Prozent. (chs)

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