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HANDWERK: Die letzten Schuhmacher

Mit dem Tod des St. Gallers Heiri Meier ist die Ostschweizer Schuhmacherzunft um ein Original ärmer. Nachwuchs gibt es kaum: So wird im ganzen Kanton St. Gallen derzeit ein einziger Lehrling ausgebildet.
Ursula Wegstein
Dominique Taudien ist derzeit der einzige Schuhmacherlehrling im Kanton St. Gallen.

Dominique Taudien ist derzeit der einzige Schuhmacherlehrling im Kanton St. Gallen.

Ursula Wegstein

ursula.wegstein@ostschweiz-am-sonntag.ch

Eine Nähmaschine rattert. Jemand klopft Nägel in eine Sohle. Im Hintergrund läuft Musik aus dem Radio. Es riecht nach Leim und Halogenisiermittel. Überall halbfertige Schuhe, Leisten und allerlei Werkzeug. In der Hans Lüchinger GmbH in Rebstein werden Schuhe hergestellt, angepasst und repariert – ein Handwerk, das auszusterben droht.

Aktuell zählt der Branchenverband «Fuss & Schuh» noch 85 Schuhmacher in der ganzen Schweiz. Hinzu kommen noch 100 Orthopädieschuhmachermeister. In der Ostschweiz gibt es derzeit noch rund zwanzig Schuhmacher. Mit dem kürzlich verstorbenen St. Galler Heiri Meier ist die Zunft in der Region um ein Original ärmer geworden.

Und Nachwuchs gibt es praktisch keinen. Bei der Hans Lüchinger GmbH – dem einzigen Lehrbetrieb im Kanton St. Gallen – bildet sich derzeit ein Lehrling zum Schuhmacher aus. Der Rückgang an Schuhmachern nahm schon vor etwa 100 Jahren seinen Anfang. Denn das klassische Geschäftsmodell, die Schuhreparatur, ist schon länger stark rückläufig. Nun wird es auch für die letzten Betriebe schwierig», sagt Romeo Musio, Geschäftsleiter von «Fuss & Schuh». Auch die Anzahl an Lehrlingen sei drastisch zurückgegangen. «Dieses Jahr wird niemand eine Schuhmacherlehre abschliessen.»

Billig- und Onlineangebote fordern ihren Tribut

Einer der Gründe für den Niedergang des Handwerks sieht Musio im grossen Angebot an günstigen, aber qualitativ guten Schuhen. «Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Die Vielzahl der Schuhe wird nicht mehr repariert, sondern ersetzt.» Das gelte inzwischen auch für die Armee: Regelmässige und lukrative Reparaturaufträge für das Militär – das war einmal.

Der boomende Onlinehandel macht laut Musio vielen Schuhmachern auch noch das zweite Standbein streitig: den Schuhverkauf.

Deshalb müssten die Betriebe eine Nische finden. «Wer nicht innovativ ist, hat es schwer.» Chancen böten sich beispielsweise im Hochpreissegment. Oder eine Spezialisierung auf orthopädische Schuhe. «Dieses Segment ist stabil», sagt Musio. Vielleicht sogar im Aufschwung, da die Orthopädieschuhe von der IV bezahlt werden.

Die Branche müsse auch die Auswirkungen der Digitalisierung im Auge behalten, so Musio. «Der Schuh aus dem 3D-Drucker ist zwar noch nicht sehr verbreitet, aber im Kommen. Diese Entwicklung könnte für das Handwerk relevant sein.»

Reparaturen allein reichen nicht zum Leben

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Schuhmacher neue Techniken aneignen und den Umgang mit neuen Materialen erlernen müssten. «Früher wurde bei den Sohlen vor allem Leder benutzt. Heute kommen verschiedene Gummimischungen zum Einsatz», sagt Hans Lüchinger. Neben dem Betrieb in Rebstein führt er einen zweiten in St. Gallen. «Für ein Auskommen braucht ein Schuhmacher heute ein Einzugsgebiet mit 15000 bis 20000 Einwohnern.» Lüchingers Hauptgeschäft sind massgeschneiderte Schuhe, Orthopädieserienschuhe und zu einem wesentlichen Teil auch Einlagen. «Nur mit Reparaturen könnte ich keine einzige Person beschäftigen», sagt er.

Da Herrenschuhe weniger einer Mode unterworfen sind, zählt Lüchinger zu seinen Re­paraturkunden hauptsächlich Männer, die hochwertige, teure Schuhe kaufen und diese reparieren lassen.

Werte erhalten, eigene Ideen umsetzen

Kreativität, Sinn für Formen, Gespür für den Kunden, Präzision, Geduld und eine ruhige Hand – das seien die Eigenschaften eines guten Schuhmachers, heisst es in der Werkstatt in Rebstein. Das Handwerk und seine Anforderungen reizt auch Dominique Taudien, der sich dort im ersten Lehrjahr befindet. Nachdem er schon in anderen, technischen Berufen tätig war, will der Sammler von Turnschuhen und Sneakers – vor allem solche aus den 90er-Jahren – nun seine Leidenschaft zum Beruf machen. «Es gefällt mir, Werte zu erhalten und eigene Ideen umzusetzen», sagt Taudien. Vielleicht absolviere er nach der Lehre noch ein Studium in Schuh- oder Produktdesign. «Gewisse Nischenprodukte sind gefragt. Dort bieten sich auch noch Chancen.»

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