Handschriften von seltener Schönheit: Die Stiftsbibliothek St.Gallen zeigt Schätze aus mehr als 15 Bibliotheken

Parallel zur Fondation Bodmer in Cologny zeigt die Stiftsbibliothek St.Gallen prachtvoll illustrierte Handschriften aus Schweizer Sammlungen und eigenen Beständen.

Rolf App
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Weihnachtsdarstellung im Sakramentar, St.Gallen, um 1070.

Weihnachtsdarstellung im Sakramentar, St.Gallen, um 1070.

(Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen)

Was für ein Geschmack, welches Übermass an Phantasie, und was für ein Aufwand für Schreiber und oftmals unbekannte Illustratoren! Das kommt einem unwillkürlich in den Sinn beim Gang durch die neue Sommerausstellung der Stiftsbibliothek St.Gallen. Noch im Halbdunkel des Barocksaals leuchten die Farben des Sakramentars, das um 1070 im Kloster St.Gallen entstanden ist. Und geradezu geheimnisvoll schimmert die seitenfüllende Initiale Q aus dem im späten 9.Jahrhundert entstandenen Folchart-Psalter.

Schätze aus mehr als 15 Bibliotheken

Sie eröffnen eine Ausstellung, die es in mehrerlei Hinsicht in sich hat. Erstens, weil sie so ungemein prachtvoll daherkommt, und deshalb auch mit «Die schönsten Seiten der Schweiz» überschrieben ist. Zweitens, weil am andern Ende der Schweiz, in Cologny bei Genf, in der Fondation Martin Bodmer eine Parallelausstellung stattfindet. In St.Gallen stehen in der Stiftsbibliothek die geistlichen Handschriften im Zentrum, in Cologny in einem von Mario Botta entworfenen Museum die weltlichen. Und schliesslich drittens: Weil die gezeigten Handschriften nicht nur aus diesen zwei zum Weltdokumentenerbe zählenden Institutionen stammen, sondern aus mehr als 15 Bibliotheken, die ihre Schätze auf e-codices auch virtuell präsentieren.

Marienkrönung mit dem Bild der Stifterin, Diözese Basel, 13.Jahrhundert.

Marienkrönung mit dem Bild der Stifterin, Diözese Basel, 13.Jahrhundert.

(Bild: Stiftsbibliothek St.Gallen)

Noch ist nicht alles ausgepackt, einige Kisten stehen noch in der Mitte des Saals. Aber die allermeisten Schätze haben bereits an ihren Platz in einer der Vitrinen gefunden. Franziska Schnoor präsentiert sie, die stellvertretende Leiterin Wissenschaft, welche die Ausstellung erarbeitet hat. «Unsere Handschriften stammen aus einem Zeitraum, der vom 9. bis zum 16.Jahrhundert reicht», sagt sie.

«Der Buchschmuck war eine besondere Form des Gotteslobs, sei es in Form von kunstvollen Initialen, sei es in farbenfrohen Bildern.»

Mehr oder weniger bescheiden ins Bild gesetzt

Das gilt in besonderem Mass für jene Handschriften, die für liturgische Anlässe verwendet wurden. In Evangeliaren wurden die Evangelien illustriert, in Sakramentaren zentrale Feiertage des Kirchenjahres. Hinzu kommen Stundenbücher und reich illustrierte Gebetbücher, in denen sich durchaus auch die Auftraggeber mehr oder weniger bescheiden ins Bild setzen lassen. Demütig kniet da eine Stifterin zu Füssen Marias, ihre Kopfbedeckung weist sie als verheiratete Frau aus. Ihre Macht hingegen demonstrierten mit Wappen und Abbildung jene Bischöfe, deren Handschriften in einer gesonderten Vitrine zu sehen sind.

Über die Künstler, die diese Prachtswerke in den Klosterskriptorien von St.Gallen, Einsiedeln, Engelberg, Disentis und Allerheiligen in Schaffhausen geschaffen haben, weiss man in aller Regel wenig. «Drei Finger schreiben, aber der ganze Körper müht sich ab», stellte schon einer der Schreiber fest. Noch mehr abgemüht haben dürften sich die Illustratoren, die viel verstanden haben von der Farbherstellung. Gold, Silber und Minium (Orange) bilden oft die Grundlage, Purpur wird gern als edle Hintergrundfarbe genutzt. Verblüffend sind oft die feinen Nuancierungen, mit denen diese Unbekannten arbeiteten, manchmal auf winzig kleinem Raum. Nicht nur die Menschen des Mittelalters sind da ins Staunen geraten. Auch uns Heutige vermag diese tiefer Religiosität entspringende Kunstfertigkeit zu berühren.

Stiftsbibliothek St.Gallen, bis 8. November

Mehr Besucher denn je – und Thomas Hürlimann

Zwar muss die für heute geplante Ausstellungseröffnung ausfallen. Zwar ist die Zahl der Besucher, die zu 20 Prozent aus Asien stammen, seit dem 10.Februar rückläufig. Bis zu diesem Zeitpunkt allerdings hat sich ein steter Aufwärtstrend gezeigt. «Noch im Januar lagen wir dreissig Prozent über Vorjahr», sagt Stiftsbibliothekar Cornel Dora, «im Februar waren es dann nur noch zehn Prozent.» Und dieses Vorjahr hat mit einem Besucherrekord für die erweiterten Museumsangebote – mit dem Gewölbekeller und dem Ausstellungssaal - im Stiftsbezirke geendet. Mit 156 334 Eintritten registrierte man eine Steigerung von 12,2 Prozent gegenüber 2018 und 16,1 Prozent gegenüber 2017 – was mehr ist als ursprünglich budgetiert. Neu sind die Ausstellungen deshalb an jedem ersten Donnerstag im Monat bis 19 Uhr offen.

Eine Reihe von Veranstaltungen umrahmt die neue Sommerausstellung. Unter denen eine besonders hervorsticht: Der Schriftsteller Thomas Hürlimann, einst hoch umstritten wegen seiner in der Stiftsbibliothek spielenden Erzählung «Fräulein Stark», wird am 7. Mai im Barocksaal reden. «Er hat etwas Besonderes vor», sagt Cornel Dora. (R.A.)

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