HALBGANS: Ungebetene Gäste am Gübsensee

Die Nilgans breitet sich in der Ostschweiz aus. Der ursprünglich aus Afrika stammende Vogel ist für die aggressive Verteidigung seines Brutgebiets bekannt.

Patrick Baumann/Laura Widmer
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Die Nilgänse wurden schon am Gübsensee im Westen der Stadt St. Gallen gesichtet. (Bild: Wolfgang Ponader)

Die Nilgänse wurden schon am Gübsensee im Westen der Stadt St. Gallen gesichtet. (Bild: Wolfgang Ponader)

Patrick Baumann/Laura Widmer

ostschweiz@tagblatt.ch

Am Bodensee und im Rheintal gibt es die Nilgans schon seit einigen Jahren. Nun sind die gefiederten Tiere auch am Gübsensee anzutreffen. Ein Zeichen dafür, dass sich die ursprünglich aus Afrika stammende Vogelart in der Ostschweiz ausbreitet. In Europa wurde die Nilgans ursprünglich in Gefangenschaft gehalten. «Bereits im 18. Jahrhundert wurden Nilgänse als Ziervögel gezüchtet», sagt Jonas Barandun, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Naturmuseum St. Gallen. «Erste frei lebende Populationen entstanden kurz darauf durch Tiere, die aus der Gefangenschaft ausgebrochen waren.» Ausgehend von einer Population in den Niederlanden und Belgien breitet sich die Nilgans seit den 1970er- Jahren entlang des Rheins in Richtung Süden aus. «In der Ostschweiz sind frei lebende Nilgänse vor gut 20 Jahren zum ersten Mal gesichtet worden», sagt Ba­randun. «Seit zehn Jahren breiten sich die Vögel hier aus.» Momentan werde die Population in der Ostschweiz auf einige Dutzend Tiere geschätzt.

Aggressives Abwehrverhalten

Die Nilgans mit ihren charakteristischen Augenflecken und den rosaroten Beinen ist für die aggressive Verteidigung ihres Brutgebietes bekannt. «Dies kann dazu führen, dass sie andere Vogelarten angreift und vertreibt», sagt Jonas Barandun. «Besonders Stockenten sind davon betroffen und können in der Nähe von brütenden Nilgänsen nicht mehr in Ruhe selbst brüten.» Auch Menschen sind vor Angriffen der Nilgans nicht sicher. «Hält man sich zu nahe an einem Nest auf, können die Vögel aggressiv reagieren und angreifen.» Dies sei aber beispielsweise auch bei Schwänen der Fall. «Nilgänse nisten nicht nur entlang von Seen und Flussläufen, sondern überall.» Dies könne in Wohngebieten zu Verschmutzungen führen.

Die Ausbreitung der Nilgans ist also nicht unproblematisch. «Es gibt deshalb Bestrebungen, durch gezieltes Jagen die Ausbreitung dieser Tiere zu verlangsamen», sagt Barandun. Geregelt ist die Jagd der Nilgänse in der Jagdverordnung des Bundes, sagt Markus Brülisauer vom Amt für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St. Gallen. Darin ist festgehalten, dass Tiere, die nicht zur einheimischen Artenvielfalt gehören – sogenannte Neozoen – nicht ausgesetzt werden dürfen. Die Kantone sorgen dafür, dass die Bestände von solchen Tieren reguliert werden und sich nicht ausbreiten, heisst es in der Jagdverordnung. «Die Nilgans ist deshalb während des ganzen Jahres eine jagdbare Art», sagt Markus Brülisauer. Abschüsse werden dem Amt für Natur, Jagd und Fischerei durch Jagdgesellschaften und Wildhüter gemeldet. Das Amt leitet die Zahlen an den Bund weiter, der die Zahlen von allen Kantonen erfasst. Im Jahr 2015 wurden im Kanton St. Gallen 15 Nilgänse erlegt, im vergangenen Jahr waren es noch zehn Nilgänse.

Trotz dieser Massnahmen glaubt Jonas Barandun vom Naturmuseum nicht, dass man die Ausbreitung der Vögel stoppen oder gar rückgängig machen kann. «Die Nilgänse werden sich in der Ostschweiz weiter ausbreiten und in den kommenden Jahren immer häufiger zu sehen sein», sagt er.

Dass sich in der Ostschweiz Vogelarten ausbreiten, die hier zuvor nicht heimisch waren, ist nicht neu. «Auch der Schwan kam hier ursprünglich nicht sehr häufig vor», sagt Jonas Barandun. «Noch während des Zweiten Weltkriegs war dieser Vogel ein seltener Anblick. Erst in den vergangenen 20 bis 30 Jahren hat sich am Bodensee eine grosse Schwanpopulation entwickelt.»