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Haftung für Hundegebell

Justizgeschichten

An einem kalten Wintermorgen unternahmen zwei Frauen einen Spaziergang mit ihren Hunden. Vor der Dorfbäckerei legten sie eine Pause ein und wärmten sich an einem Stehtischchen mit einer Tasse Kaffee auf. Zwei Hunde waren an der Hausmauer festgemacht. Für den dritten Hund, einen noch jungen Mischling namens Diego, blieb kein Haken mehr frei. Er wurde an der Leine gehalten und verzog sich hinter eine Werbetafel. Zur selben Zeit wollte eine Wirtin Gipfeli für ihre Gäste einkaufen. Als sie sich dem Laden näherte, schoss Diego plötzlich aus seinem Versteck hervor und fing laut zu bellen an. Die ältere Dame kam ins Straucheln und stürzte. Dabei verletzte sie sich an der Schulter – und war vier Monate lang nicht arbeitsfähig.

Hernach verlangte die Frau Schadenersatz im Umfang von rund 30000 Franken. Das Kreisgericht Wil hiess das Begehren zum grossen Teil gut. Darauf wandte sich die Hundebesitzerin an das Kantonsgericht St. Gallen und beantragte die Abweisung der Klage. Der Halter eines Tiers haftet für einen von diesem verursachten Schaden, wenn er nicht nachweisen kann, dass er bei der Beaufsichtigung die gebotene Sorgfalt anwendete. Vorausgesetzt wird zunächst, dass das Verhalten des Tiers gemäss allgemeiner Lebenserfahrung geeignet war, einen solchen Schaden herbeizuführen, und dass dieser Kausalzusammenhang nicht durch ein Selbstverschulden des Geschädigten unterbrochen wurde. Sodann muss dem Halter der Entlastungsbeweis misslungen sein.

Die Beklagte bestreitet zwar nicht grundsätzlich, dass ein Hund, der unvermutet hervorschnellt, aus einer Distanz von etwa fünf Metern giftig bellt und die Zähne fletscht, einer Person einen Schrecken einjagen und sie aus dem Gleichgewicht bringen könne. Sie behauptet jedoch, die Wirtin sei mit leichten Trotteurs unterwegs gewesen und deshalb auf dem Boden ausgerutscht. Das Gericht befindet, die Schuhe hätten immerhin ein Noppenprofil aufgewiesen und seien für den Gebrauch im Winter nicht völlig untauglich gewesen. Ohne das Hundegebell wäre es nicht zum Sturz gekommen. Die Beklagte räumt auch ein, dass sie den Hund erst vor zwei Monaten aus dem Tierheim geholt habe. Damals sei er noch ängstlich gewesen und habe auf fremde Menschen mitunter aggressiv reagiert. Inzwischen habe er sich aber beruhigt. Das Gericht bezweifelt allerdings, dass der ­Charakter des Hundes sich in so kurzer Zeit wesentlich verändert habe. Die Beklagte meint schliesslich, sie habe das Tier an die kurze Leine genommen und beim ersten Aufmucken sofort zurückgerissen. Damit habe sie in dieser Situation alles Zumutbare getan.

Zur Sorgfaltspflicht bei der Hundehaltungäusserte sich das Bundesgericht schon mehrmals. In einem vor vierzig Jahren behandelten Fall betrieb ein Bauer auf seinem Hof eine Besenbeiz. Den Wachhund legte er tagsüber an die Kette. Als eine Wandergruppe dort einkehren wollte, stürzte der Hund blindwütig aus der Scheune, worauf ein Wanderer kopflos die Flucht ergriff und in eine Baugrube fiel. Dabei verletzte er sich schwer und blieb zeitlebens invalid. Der Landwirt brachte zu seiner Entschuldigung vor, er habe den Hund ja angebunden und ein Warnschild an der Scheunenwand angebracht. Das Bundesgericht machte ihn gleichwohl haftbar, weil die Kette zu lang und das Schild zu klein gewesen sei. Daran anknüpfend erklärt das Kantonsgericht, die Halterin hätte den Hund Diego beim Herannahen einer Fussgängerin am Halsband fassen müssen.

Die finanziellen Folgensind längst nicht so einschneidend wie im angeführten Präjudiz. Die Klägerin macht geltend, sie habe ihre Tochter mit einem Monatsgehalt von 6000 Frank-en brutto als Aushilfe im Service angestellt. Zudem habe ihr Ehemann den Haushalt allein führen und dafür jeweils zehn Wochenstunden mehr aufwenden müssen. Dabei hat sie – wie das bei einer Schadensregulierung nicht selten vorkommt – gehörig übertrieben. Das Kantonsgericht setzt den Lohn der Tochter auf ein übliches Mass herab und kürzt den Aufwand für die Hausarbeit. Im Ergebnis spricht es der Klägerin eine Entschädigung von gut 17000 Franken zu. Mit diesem Urteil wird nun auch das Sprichwort bestätigt, wonach bellende Hunde nicht beissen: Sie haben das gar nicht nötig, weil sie schon aus der Ferne genug Unheil anrichten können.

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