Konflikte
«Viele Familien erleben eine anspruchsvolle Zeit»: 2020 hat häusliche Gewalt im Kanton St.Gallen zum ersten Mal seit langem wieder zugenommen

Erstmals seit zehn Jahren verzeichnet der Kanton bei den Polizeiinterventionen im häuslichen Bereich einen Anstieg. Homeoffice, Homeschooling und finanzielle Sorgen erhöhen das Konfliktpotenzial.

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Häusliche Gewalt hat 2020 zugenommen.

Häusliche Gewalt hat 2020 zugenommen.

Symbolbild: Maurizio Gambarini / DPA

Im Pandemiejahr 2020 musste die Polizei 1185-mal zu Familien ausrücken. 660 dieser Einsätze erfolgten aufgrund eskalierender Konflikte, die verbal mit Beleidigungen, Anschreien und leichter psychischer Gewalt begonnen hatten. In 136 Fällen waren gegenseitige Tätlichkeiten der Grund, dass die Polizei einschritt. Und bei 389 Interventionen musste die Polizei gegen die Gewalttat eines Familienmitglieds vorgehen.

Polizeieinsätze im häuslichen Bereich im Kanton St.Gallen

(Kantons- und Stadtpolizei)
verbal eskalierte Konflikte
Konflikte mit gegenseitiger Gewalt
Einsätze bei häuslicher Gewalt
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Während die Kantonspolizei St.Gallen eine erhöhte Zahl von Straftaten der häuslichen Gewalt vermeldet, verzeichnet auch die Jahresstatistik der Koordinationsstelle Häusliche Gewalt einen Anstieg. «Jedoch nicht im gleichen Ausmass, da pro Polizeieinsatz auch mehrere Straftaten zur Anzeige kommen können», heisst es in einer Medienmitteilung des Kantons. Auch die Anzahl der Personen, die sich von der Opferhilfe beraten liessen oder Schutz im Frauenhaus suchten, hat zugenommen.

Personen, die sich von der Stiftung Opferhilfe SG-AR-AI beraten liessen

Männer
Frauen
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Beratungsangebote sehr gut genutzt

Die Opferhilfe SG-AR-AI, die Beratungsstelle für gewaltausübende Personen und das Frauenhaus St.Gallen blieben während der Pandemie durchgehend geöffnet. Alle Angebote melden eine höhere Auslastung gegenüber den Vorjahren. Sowohl Polizei als auch Beratung berichten, dass sich Risikofaktoren für Konflikteskalation und Gewalt verstärkt bemerkbar machen. In der Mitteilung des Kantons heisst es:

«Betroffene berichten von Geldmangel und engen Wohnverhältnissen und der Schwierigkeit, über längere Zeit gemeinsam im Homeoffice und zeitweise im Homeschooling zu verbleiben.»
Miriam Reber, Leiterin der Koordinationsstelle Häusliche Gewalt.

Miriam Reber, Leiterin der Koordinationsstelle Häusliche Gewalt.

Bild: Claudio Heller

Bemerkenswert sei, dass der Anstieg erst in der zweiten Jahreshälfte erfolgt sei, sagt Miriam Reber, Leiterin der kantonalen Koordinationsstelle für Häusliche Gewalt. «Im ersten Lockdown im Frühling wurde noch ein Rückgang gemessen.» Im Sommer dann habe der Andrang auf die Beratungsstellen stark zugenommen. Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass dieses Jahr viele ihre Ferien zu Hause verbringen mussten, sagt Reber. So habe ein Tapetenwechsel gefehlt, was Betroffene möglicherweise dazu veranlasst habe, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen.

Ab Herbst ist dann auch die Zahl der Polizeieinsätze angestiegen. «Mit Homeoffice, Homeschooling, Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit erleben viele Familien eine anspruchsvolle Zeit», sagt Reber. Da komme es schneller zu einer Eskalation als unter gewöhnlichen Umständen. So seien dieses Jahr auch auffallend viele Kinder mit ihren Müttern im Frauenhaus untergekommen.

Frauen und Kinder, die im Frauenhaus St.Gallen Schutz fanden

Frauen
Kinder
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Gegenüber den Vorjahren zugenommen haben vor allem Konflikte, die verbal eskaliert sind (siehe Grafik oben). Haben Nachbarn häufiger die Polizei gerufen, weil sie Streitereien im Homeoffice nebenan eher mitbekommen haben? Das sei ein Teil der Erklärung, sagt Reber. Die Zahl besorgter Nachbarn, die sich bei der Polizei gemeldet haben, habe ebenfalls zugenommen.

Kontakt- und Annäherungsverbote bei Stalking

Seit Juli 2020 kann die Polizei bei häuslicher Gewalt und Stalking ein Kontakt-, Annäherungs- und oder Rayonverbot verfügen. Damit ist es möglich, auch bei getrennten Wohnungen die gewaltbetroffene Person besser zu schützen. Für dieses Jahr verzeichnet der Kanton 14 solcher Fälle. Zudem kann die Wegweisung aus der gemeinsamen Wohnung mit einem Rayonverbot und oder einem Kontakt- und Annäherungsverbot ergänzt werden. Solche Verbote wurden in 19 Fällen ausgesprochen.

Polizeiliche Verfügungen und Festnahmen

Wegweisungen
Festnahmen
Kontakt-, Annäherungs oder Rayonverbote*
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