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«Haben Sie Hitler kennengelernt?»

Pavel Hoffmann nennt seine Rettung ein Wunder. Fast seine ganze jüdische Familie wurde ermordet. Er kam 1945 mit einem Schweizer Transport aus dem KZ Theresienstadt nach St.Gallen. Nun ist er in die Ostschweiz zurückgekehrt.
Katharina Brenner
Pavel Hoffmann vor dem St. Galler Schulhaus Hadwig. Hier hat er nach seiner Rettung aus Theresienstadt 1945 einige Tage gelebt. (Bild: Urs Bucher)

Pavel Hoffmann vor dem St. Galler Schulhaus Hadwig. Hier hat er nach seiner Rettung aus Theresienstadt 1945 einige Tage gelebt. (Bild: Urs Bucher)

Pavel Hoffmann spricht vor seinen toten Eltern. Ihr Bild ist auf die Leinwand projiziert. Davor steht Hoffmann, aufrecht, gross und schlank. Im Schulhaus Hadwig der Pädagogischen Hochschule St.Gallen erzählt er an diesem Montag PHSG-Studenten und Schülern aus der Stadt seine Geschichte. In dieser Geschichte steht genau dieses Schulhaus als Symbol für den Neuanfang. Sie beginnt 1939 in Prag, wo Hoffmann als Sohn jüdischer Eltern geboren wird. «Den Juden ging es in Prag bis 1942 schlecht, aber wenigstens haben sie gelebt», sagt Hoffmann. Das Bild, vor dem er steht, ist das einzige, das ihm von seinem Vater geblieben ist. Die Eltern lächeln, ein Paar Mitte 30, er Zahnarzt, sie Kinderärztin. Der Vater wird 1942 bei einer Massenhinrichtung erschossen – eine Vergeltung für das Attentat an Reinhard Heydrich, dem berüchtigten «Henker von Prag».

Ein Jahr nach der Ermordung des Vaters werden Hoffmann und seine Mutter ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Die Mutter stirbt drei Wochen nach der Ankunft. Hoffmann ist damals vier Jahre alt. Heute sagt der 77-Jährige: «Ich habe drei Erinnerungen an die Zeit im KZ.» Die erste: «Einmal haben andere Kinder aus meinem Schlafsaal Plüschtiere bekommen. Ich war furchtbar neidisch auf sie. Am nächsten Tag waren die Kinder weg. Sie kamen in Gaskammern.» Die zweite Erinnerung: «Ich weine stark, stehe im Freien, es ist dunkel und kalt.» Erst als Erwachsener habe er von anderen Überlebenden erfahren, was in dieser Novembernacht geschah. «Zwei Häftlinge waren geflüchtet. Alle Insassen des Lagers mussten zur Strafe 24 Stunden in einem Tal stehen.» Dritte Erinnerung: Tausende Kinder, eingezäunt im Innenhof des Lagers. «Als Vergeltung für den Aufstand ihrer Eltern wurden sie später in Auschwitz getötet.»

Der Grossvater wird ermordet, der Enkel überlebt

Mit seiner Geburt war Hoffmanns Todesurteil bereits gefällt. Er zeigt eine Liste der Nationalsozialisten mit den Namen und Geburtsdaten von Juden aus der besetzten Tschechoslowakei. Nach O kommt P – unter Otto Hoffmann, dem Namen seines Grossvater, steht Pavel Hoffmann. Der Grossvater wird ermordet, der Enkel überlebt. «Ich habe das zwei Wundern zu verdanken», sagt Hoffmann. Er macht eine kurze Pause. «Das erste ist, dass ich Theresienstadt als Vollwaise überlebt habe. Jemand muss sich im KZ um mich gekümmert haben. Das zweite Wunder ist, dass mein Name auf der Liste für den Schweizer Transport stand.» Er wisse bis heute nicht warum. Dieser Transport macht sich am 5. Februar 1945 mit 1200 Jüdinnen und Juden aus Theresienstadt auf den Weg nach St.Gallen. Alt Bundesrat Jean-Marie Musy und SS-Reichsführer Heinrich Himmler hatten die Freilassung ausgehandelt. Studenten und Dozierende der PHSG haben den Transport vergangenes Jahr aufgearbeitet. Himmler dürfte sich von der Aktion erhofft haben, den Ruf der Nationalsozialisten bei den Alliierten zu verbessern. So waren Lagerinsassen mit Angehörigen, die ermordet worden waren, vom Transport ausgeschlossen. Einige Gefangene weigerten sich, die Reise anzutreten – sie befürchteten, der Zug würde in die Vernichtungslager im Osten fahren. Den Anstoss für die Rettung hatten Recha und Isaac Sternbuch gegeben; das jüdische Ehepaar lebte bis Ende der 1930er-Jahre in St.Gallen und setzte sich für die Fluchthilfe ein. 160'000 Franken soll Musy von den Sternbuchs erhalten haben. Wie viel er davon behielt, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Die Frauen mussten Lippenstift auftragen

Hoffmann hat keine Erinnerung an den Transport oder den Aufenthalt in St.Gallen. Auch am Montag, als er nach 71 Jahren in die Stadt zurückkommt, kehrt die Erinnerung nicht zurück. «Alles, was ich über den Transport weiss, haben mir die Älteren erzählt», sagt Hoffmann. Er ist das jüngste Mitglied der Theresienstädter Initiative, der Überlebende des KZ angehören. «Weitere Informationen habe ich aus Archiven», sagt Hoffmann. Der Transport ist dokumentiert: Am 5. Februar 1945 gegen 16 Uhr verliess der Zug Theresienstadt. Die Männer mussten sich rasieren, die Frauen Lippenstift auftragen – ihre abgemagerten Körper sollten bei der Ankunft frisch aussehen. Die Strecke führte über Prag, Dresden, Nürnberg und Kreuzlingen nach St.Gallen. Endstation war St.Fiden. Von dort ist es nicht weit zum Schulhaus Hadwig. Die Betten der Flüchtlinge waren provisorisch aus Stroh und Decken. Im Bericht eines St.Galler Arztes von damals steht: «Obwohl sie hier auf Stroh schlafen müssen und Mannschaftskost bekommen (wir haben es ja nicht besser!), glauben sie, im Paradies zu sein, bloss weil man menschlich und teilnehmend und anständig mit ihnen spricht.»

Pavel Hoffmann nach seiner Ankunft in St.Gallen. (Bild: PD (St. Gallen 7. Februar 1945))

Pavel Hoffmann nach seiner Ankunft in St.Gallen. (Bild: PD (St. Gallen 7. Februar 1945))

Die Flüchtlinge blieben aber nur wenige Tage in der Stadt, bevor sie in sogenannte Quarantänelager kamen. Die allermeisten mussten die Schweiz nach dem Krieg verlassen. Viele wanderten nach Amerika aus, andere in europäische Länder. Für Hoffmann führte die Reise von St.Gallen nach Prag. «Ein tschechisches Ehepaar mit dem Namen Fischer hat mich bei sich aufgenommen», sagt Hoffmann. Er bedaure sehr, den Kontakt abgebrochen zu haben. Kurz nach seiner Ankunft in Prag holte ihn ein Onkel zu sich. Hoffmann wohnte erst bei ihm, später bei einer Tante in der Slowakei. Pavel Hoffmann, der Onkel und die Tante haben als einzige ihrer Familie den Holocaust überlebt.

Ein Leben im Land der Täter

Zum Studium der Nachrichtentechnik geht Hoffmann wieder nach Prag. Er ist dort Dozent, bis er 1968 nach Deutschland emigriert. «Ich war davor dreimal von der Universität aus in Deutschland. Die Menschen empfingen mich jedes Mal freundlich.» In Darmstadt wird ihm ein Job angeboten. Er und seine Frau verlassen im Prager Frühling die Tschechoslowakei. Seit 1971 leben sie in Reutlingen bei Stuttgart – im Land der Täter also. Darüber habe er sich keine Gedanken gemacht, sagt Hoffmann. Nur dass er Jude sei, habe er selten gesagt. «Der Antisemitismus hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen.» Er sei unter dem Deckmantel des Antizionismus salonfähig geworden. Bei den Linken sei der Antisemitismus ebenso zu finden wie bei den Rechten.

Seit er in Pension ist, spricht Hoffmann regelmässig zu deutschen Schülern. Er will sie für Judenfeindlichkeit und Intoleranz sensibilisieren. «Ich merke, dass der Abstand der Schüler zum Nationalsozialismus immer grösser wird.» Das gilt auch für Schweizer Schüler. Einer fragt am Montag: «Haben Sie Hitler kennengelernt?» Hoffmann lacht kurz auf und sagt: «Ich habe weder Hitler noch Himmler noch Heydrich kennengelernt. Sonst wäre ich jetzt sicher nicht hier.» Seinen Vortrag beendet er mit einem weiteren Familienbild, einem hoffnungsvollen. Es zeigt Hoffmann und seine Frau, ihre beiden Töchter, die vier Enkel und die Urenkelin.

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