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Guter Chlaus oder böser Chlaus? Ein Pro und Contra zu Rute und Tadel

Früher tadelte der Samichlaus noch unartige Kinder. Jetzt sucht er den Dialog und gibt ihnen Ratschläge. Fragwürdig, finden einige.
Seraina Hess / Luca Ghiselli
Ein Samichlaus verteilt Leckereien an Kinder. (Bild: Susann Basler)

Ein Samichlaus verteilt Leckereien an Kinder. (Bild: Susann Basler)

Auch für den Samichlaus bleibt die Zeit nicht stehen

Luca Ghiselli, Redaktor Stadt St.Gallen (Bild: Urs Bucher)

Luca Ghiselli, Redaktor Stadt St.Gallen (Bild: Urs Bucher)

Das herzige Laientheater, das dieser Tage in zig Stuben der Region aufgeführt wird, hat sich gewandelt: Der Samichlaus ist nicht mehr allwissend, der Schmutzli lässt die Rute zu Hause. Kurz: Der Chlausbesuch ist im 21. Jahrhundert angekommen. Wer darin den Verfall einer Tradition sieht, vergisst, dass Bräuche nur überleben, wenn sie sich auch wandeln.

Wer spurt, wird mit Süssigkeiten belohnt. Und wer ausschert, der wird mit einer Rute verdroschen oder gar in einen Sack gepackt und mitgenommen. Etwa so funktioniert die mittelalterliche Dichotomie des Samichlaus. Oder besser: So funktionierte sie. Der Nikolaus sucht heute vermehrt den Dialog, ist konstruktiv und nicht mehr allwissend.

Das lässt Traditionalisten natürlich aufhorchen. Das alles passt nämlich wahnsinnig gut in das derzeit allenthalben rumgereichte Narrativ, dass in der modernen Gesellschaft sämtliche Werte verludern und Traditionen über Bord geworfen würden. Aber es ist natürlich Unsinn: Der Samichlaus muss sich wandeln, wenn er überleben will. In einer Zeit, in der an Schulen auf kompetenzorientiertes Lernen und das Fördern individueller Fähigkeiten gesetzt wird, kann niemand ohne schlechtes Gewissen mit Rute und Sündenliste umherziehen und ernsthaft glauben, in einigen Jahren noch irgendwo eingeladen zu werden. Dass der Samichlaus stattdessen wirklich einen «guete Maa» verkörpert, ist da nur konsequent – und vorausschauend.

Dabei lohnt es sich, einen Blick in die Niederlande zu werfen. Dort heisst der Gehilfe des Heiligen Nikolaus «Zwarte Piet», zu Deutsch: «Schwarzer Peter». Seit Jahren tobt im Königreich ein Streit darüber, ob es sich tatsächlich mit dem heutigen Wertekanon vereinbaren lässt, dass eine stereotype Figur mit schwarzer Schminke und Dienerkleidern einem grossen, weissen Mann dient. Und wer «Zwarte Piet» kritisch hinterfragt, der braucht schon mal Polizeischutz, wie ein niederländischer TV-Moderator mit surinamischen Wurzeln am eigenen Leib erfahren musste.

Ist das wirklich die Kultur, die wir Kindern von klein auf vermitteln wollen? Auch ein «guete Maa» kann die Jüngsten nämlich dazu motivieren, das Zimmer öfter aufzuräumen. Eine Sündenliste braucht’s dafür gewiss nicht.

Ohne Schelte geht der Reiz am Chlaus verloren

Seraina Hess, Redaktorin Stadt St.Gallen (Bild: Michel Canonica)

Seraina Hess, Redaktorin Stadt St.Gallen (Bild: Michel Canonica)

In einer Zeit, in der Mütter und Väter ihren Kindern vieles nachsehen, sei Eltern wenigstens ein erzieherisches Notfall- Instrument gegönnt: Beiläufige Hinweise unter dem Jahr auf die drohende Schelte am 6. Dezember haben ihre Wirkung noch selten verfehlt. Auf einen Samichlaus, der den Dialog sucht, lässt sich die Erziehung aber kaum noch abwälzen.

«Da hät de Chlaus scho gseh»: Ein zugegebenermassen unfairer, aber durchaus wirkungsvoller Satz, je näher die Adventszeit rückt. Denn der jährliche Besuch des Samichlaus ist während des kurzen Kindseins vergleichbar mit dem Mitarbeitergespräch im Berufsleben: Eine Bilanz nach einem Jahr, die allenfalls eine Belohnung nach sich zieht, sofern sie denn positiv ausfällt.

Der Samichlaus und sein düsterer Gehilfe springen für die Eltern ein und übernehmen die Rolle der allwissenden Instanz – mit viel Pomp. So stehen Kritikpunkte keinesfalls auf einem Multiple-Choice-Formular, sondern in grossen, handgeschriebenen Lettern im goldenen Buch, aus dem der Chlaus vorträgt. Im besten Fall im engsten Familienkreis, im schlimmsten vor der ganzen Schulklasse. Das bereitet dem Kind natürlich Stress. Vielleicht nicht im Juli, wenn es zu spät von der Badi zurückkehrt; auch nicht im September, wenn es von der Mutter beim Flunkern überführt wird. Aber spätestens wenn die Tage kürzer werden und der Lehrer der Klasse die ersten Sprüchli eintrichtert, lässt der Übeltäter die Verfehlungen Revue passieren.

Was Mädchen und Buben fürchten, wenn das Chlausen-Duo dann tatsächlich seinen grossen Auftritt feiert, ist nicht Schmutzlis Fitze. Dass Eltern ihre Kinder nicht von einem fremden, schwarz gekleideten Mann mit Bart in der eigenen Stube verdreschen oder in den Jutesack packen lassen, darum wissen wohl auch Sechsjährige. Der Schmutzli, dem Chlaus um Bischofsstablängen unterlegen, ist schlicht Teil der Jahrhunderte alten Show.

Was zehrt, ist die Schelte des rot gewandeten Mannes, dem nichts entgeht. Die mahnende Stimme, die sich gegen Ende doch noch zu einem Lob hinreissen lässt: Ein Nervenkitzel, den ein Gspürschmi-Fühlschmi-Chlaus, der über Verfehlungen diskutiert und kompromissfähige Lösungsansätze aus seinem Buch zaubert, nicht hervorzulocken vermag.

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