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GUTE NACHT: Die Sterne stehen gut

Mit Spontanität ist vieles möglich: Wer in der St. Galler Altstadt einem angeblichen Astronomen zuhört und einen Wettbewerb gewinnt, kann eine spezielle Nacht im Null-Stern-Hotel verbringen.
Laura Widmer
Über 1700 Personen stehen auf der Warteliste für das Bett auf dem Göbsi. (Bild: PD)

Über 1700 Personen stehen auf der Warteliste für das Bett auf dem Göbsi. (Bild: PD)

Laura Widmer

laura.widmer@tagblatt.ch

Eigentlich hätte ich ein Porträt über einen Bauer schreiben sollen. Landwirt Köbi Dietrich und seine Familie sind seit Mitte Juni für die Zufriedenheit der Gäste im Null-Stern-Hotel auf dem Gipfel Göbsi zuständig. Das einzige Zimmer des Hotels ist nicht mal ein Zimmer. Eine Suite ohne Dach und ohne Wände, dafür mit einem ausrangierten Fernsehapparat und freiem Blick auf den Alpstein. Nicht nur in der Schweiz hat das Kunstprojekt der Brüder Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben Schlagzeilen gemacht. Gemäss den Brüdern umfasst die Warteliste über 1700 Namen aus aller Welt. Die 81 Nächte von Juni bis Ende August sind komplett ausgebucht. Überraschend steht mein Name in der 23. Nacht auf der Liste.

Als ich am Mittag vor dieser Nacht beim Kaffeetrinken mit Freundinnen am Klosterplatz in St. Gallen angesprochen wurde, glaubte ich zuerst an einen Scherz. Ein Mann Mitte zwanzig stellte sich als Christoph vor. Er zeigte uns ein Bild des Null-Stern-Hotels. «Ich bin Astronom, und die Sterne stehen gut, dass eine von euch heute die Nacht in diesem Bett verbringen darf. Natürlich nicht alleine.» Es ist die schlechteste Anmache, die ich je gehört habe. «Wir wollen testen, wie spontan die St. Galler sind», sagt er. Christoph arbeitet für «Bbacksoon», ein Start-up, das Spontanreisen organisiert. An dem Tag verlost es eine Übernachtung im Null-Stern-Hotel. Pläne habe ich für diesen Abend keine, deshalb sage ich ohne grosse Erwartungen zu. Reisebegleitung für eine Nacht, warum nicht? Um halb fünf klingelt das Telefon. Eine Arbeitskollegin von Christoph ist am Apparat. «Du hast gewonnen, bist du dabei?»

Ländliche Idylle ohne Tisch und Bank

Abgeholt werden Christoph und ich am Bahnhof Gonten von Landwirt Köbi Dietrich und seinen beiden Kindern in Hemd, Fliege und weissen Stoffhandschuhen. Die kurze Fahrt führt zum Hof der Dietrichs, der allerdings nur ihr Sommerquartier ist. Den Rest des Jahres lebt die Familie in Herisau. Zwei Hunde und freilaufende Hühner begrüssen uns, einige Meter entfernt grast eine Kuhherde. Ursula, Köbis Frau, ist gerade im Stall beschäftigt. Sie bereitet morgens das Frühstück zu und stellt den Transport zum Bahnhof sicher.

Das Null-Stern-Hotel steht nur wenige hundert Meter vom Bauernhaus entfernt auf dem Gipfel Göbsi. Das Bett ist gross und sauber, die dicken Kissen und Bettdecken sind sorgfältig aufgeschüttelt. Sogar Handtücher und weisse Badeschlappen liegen bereit, obwohl das Zimmer keine Dusche hat. Die Toilette und der Kübel fürs Händewaschen sind neben dem Bauernhaus. Christoph und ich essen auf dem Boden sitzend unser Abendessen. Einen Tisch gibt es im Null-Stern-Hotel natürlich nicht. Als Absacker bringt Köbi Kräuterlikör und Nidelzeltli, von seiner Frau gemacht. Christoph und ich beobachten das Wechselspiel der Farben. Die Sonne färbt den Himmel rot und rosafarben, bevor sie untergeht.

Mehr als nur Suche nach der Natur

Wer im Bett ohne Dach übernachtet, setzt sich den Launen der Natur aus. Regnet es, übernachten die Gäste im Bauernhaus, und das Bett wird mit einer Plache abgedeckt. Rund 300 Franken kostet der Spass. Wer gibt so viel Geld aus, um im Nirgendwo des Appenzellerlands zu übernachten? Ich erfahre, dass die Bandbreite der Gäste gross ist. Es sind keineswegs nur Luxuscampierer, sondern Menschen auf der Suche nach der Weite der Natur, dem perfekten Ferienfoto oder dem einzigarten Heiratsantrag.

Meine Bettdecke ist warm und flauschig, das Null-Stern-Etikett hat sie nicht verdient. Christoph hat seine eigene Bettdecke. Kuhglocken bimmeln leise. Wegen der Sommerhitze verbringen die Kühe die Nacht draussen. Heuschrecken zirpen und Käfer rascheln im Gras. Der Mond steht hoch am Himmel. Er ist so hell, dass die Nachttischlampen gar nicht nötig wären.

Christoph und ich reden lange über Filme. Es ist spät, und die Titel wollen mir kaum mehr einfallen. Irgendwann döse ich ein. Trotz fremdem Mann neben mir ist mein Schlaf so gut wie lange nicht. Und er schnarcht nicht einmal.

Geweckt von der Sommersonne

Schon um Viertel vor fünf kräht ein Hahn. Ich bleibe noch lange liegen und geniesse, dass ich keine Eile habe, zur Arbeit zu kommen. Wen die Sommersonne weckt, der kommt nicht in Zeitnot. Dass am Morgen der Kaffee mit Milch ans Bett im Null-Stern-Bett gebracht wird, macht das Aufwachen noch besser.

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