Gut gereifte Zweitwegmatura

ST.GALLEN. Die Interstaatliche Maturitätsschule für Erwachsene (Isme) in St. Gallen und Sargans wird 40 Jahre alt. Trotz gewachsener Konkurrenz und neuer Herausforderungen ist sie eine Erfolgsgeschichte, namentlich boomt der Passerellen-Lehrgang.

Marcel Elsener
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Isme-Prorektorin Barletta Haselbach und eine erfolgreiche Absolventin an der Maturandenfeier im vergangenen Juli in St. Gallen. (Bild: Coralie Wenger)

Isme-Prorektorin Barletta Haselbach und eine erfolgreiche Absolventin an der Maturandenfeier im vergangenen Juli in St. Gallen. (Bild: Coralie Wenger)

St. Gallen. Allzu oft kommt es nicht vor, dass die Ostschweiz der Restschweiz vorausgeht und ihre Pionierleistung dann von anderen Landesteilen übernommen wird. Beim Modell des zweiten Bildungswegs mit Fern- und Direktunterricht, der 1971 eröffneten Ostschweizerischen Maturitätsschule für Erwachsene, war's der Fall. Mehr noch: «Im deutschsprachigen Raum ist unsere Wortschöpfung <Zweitwegmatura> zu einem Gattungsnamen geworden, der von den Studierenden der verschiedensten Schulen des zweiten Bildungswegs verwendet wird», freuten sich die Initianten aus dem Umfeld der Jungliberalen Bewegung des Kantons St. Gallen schon 1969.

Runde 40 Jahre später darf die mittlerweile modifizierte und auf drei Lehrgänge differenzierte Maturitätsschule noch immer als Erfolgsmodell bezeichnet werden. Wie breit akzeptiert der Bildungsweg im Verlauf der Zeit geworden ist, lässt sich leicht belegen: Gewiss kennt jeder und jede bereits im engeren Bekanntenkreis jemanden, der die Matura «nachgeholt» hat, um damit doch noch ein Studium absolvieren zu können.

Um den Rektor gebangt

Dass den Schulverantwortlichen im Jubiläumsjahr nicht zum Feiern zumute ist, liegt demnach nicht an ideellen, strukturellen oder sonstigen Problemen, sondern an einem dramatischen Krankheitsfall: Die Nachricht vom Schlaganfall des noch nicht lange amtierenden Rektors Markus Urech im Dezember 2010 habe «ein bis dahin sehr animiert und harmonisch verlaufenes Schuljahr überschattet», schreibt der Präsident der Aufsichtskommission, Bernhard Peter, im Jahresbericht. Mittlerweile ist die «grösste Herausforderung in der 40jährigen Geschichte» im Team zwar bewältigt worden und hat sich der Rektor so weit erholt, dass er versuchsweise wieder Aufgaben in der Schulleitung wahrnimmt.

Doch ob Markus Urech wie erhofft ab dem Sommer 2012 wieder die Leitung übernehmen kann, bleibt eine bange Frage. Vorderhand leitet Prorektorin Barletta Haselbach die von den Kantonen St. Gallen, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden, Graubünden sowie dem Fürstentum Liechtenstein getragene Schule mit rund 400 Studierenden an den Standorten St. Gallen und Sargans.

«Wir waren unter diesen Umständen nicht in Feststimmung», sagt die Prorektorin. An einem gemeinsamen Essen konnten die rund 70 Lehrkräfte (die meisten davon hauptzeitlich an den Kantonsschulen in St. Gallen oder Sargans engagiert) sowie Aufsichtsbehörden immerhin eine positive Standortbestimmung vornehmen. Zwar sind die Maturandenzahlen mit den Gründer- und Boomjahren, als es noch wenige Land-Kantis gab, nicht vergleichbar. Auch musste der Maturitäts-Lehrgang jüngst kontinuierlich Schülerzahlen einbüssen (derzeit 168); hingegen sind die Zahlen bei den Lehrgängen Passerelle (98, im Vorjahr 83) und Modul (140, Vorjahr 106) angestiegen. Und im Vergleich mit der – 1994 eigenständig gewordenen – Maturitätsschule Thurgau/Schaffhausen, wo die Maturitätsklassen um 50 Prozent einbrachen, konnte der Stand gehalten werden.

«Möglichst schnell zum Papier»

«Erfolgsstory Passerelle» lässt die erwähnte Schulzeitung verlauten, erinnert allerdings daran, dass die Anforderungen für dieses «Vollschuljahr» hoch seien und Personen «mit einem guten Berufsmaturitätszeugnis» bessere Chancen hätten; die Durchfallquote liege bei bis zu 40 Prozent. Im Interview mit Isme-Deutschlehrerin Ruth Erat erzählt eine Medizinstudentin von der erfreulichen Ausnahme. Obwohl sie nach dem KV und einem Pflegepraktikum im Spital die Voraussetzungen wie Notendurchschnitt 5 und technische Berufsmittelschule nicht mitbrachte, schaffte sie dank viel Motivation das Diplom: «Bei mir machte es während der <Passerelle> klick.»

Der Zulauf in den neueren Abteilungen Modul (zum Eintritt in die PHSG) und Passerelle (als Übergang zu Uni/ETH für Berufsmaturanden) freut die Schulleitung. Allerdings müsse man sich bewusst sein, dass «das Mittel zum Zweck» im Vordergrund stehe. «Möglichst schnell zum Papier zu kommen liegt heute vielen näher, als sich möglichst breit zu bilden», stellt die Geschichtslehrerin Barletta Haselbach fest. Andererseits wurde das musische Angebot im Maturitätslehrgang nebst dem bildnerischen Gestalten mit einer Musikklasse aufgewertet – Charles Uzor führt im laufenden Schuljahr zum drittenmal eine Musikklasse mit einer «stattlichen Zahl Studierender».

Ein weiteres Zeichen der Zeit ist laut Bernhard Peter die intensivierte Zusammenarbeit mit der Studien- und Laufbahnberatung («viele Junge sind überfordert von der grossen Palette an Bildungsangeboten») und dem Schulpsychologischen Dienst, weil vermehrt Lernschwierigkeiten und psychische Probleme festgestellt wurden. Support für die Schule kommt von über 1000 früheren Absolventen, die im Förder- und Ehemaligenverein den stolzen Ruf des zweiten Bildungswegs pflegen und notfalls Beratung und finanzielle Hilfe bieten. Auch dies ein Beleg für den anhaltenden Erfolg der Ostschweizer Pionierarbeit.