«Gut gemeint, aber nicht gut überlegt» – Schulen kritisieren den im Kanton St.Gallen verordneten Halbklassenunterricht

Im Kanton St.Gallen soll ab 11. Mai in Halbklassen unterrichtet werden. Was Lehrer befürworten, ist für die Schulträger und Schulleiter nicht nachvollziehbar.

Adrian Lemmenmeier
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Die St.Galler Regierung möchte einen Kaltstart in den Schulen verhindern.

Die St.Galler Regierung möchte einen Kaltstart in den Schulen verhindern.

Symbolbild: Christian Beutler / KEYSTONE

In zehn Tagen öffnen in der Schweiz die Volksschulen wieder. Wie genau das ablaufen soll, bestimmt jeder Kanton selber. So hat es der Bundesrat beschlossen, auf Empfehlung der kantonalen Bildungsdirektorenkonferenz (EDK). Wenig überraschend also, dass die Kantone unterschiedliche Auswege aus dem Lockdown einschlagen. Auch in der Ostschweiz: Im Thurgau beginnt der Unterricht – unter Einhaltung von Hygiene- und Schutzmassnahmen – in Normalklassen. Gleiches gilt für Appenzell Ausserrhoden.

St.Gallen hingegen teilt die Phase der Lockerung in zwei Abschnitte: In den ersten vier Wochen wird in Halbklassen unterrichtet. So kann am Morgen die eine Hälfte der Klasse in die Schule kommen, am Nachmittag die andere. Der Schulstoff, den die Lehrpersonen normalerweise in einer Woche vermitteln, wird auf zwei Wochen verteilt. In den restlichen vier Wochen vor den Sommerferien findet der Unterricht dann in Normalklassen statt.

Regierungsrat Stefan Kölliker (SVP) an der Pressekonferenz vom Donnerstag.

Regierungsrat Stefan Kölliker (SVP) an der Pressekonferenz vom Donnerstag.

Ralph Ribi

«Mit diesem System können wir einen Kaltstart verhindern», sagte Bildungsdirektor Stefan Kölliker am Donnerstag an einer Medienkonferenz. Man wolle schrittweise lockern – und dabei sicherstellen, dass die Schüler nach dem Fernunterricht wieder das gewünschte Level erreichen.

Lehrerverband ist erfreut, Schulträger sind irritiert

Daniel Thommen, Co-Präsident des Kantonalen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes.

Daniel Thommen, Co-Präsident des Kantonalen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes.

PD

Die Reaktionen auf diesen Entscheid sind unterschiedlich. Daniel Thommen, Co-Präsident des Kantonalen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (KLV), begrüsst die Zweiphasenlösung. Grundsätzlich müssten derzeit Entscheide auf einer Wissensbasis gefällt werden, die sich wegen neuer Forschungserkenntnisse laufend ändern könne, so Thommen. Deshalb sei es vernünftig, dass man langsam zur Normalität zurückkehre und mit Halbklassenunterricht beginne.

«Die Gesundheit der Lehrpersonen muss Priorität haben.»

Viel schlimmer wäre, man würde die Schulen von null auf hundert hochfahren und sie dann wegen einer neuen Ansteckungswelle wieder schliessen müssen. «Ausserdem können die Lehrpersonen in kleinen Klassen besser abklären, ob Kinder allenfalls in gewissen Bereichen Unterstützung brauchen.»

St.Galler Stadtrat Markus Buschor (parteilos), Vorsteher Direktion Bildung und Freizeit.

St.Galler Stadtrat Markus Buschor (parteilos), Vorsteher Direktion Bildung und Freizeit.

Urs Bucher

Ganz anders tönt es vonseiten der Schulträger und Schulleiter. Der Stadtsanktgaller Bildungschef Markus Buschor, Vorsteher des grössten Schulträgers im Kanton, hält nichts vom vierwöchigen Halbklassensystem.

«Dieser Schritt bietet für alle Beteiligten Nachteile.»

Die phasenweise Lockerung sei wohl «gut gemeint, aber nicht gut überlegt». Denn sie bringe für Schulen und Eltern enormen organisatorischen Aufwand mit sich. Wegen vier Wochen müsse man die ganze Planung umstellen. Kinder, die vormittags nicht in der Schule seien, müssten zu Hause betreut werden – oder kämen in die Notbetreuung, welche die Schulen gemäss Kölliker weiterhin anbieten müssen. Weil gleichzeitig Lehrpersonen, die zur Risikogruppe gehören, nicht unterrichteten, hält es Buschor für möglich, dass es zu Personalmangel kommt.

Ähnlich äussert sich Christoph Ackermann, Schulratspräsident in Flawil und Präsident des St.Galler Schulträgerverbandes. In mancher Gemeinde hätten Lehrkräfte bei der Notbetreuung der Schülerinnen und Schüler mitgewirkt, während die Schulen geschlossen waren. «Jetzt müssen diese Lehrpersonen unterrichten und fehlen in der Betreuung.»

Mehr Eltern gehen wieder zur Arbeit

Auch Freddy Noser, Präsident des kantonalen Schulleiterverbandes, sieht ein Problem bei der Kinderbetreuung: «Die Eltern haben damit gerechnet, dass sich mit der Öffnung der Schulen die Betreuungssituation entschärft.» Jetzt müssten sie ihre Kinder trotzdem halbtags betreuen. Gleichzeitig würden wegen der Lockerungen mehr Eltern wieder arbeiten. Am 11. Mai öffnen nicht nur die Schulen wieder. Auch Läden, Märkte, Museen oder Restaurants können den Betrieb unter Auflagen wieder aufnehmen.

Für Noser ist ausserdem störend, dass die EDK keine regional einheitlichen Lösungen beschlossen hat. «Es gibt in der Ostschweiz Schulhäuser, die liegen gerade einmal 500 Meter voneinander entfernt. Weil dazwischen eine Kantonsgrenze verläuft, haben sie unterschiedliche Regeln. Mit solchen Lösungen verspielen wir das Vertrauen der Eltern in die verordneten Massnahmen.»

SP fordert Betreuung während Blockzeiten

Auch die SP übt Kritik am Kurs der Regierung. Sie hält den Finger auf die Notbetreuung, welche die Schulen wie bisher anbieten müssen. Da nach dem 11. Mai in vielen Branchen wieder gearbeitet werde, entfalle für viele Eltern die Möglichkeit, die Kinder zu Hause zu betreuen. Deshalb genüge eine Notbetreuung nicht. «Die Schulen müssen zu klaren Konzepten verpflichtet werden, wie sie die Betreuung einer grösseren Zahl Kinder während der Blockzeiten sicherstellen können und wie gleichzeitig die Gesundheit der Mitarbeitenden geschützt werden kann», schreibt die Partei in einer Medienmitteilung.

«Die Maturanden werden uns einmal dafür danken»

Ebenso entschieden hat die Regierung über die Durchführung der Maturaprüfungen. Die schriftlichen Maturaprüfungen werden im Kanton St. Gallen durchgeführt, auf mündliche wird verzichtet. Der Entscheid fiel trotz Widerstand von Gymnasiasten. Diese hatten sich dafür stark gemacht, dass – wie etwa in Bern und Zürich – keine Prüfungen stattfinden. Man wolle die Matura dieses Jahrgangs nicht abwerten, begründete Bildungsdirektor Kölliker vor den Medien.

«Die Maturanden werden uns einmal dafür danken, dass sie die Prüfung schreiben mussten.»

Allerdings werden die Prüfungen in diesem Jahr nur zu einem Drittel statt zur Hälfte in der Gesamtnote gewichtet. Auch Ausserrhoden verzichtet auf mündliche Prüfungen. Im Thurgau gibt es mündliche und schriftliche Examen.

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