Kommentar
Günstiger klingt die Zukunft nicht mehr

Die St.Galler Regierung wirbt für den Bau des Klanghauses am Schwendisee im oberen Toggenburg. Mit einem Ja am 30. Juni erhalte die regionale Klangkultur ein international ausstrahlendes Zentrum. Profitieren soll auch der Tourismus.

Marcel Elsener
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Marcel Elsener, Redaktor Ressort Ostschweiz.

Marcel Elsener, Redaktor Ressort Ostschweiz.

Das Toggenburg wirbt mit dem Slogan «Klingt gut». Schön wär’s! Zumindest sein oberer Teil machte jüngst weniger mit guten Klängen als vielmehr mit empfindlichen Misstönen von sich reden. So idyllisch die Landschaft zwischen Alpstein und Churfirsten, so disharmonisch der langwierige Streit der Bergbahnen und das Treffen Tausender Rechtsextremer 2016 in Unterwasser. Klingt nicht gut, zumal sich die Gegend negative Schlagzeilen nicht leisten kann – Abwanderung, Struktur- und Klimawandel (schneeärmere Winter!) oder Zweitwohnungs-Initiative bereiten schon Sorgen genug. Obwohl nur eine Stunde von Zürich entfernt, wähnt man sich im Hochtal oft abgehängt.

Verständlich, wenn das Toggenburg nun ein Haus bauen will, wo es wirklich gut klingt. Und echt: Im Klanghaus sollen die natürlichen Töne seiner unverfälschten Landschaft und gelebten Tradition erklingen. Nirgendwo im Kanton St. Gallen wird so oft gesungen, und nirgendwo sonst in der Schweiz wird die Naturtonmusik so geprobt, gepflegt, erforscht und erweitert. Eine Klangwelt für sich – kein aufgepfropfter Begriff smarter Tourismusmanager, sondern Lebensinhalt regionaler Musikerinnen und Musiker, allen voran Peter Roth. Der Komponist hat die so benannte IG (Klangwelt Toggenburg) ins Leben gerufen, die alle klanglichen Impulse und Orte bündelt: Klangweg, Klangschmiede, Klangfestival, Klangkurse. Was fehlt, ist ein Zentrum, das Lokal, in dem diese Welt zu Hause ist. Erträumt seit 17 Jahren, soll es nun endlich gebaut werden.

Endlich. Und unbestritten. Es spricht nichts gegen den Bau. Und es ist auch niemand dagegen. Pardon, fast niemand: Als einzige Partei hat die SVP die Nein-Parole gefasst – obwohl einige ihrer wichtigsten Köpfe, darunter Fraktionschef Michael Götte, das Projekt als «vorbildlich und einmalig» begrüssen. Weil das Klanghaus die Volkskultur stärke und die Entwicklung im Tal fördere – und zudem den Betrieb selber finanziere. Letzteres ist das Argument, das die Befürworter noch brauchten. Nach der Ablehnung der ersten Vorlage 2016 im Kantonsrat – ein Zufalls-Nein wegen zu vieler Abwesenheiten – besannen sie sich in der Empörung auf ein «Jetzt erst recht». Sie sammelten alle Kräfte in der Region und die von der Regierung geforderten Gelder: 10000 Petitionsunterschriften und 1450 IG-Mitglieder belegen den Rückenwind. Und zugesicherte Spenden von über sechs Millionen Franken sorgen dafür, dass das Projekt für die öffentliche Hand nicht zum «Fass ohne Boden» wird, wie Gegner monierten. Den zweiten Kritikpunkt, den Bau in geschützter Landschaft, haben die Planer so ernst genommen, dass die Naturschützer nun eine schweizweit vorbildhafte «Reparatur der Landschaft» loben.

Der Abbruch eines maroden Hotels und der neue Standort werten die Landschaft sogar auf. Der Holzbau – mit heimischer Fichte und Lärche – umfasst vier Klangräume, die wie ein Instrument gestimmt werden können. Kein Zweckbau, sondern ein architektonisches Glanzstück, entworfen vom verstorbenen Architekten und ETH-Professor Marcel Meili, der das Klanghaus als Herzenssache verstand. Allein der Bau kann zum internationalen Markenzeichen werden, auch wenn man nicht gleich den Vergleich mit Paris (Eiffelturm) oder Wien (Riesenrad) bemühen muss, wie es ein lokaler Gewerbetreibender in seinem launigen Testimonial tut. Die Konkurrenz fern und nah schläft nicht – siehe aktuell Sawiris Pläne für eine Erstklass-Konzerthalle in Andermatt.

Der lange Anlauf mit Rückschlägen hat dem Vorhaben nur gut getan. Es ist überreif und nach prestigeträchtigen Kulturprojekten in der Hauptstadt (wie Lokremise, Naturmuseum, Theater) und in anderen Regionen (wie dem Kunstzeughaus in Rapperswil) zu recht das Toggenburg an der Reihe. Der Nutzen über die Region hinaus ist unbestritten: Nebst einer monetären Wertschöpfung von geschätzten fünf Millionen Franken geht es um eine langfristig bedeutendere Wertschöpfung. Nämlich um grosse Begriffe wie Heimat und Identität, Brauchtum und Sinngebung, Lärm und Stille.

Das Klanghaus kann zum Tor zur inneren und äusseren Welt werden, ein Lokal zum Erforschen einer «klingenden Heimat der Zukunft» (Klangwelt-Leiter Christian Zehnder). Das Projekt verknüpft Heimatliebe mit Kultur, es denkt die Stadt ins Land und umgekehrt und ist so zukunftsträchtig wie die IT-Bildungsoffensive. Schliesslich entspricht es dem gegenläufigen «Megatrend»: Echtheit, Einkehr, Entschleunigung. «Tradition erhalten, Einmaliges schaffen», titelt der IG-Flyer. Ein dritter Satz ergäbe den Dreiklang: «Zukunft ermöglichen». Die 22,3 Millionen, die der Kanton dafür aufbringen muss, sind ein Pappenstiel. Ein Ja, so glasklar wie der Schwendisee – und so unbeschwert wie ein Naturjauchzer.