Grüne hoffen auf späte Genugtuung

Die Bürgerlichen verlieren, Grüne und Grünliberale gewinnen: Der Wahlausgang in Zürich könnte sich im Herbst national wiederholen. In St. Gallen haben beide Parteien eine Niederlage wettzumachen.

Noemi Heule
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Konsternierte Gesichter bei GLP und Grünen: Margrith Kessler (links) und Yvonne Gilli haben 2015 ihren Nationalratssitz verloren.

Konsternierte Gesichter bei GLP und Grünen: Margrith Kessler (links) und Yvonne Gilli haben 2015 ihren Nationalratssitz verloren.

Vom Rechtsrutsch zum Grünrutsch. Vor vier Jahren verloren die Grünen und die Grünliberalen ihren jeweils einzigen Nationalratssitz im Kanton St. Gallen. Nun zeichnen die Wahlen in ­Zürich ein umgekehrtes Bild. Die beiden Parteien haben je neun Sitze im Kantonsrat zugelegt (Ausgabe vom Montag). Parteivertreter jubilieren nicht nur vor Ort, sondern schweizweit, gilt doch der einwohnerstärkste ­Kanton als Gradmesser für den nationalen Wahlherbst. Patrick ­Emmenegger, Politologe an der ­Universität St. Gallen, spricht von einer «positiven Signalwirkung» für den Kanton St. Gallen.

Die Euphorie nach der grünen Welle ist denn auch in den Osten geschwappt. «Alles unter einem Sitz wäre eine Enttäuschung», sagt Thomas Schwager, St. Galler Parteipräsident der Grünen, mit Blick auf die Nationalratswahlen im Oktober. Dass die Partei vor Selbstbewusstsein strotzt, machte sie bereits deutlich, als sie ihre Liste lancierte. Mit einem «Spitzentrio» zwischen jungen Kräften und Erfahrung möchte sie erneut ins Bundeshaus einziehen.

Auf den ersten Listenplatz hat es die Jungpolitikerin Franziska Ryser geschafft, gefolgt von Pa­trick Ziltener, der sich nach dem ersten Wahlgang aus dem Rennen um den vakanten Ständeratssitz nahm. An dritter Stelle tritt Yvonne Gilli an, die den einzigen grünen Nationalratssitz der Ostschweiz bereits von 2011 bis 2015 innehatte. Ihre Niederlage war keine persönliche, sondern eine Folge des Rechtsrutsches im Wahljahr, in dem das Thema Migration und damit die SVP die Agenda bestimmte. Die wählerstärkste Partei erreichte damals einen Anteil von knapp 35 Prozent der Stimmen. Auch der GLP-Sitz von Margrit Kessler gehörte zu den Opfern der Machtverschiebung.

Vergangene Fehler nicht wiederholen

Nun, knapp vier Jahre später, hat das Klima Konjunktur. Die Jugend protestiert, die grünen Parteien profitieren. Dass GLP oder Grüne zumindest einen Sitz zurückholen, bezweifelt Emmen­egger nicht. Genauso wenig Georg Lutz von der Universität Lausanne, auch wenn in St. Gallen als ländlicher Kanton kein Siegeszug nach Zürcher Vorbild zu erwarten sei. Entscheidend sei, ob es den Parteien gelinge, ihre Kräfte zu bündeln, sprich Listenverbindungen einzugehen.

Wenig schlagkräftig waren jene Verbindungen, welche die beiden Parteien vor vier Jahren eingingen. Die Grünen taten sich mit der SP zusammen, die Grünliberalen mit der Piratenpartei. Dass die beiden gemeinsame Sache machen, scheint auch in diesem Jahr fraglich. Im Kantonsrat gehören sie unterschiedlichen Fraktionen an – die Grünen mit der SP, die Grünliberalen mit der CVP. Im St. Galler Stadtparlament haben die Grünliberalen im Alleingang eine Fraktion ins Leben gerufen. Dennoch: Man wolle Hand bieten zu einer grossen Listenverbindung Grüne-SP-GLP-EVP-BDP, sagt Thomas Schwager. Gespräche seien im Gang.

Das bestätigt GLP-Präsidentin Nadine Nieder­hauser. Viel mehr will sie allerdings nicht verraten, die Nationalratsliste steht noch nicht. Man wolle sich Zeit lassen, die richtigen Kandidaten zu finden, bis im Juni die Nominationsversammlung ansteht. Dennoch ist auch sie zuversichtlich, den verlorenen Sitz zurückzuholen. Am liebsten aus eigener Kraft. Dafür müsste die Partei rund sieben Prozent der Wähler gewinnen. Auch wenn die GLP im Gegensatz zu den Grünen nicht auf derart bekannte Gesichter setzen kann, rechnet ihr Lutz gute Chancen aus, da sie MitteWähler mobilisieren könne.

Ob Grün, Grünliberal oder beides: Auf wessen Kosten ein zusätzlicher Sitz gehen könnte, sei schwierig vorauszusehen, sagen die beiden Politologen. Alle ­grossen Parteien könnten ihren schwächsten Sitz verlieren. Die FDP, die sich nicht so schnell glaubwürdig als Ökopartei positionieren könne; die schwächelnde SVP, die in Zürich neun Mandate verlor. Zusätzliche Wähler für die Grünen können innerhalb des linken Lagers aber auch die SP schwächen. Unklar sei überdies, ob das Thema Klima seine Schlagkraft bis im Wahlherbst beibehält.