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GRUNDVERSORGUNG: Ärzte ohne Altersgrenze

Ein Fünftel der St. Galler Hausärzte ist 65 oder älter. In Wartau hat Werner Sulser 73-jährig seine Praxis aufgegeben. Einen Nachfolger hat er nicht gefunden. Doch erste Ansätze gegen den Ärztemangel in der Ostschweiz greifen.
Katharina Brenner
«Eine Hausarztpraxis ist ein finanzielles Risiko»: Werner Sulser aus Trübbach. (Bild: Ralph Ribi)

«Eine Hausarztpraxis ist ein finanzielles Risiko»: Werner Sulser aus Trübbach. (Bild: Ralph Ribi)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Wer die Praxis von Werner Sulser in Trübbach anruft, erreicht den Anrufbeantworter. «Die Praxis ist definitiv geschlossen», sagt Sulsers Stimme. Der Hausarzt ist Anfang Januar in Pension gegangen, 73-jährig. Viele Patienten hat er über Jahrzehnte betreut. «Manche mussten nur durch die Tür treten, da wusste ich schon, was ihnen fehlte», sagt Sulser. 1978 hatte er die Praxis von seinem Vater übernommen. Gerne hätte er sie einem Arzt übergeben. Er hat gesucht, aber niemanden gefunden. «Ich habe mit etwa fünf Interessenten gesprochen.» Wer eine eigene Praxis betreibe, gehe ein finanzielles Risiko ein. Das würden heute nur noch wenige wollen. Hinzu kämen die Arbeitszeiten. Ein Dorfarzt müsse rund um die Uhr erreichbar sein. «Ist er es einmal nicht, muss er einen Ersatz organisieren.» Sulser hat jedoch Verständnis für junge Ärzte. Freizeit habe heute einen höheren Stellenwert. Das bestätigt Christian Häuptle, Leiter Hausarztmedizin am Kantonsspital St. Gallen: «Praxen, die auf neue Strukturen umgestellt haben, etwa auf Gemeinschaftspraxen oder flexiblere Arbeitszeiten, haben weniger Probleme, Nachwuchs zu finden.»

Dieser Nachwuchs wird dringend benötigt. Rund 30 Prozent der Hausärzte im Kanton sind 60 oder älter. Und mit Werner Sulser hat nicht etwa der älteste noch praktizierende Arzt im Kanton St. Gallen aufgehört: Acht Hausärzte sind 74 oder älter. Und 83 werden dieses Jahr 65 oder haben das Pensionsalter bereits erreicht. Nicht jeder von ihnen arbeitet Vollzeit, aber sie sind noch berufstätig. Diese Gruppe stellt 19 Prozent der St. Galler Hausärzte. «Das ist ein sehr hoher Anteil», sagt Häuptle. An Spitälern finde man kaum Ärzte, die älter seien als 65. Üben Hausärzte ihren Beruf mit besonderer Leidenschaft aus? «Das könnte ein Grund sein. Sie spüren aber auch die angespannte Stimmung.» Häuptle spricht damit den Ärztemangel an, der seit Jahren diskutiert wird. In der Ostschweiz liegt die Zahl der berufstätigen Hausärzte pro 1000 Einwohner unter dem Schweizer Durchschnitt (siehe Tabelle). In gewissen Regionen sei der Mangel zeitweise akut, sagt Häuptle. «Wenn zum Beispiel zwei Ärzte aus Nachbargemeinden kurz nacheinander aufgeben.» Welche Regionen besonders betroffen seien, könne er nicht sagen. Es seien jedoch eher die ländlichen Gebiete als die städtischen.

Die Hälfte der Zeit am Computer verbracht

Im Kanton Thurgau gibt eine Umfrage unter jungen Ärzten aus dem vergangenen Jahr Anlass zur Hoffnung. 43 Prozent der Befragten hatten angegeben, dass sie am liebsten auf dem Land arbeiten würden, allerdings müssten die Arbeitsbedingungen stimmen (die «Ostschweiz am Sonntag» berichtete). Einer dieser jungen Ärzte ist Roman Zeller. Seit 1. März 2017 hat er eine Hausarztpraxis in Romanshorn. Zeller war Assistenzarzt in Zürich, als vor einem Jahr sein Vater starb. Dieser hatte die Praxis in Romanshorn geführt. Der Sohn übernahm. Sein Fazit nach fast einem Jahr: «Es gefällt mir sehr gut. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich.» Er schätze den regelmässigen Patientenkontakt. Am Spital habe er die Hälfte der Zeit am Computer verbracht, das sei in der Praxis anders. Was ähnlich sei: die Arbeitszeiten. 50 Stunden habe er am Spital gearbeitet, hinzu kamen Überstunden. «Der Vorteil der Praxis: Ich bin flexibler.» Es sei wichtig, Aufgaben abzugeben. Die Buchhaltung etwa mache er nicht selbst. «Meine Generation achtet mehr auf sich», sagt der 32-Jährige. Für die Zukunft wünsche er sich Jobsharing. «Ich könnte mir sehr gut vorstellen, mit einer Ärztin im Team zu arbeiten.»

Mit diesen Aussagen passt Zeller in das Bild, das Sulser und Häuptle von ihren jungen Berufskollegen zeichnen. Zeller sagt aber auch – aus Erfahrung und entgegen der Umfrage – dass es sehr schwierig sei, gerade junge Ärzte für eine Praxis auf dem Land zu finden. «Wir haben alle in grossen Städten studiert, die meisten möchten dort bleiben.» Das wissen auch die Befürworter des Medical Masters, der im Kanton St. Gallen noch zur Abstimmung kommt. «Viele Studierende aus dem Kanton St. Gallen und der Ostschweiz bleiben nach dem Studium in ihrer Unistadt oder in der Region», sagt Häuptle. Sie absolvierten ihre Facharztweiterbildung im Grossraum Zürich, Basel und Bern. «Dort haben sie sich ein Netzwerk aufgebaut, sind mit der Umgebung vertraut.» Er sei deshalb überzeugt, dass viele Studenten des St. Galler Medical Masters künftig häufiger ihre Facharztweiterbildung in der Ostschweiz durchlaufen und sich deutlich zahlreicher hier niederlassen würden.

Weder Anreize noch Verpflichtungen

Eine Garantie, dass die St. Galler Medizinstudenten später hier bleiben, gibt es nicht. Wäre es denkbar, dass sie sich bei Studienbeginn dazu verpflichten, in der Ostschweiz zu bleiben? Sind finanzielle Anreize wie Stipendien angedacht? «Wir haben solche Massnahmen zu Beginn diskutiert, kamen aber zum Schluss, dass dies eine Ungleichbehandlung gegenüber andern Studierenden oder Lernenden ergeben würde», sagt die St. Galler Gesundheitschefin Heidi Hanselmann. Sanktionen und Verpflichtungen wirkten sich eher hinderlich aus. Hanselmann nennt den Medical Master «ein Puzzleteil im ganzen Massnahmenspektrum gegen den Fachkräftemangel». Eine dieser Massnahmen ist auch das hausarztmedizinische Weiterbildungsprogramm, das der Kanton mit dem Kantonsspital vor zehn Jahren eingeführt hat. «Wir haben frühzeitig reagiert», sagt Häuptle. Deshalb sei der Kanton St. Gallen immer noch recht gut aufgestellt. Assistenzärzte am Kantonsspital können eine sechsmonatige Praxisassistenz bei Hausärzten im Kanton absolvieren. «So lernen sie die Arbeitsweisen vor Ort kennen.» Die Entscheidung, ob die Tätigkeit als Hausarzt etwas für sie wäre, falle damit früher. «Wir betreuen Interessenten eng in einer Laufbahnberatung», sagt Häuptle. Neben der Praxisassistenz ermöglicht das St. Galler Programm auch Weiterbildungen in verschiedenen Disziplinen. «Ein Hausarzt auf dem Land muss breiter aufgestellt sein als einer in der Stadt.» Kinderärzte beispielsweise gebe es in den Städten genug. Auf dem Land müsse ein Hausarzt auch diesen Bereich zumindest in den Grundzügen abdecken. Das St. Galler Programm bietet jährlich 14 bis 15 Plätze. Die meisten dieser am Kantonsspital ausgebildeten Hausärzte würden später in der Region bleiben.

«Berechnungen zeigen, dass wir zur Sicherung des heutigen Bedarfs jährlich rund 30 Hausärztinnen und Hausärzte benötigen, die neu in eine Praxis einsteigen», sagt Hanselmann. «Diese Vorgabe erreichen wir seit Jahren.» Allerdings sei nicht jede Region gleich attraktiv, was eine Schwierigkeit sei. Dann bleibt den Patienten nur der Wechsel zu anderen Hausärzten im Dorf – sofern es noch solche gibt. Die Patienten von Werner Sulser in Wartau haben Glück: Im Dorf gibt es noch einen Arzt.

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