Gründen wir den Kanton Säntis 2.0

Wenn es einen Punkt in der Ostschweiz gibt, der gleichermassen für Appenzeller und St.Galler eine herausragende Bedeutung hat, dann ist es der Säntis. Das hat anno 1798 bereits der gute alte Napoleon realisiert und die Ländereien rund um den markanten Voralpengipfel kurzum in Kanton Säntis umbenannt.

Stefan Schmid
Merken
Drucken
Teilen
Die Ostschweiz, eine stark industrialisierte KMU-Region. Blick von Romanshorn Richtung Säntis. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Die Ostschweiz, eine stark industrialisierte KMU-Region. Blick von Romanshorn Richtung Säntis. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Wenn es einen Punkt in der Ostschweiz gibt, der gleichermassen für Appenzeller und St.Galler eine herausragende Bedeutung hat, dann ist es der Säntis. Das hat anno 1798 bereits der gute alte Napoleon realisiert und die Ländereien rund um den markanten Voralpengipfel kurzum in Kanton Säntis umbenannt. Der politische Hintergrund der eigenwilligen Grenzziehung war freilich weniger lustig. Es ging dem herrischen Franzosen darum, die eigenbrötlerischen, sich der neuen Ordnung widersetzenden Appenzeller zur Räson zu bringen, indem er sie einem grösseren Gebilde einverleibte. Selbiges widerfuhr auch den störrischen Glarnern, die zusammen mit dem Sarganserland und dem Linthgebiet im Kanton Linth aufgingen.

Der Spuk nahm 1803 mit der Mediations-Akte ein Ende. An die Stelle des künstlichen Kanton Säntis trat der ebenso gekünstelte Ringkanton St.Gallen mit seinen heterogenen Regionen. Glarus und die beiden Appenzell erlangten ihre formale Unabhängigkeit.

Seither sind 213 Jahre ins Land gezogen, die industrielle Revolution ist längst Geschichte. Auf den Säntis fährt eine Schwebebahn, Fernsehen und Radio sind etablierte Medien und die Digitalisierung ist gerade daran, unser Leben fundamentaler zu verändern, als wir zu erahnen wagen. Nur die Gebietsstrukturen sind dieselben geblieben. Die funktionalen Räume – darunter versteht man jene Regionen, wo wir leben, arbeiten, die Freizeit verbringen – decken sich nicht mehr mit den kleinräumigen politischen Einheiten. Ein neuer Napoleon würde wohl glatt den Kanton Säntis 2.0 ausrufen und diesem nebst den beiden Appenzell und St.Gallen auch die Kantone Thurgau, Glarus und Schaffhausen einverleiben. Make the Ostschweiz great again. 1,1 Millionen Einwohner, fast so viele wie der Kanton Zürich. Eine Regierung und eine Verwaltung, die anstelle von den aktuell sechs Regierungen und Verwaltungen den Lebens- und Wirtschaftsraum schlank und rank verwaltet. Und die – im globalen Standortwettbewerb entscheidend – die Ostschweiz gemeinsam positioniert und vermarktet.

Ein Hirngespinst. Schon klar. Einen neuen Napoleon gibt es – zum Glück! – nicht. Und auf absehbare Zeit fehlen politische Mehrheiten für derlei phantastische Revolutionen. Wir leben nicht im Land der grossen Würfe. Für die Zukunft der Ostschweiz ist aber essenziell, dass wir uns dort zusammenschliessen, wo wir gemeinsam stärker sind. Gefragt ist, wie am Zukunftsforum der Ostschweizer Wirtschaftsverbände diese Woche in St.Gallen richtigerweise konstatiert wurde: eine Konzentration der Kräfte. Beispiel Fachhochschulen.

In einer sich rasant wandelnden Bildungslandschaft Schweiz, wo Regionen um gut ausgebildete Fachkräfte kämpfen, ist eine enge Verzahnung der drei bestehenden Ostschweizer Standorte Buchs, St.Gallen und Rapperswil unabdingbar. Beispiel Spitallandschaft. Angesichts ungebremst steigender Gesundheitskosten und eines zunehmend irrationalen Wettrüstens der Spitäler ist eine Abstimmung über die bestehenden Kantonsgrenzen hinweg nur noch eine Frage der Zeit. Beispiel Standortförderung: Die Ostschweiz konkurriert mit dynamischen Weltregionen, Firmen sind mobiler als früher. Der Konkurrent von Rorschach heisst nicht Herisau oder Frauenfeld. Sondern München, Kopenhagen oder Dubai. Wir können es uns nicht länger leisten, jede Mikroregion separat zu vermarkten. Derlei Aktivitäten verpuffen in einer Welt, in welcher es auch darum geht, wahrgenommen zu werden.

Wir sind nicht Zürich mit seinem Finanzplatz. Wir sind nicht Basel mit der Pharma. Wir sind nicht die Genferseeregion mit ihrer Life-Science-Industrie. Doch wir sind eine topsolide, stark industrialisierte KMU-Region mit vielen innovativen Köpfen. Nutzen wir dieses Potenzial und lassen die internen Grabenkämpfe sein. Denken wir die Ostschweiz grösser, gründen wir den Kanton Säntis 2.0. Wenn nicht auf dem Papier, dann zumindest in unseren Köpfen.