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Grosszügige Patrons, grosszügige Behörden: Warum Ausserrhoden eine Hochburg für Stiftungen ist

Das Vermögen der Ostschweizer Stiftungen hat in fünf Jahren um 160 Millionen Franken zugenommen. Besonders dicht gesät sind Stiftungen in Appenzell Ausserrhoden - dank freigiebiger, oft kinderloser Unternehmer. Zudem ist die Stiftungsaufsicht weniger streng als anderswo.
Adrian Vögele
Die Ostschweizer Textilausstellung «Iigfädlet» im vergangenen Jahr wurde von mehreren Ausserrhoder Stiftungen mitfinanziert. (Bild: Jürg Zürcher)

Die Ostschweizer Textilausstellung «Iigfädlet» im vergangenen Jahr wurde von mehreren Ausserrhoder Stiftungen mitfinanziert. (Bild: Jürg Zürcher)

Die Summe ist gewaltig: 100 Milliarden Franken liegen hierzulande in gemeinnützigen Stiftungen, Tendenz steigend. Auch die Zahl der Stiftungen nimmt zu; Ende des vergangenen Jahres waren es über 13'000, wie der gestern publizierte Schweizer Stiftungsreport zeigt. Auch in der Ostschweiz weist der Trend nach oben (siehe Tabelle). Viel ausgeprägter als in anderen Kantonen ist in der Ostschweiz das regionale Engagement: Die meisten hiesigen Stiftungen erfüllen einen Zweck innerhalb der Ostschweiz – etwa in Kultur, Freizeit, Bildung – und stehen daher auch unter kantonaler Aufsicht. In Zürich, Genf oder Zug hingegen ist mehr als die Hälfte der Stiftungen national oder international tätig.

In der Ostschweizer Stiftungslandschaft zeigen sich deutliche Unterschiede von Kanton zu Kanton. Die Dichte an Stiftungen ist in den beiden Appenzell überdurchschnittlich: Gesamtschweizerisch kommen rund 16 Stiftungen auf 10'000 Einwohner, in Ausserrhoden und Innerrhoden sind es 19 bis 20. St. Gallen und der Thurgau hingegen liegen deutlich unter dem nationalen Wert. Ausserrhoden hat zudem die finanzstärksten Stiftungen der Region: Sie besitzen im Schnitt 4,3 Millionen Franken Vermögen. Das Gesamtvermögen der Stiftungen hat in Ausserrhoden mit 318 Millionen Franken fast dieselbe Grössenordnung wie im Thurgau – obwohl dieser fünfmal mehr Einwohner zählt.

Stiftungen besitzen auch Unternehmensanteile

Dass sich gerade Ausserrhoden zur Stiftungshochburg entwickelt hat, hängt vor allem mit dem Wirken von Unternehmern zusammen: Die grossen Stiftungen – etwa Metrohm, Steinegg oder Huber+Suhner – sind mit Firmen verbunden. Ein wichtiger Umstand kommt hinzu: «Unser Glück sind unverheiratete und kinderlose Persönlichkeiten», sagt Heinz Stamm, der die Steinegg-Stiftung und zwei weitere Ausserrhoder Stiftungen präsidiert. «Es gibt nicht wenige Ausserrhoder Unternehmer, die keine Nachkommen hatten und sich dazu entschlossen, ihr Vermögen für das Gemeinwohl einzusetzen.» Oft ging es dabei ebenso um den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Förderung einer gesunden Wirtschaftsstruktur wie um den philanthropischen Gedanken.

Die Ostschweizer Stiftungen in Zahlen

Werte per Ende 2017
Anzahl Anzahl pro 10'000 Einwohner Neugründungen 2017 Liquidationen 2017 Vermögen gesamt (in Mio. Fr.) Vermögen im Durchschnitt (in Mio. Fr.)
SG 505 10 13 5 1246,9 3
TG 247 9,1 8 1 340,6 1,9
AR 107 19,5 3 2 317,7 4,3
AI 31 19,4 0 1 127,4 3,9
Ostschweiz 890 10,5 24 9 2032,7 2,3

Der Herisauer Unternehmer Heinrich Tanner ist ein typisches Beispiel eines Ausserrhoder Stifters. Er rief 1996 die Steinegg-Stiftung ins Leben, weil er Ende der 20er-Jahre als Kind miterlebt hatte, wie die Textilfirma seiner Familie aufgrund der Wirtschaftskrise schliessen musste. Heute ist die Stiftung Mehrheitsaktionärin mehrerer Unternehmen, darunter Cilander und Hänseler. Das kulturelle Engagement der Stiftung – eine der Zweckbestimmungen – geht auf das Interesse des Gründers für die Appenzeller Volkskunde zurück. Dass die Institution im Übrigen nicht «Tanner-Stiftung» oder ähnlich heisst, sondern diskret nach dem Wohnort des Stifters benannt ist, war eine bewusste Entscheidung. «Ich finde es falsch, sich mit einer Stiftung zu Lebzeiten ein Denkmal zu setzen», sagte Heinrich Tanner vor einigen Jahren gegenüber dem «Appenzeller Magazin». Es gehe allein um gute Taten, «die sollen nicht an eine Person geknüpft sein».

Ungewöhnlich für Ostschweizer Verhältnisse ist, dass die grösseren Ausserrhoder Stiftungen miteinander lose vernetzt sind. Zweimal jährlich treffen sich die Präsidenten zu einer sogenannten Koordinationssitzung. «Dort geht es unter anderem um die gegenseitige Orientierung und Erörterung grösserer Projekte», sagt Heinz Stamm. Ein solches Vorhaben war beispielsweise die Ostschweizer Textilausstellung «Iigfädlet» im vergangenen Jahr, an der acht regionale Museen beteiligt waren. «Die Steinegg-Stiftung sowie mehrere weitere Ausserrhoder Stiftungen stellten dafür in einer koordinierten Aktion substanzielle Mittel zur Verfügung», sagt Stamm. Das Netzwerk ist ausserdem auch ein guter Nährboden zur Gründung neuer Stiftungen.

Kanton handhabt Stiftungszweck flexibel

Ausserrhoden ist aber nicht nur für Ausserrhoder Stifter interessant, die hier verwurzelt sind, sondern auch für Auswärtige. Das hängt mit der Rolle der Behörden zusammen. Die Ausserrhoder Stiftungsaufsicht sei «pragmatischer» als jene anderer Kantone, sagt Heinz Stamm. «Es ist unkompliziert, hier eine Stiftung zu gründen und die Betreuung von Stiftungen ist optimal.»

Hans Saxer, der für die Stiftungsaufsicht zuständig ist, erklärt: «Da wir ein kleiner Kanton sind, hält sich der administrative Aufwand in Grenzen. Eine Stiftung lässt sich bei uns innert weniger Wochen gründen, während das in grösseren Kantonen deutlich länger dauert.» Ein Grund dafür seien die kurzen Wege innerhalb der Kantonsverwaltung, Abklärungen zwischen den Amtsstellen seien rasch erledigt. Auch beim Stiftungszweck zeigt sich Ausserrhoden flexibler als andere Kantone. Zwar gilt auch hier der Grundsatz, dass Stiftungen, die unter kantonaler Aufsicht stehen, auch einen Zweck in der Region verfolgen. Dass sie sich zugleich überregional engagieren, ist in Ausserrhoden aber möglich. Saxer schildert ein Beispiel: «Wenn eine Person in Ausserrhoden eine Stiftung mit regionalem Zweck gründen und mit dieser zugleich noch die Bernhardiner-Zucht in Martigny unterstützen will, weil sie das schon seit Jahren getan hat, dann erlauben wir das.» Andere kantonale Stiftungsaufsichten seien strenger.

Diese gewachsenen Strukturen werden in Ausserrhoden energisch verteidigt: Im vergangenen Jahr wollte die Regierung die Stiftungsaufsicht neu regeln. Diese sollte aus der Verwaltung herausgelöst und an die Ostschweizer BVG- und Stiftungsaufsicht übertragen werden, die bereits für die klassischen Stiftungen in St. Gallen und im Thurgau zuständig ist. Es gehe um eine professionellere und «personenunabhängige» Lösung, so die Regierung. Bereits 16 Kantone hätten die Aufsicht in öffentlich-rechtliche Anstalten ausgelagert. In der Vernehmlassung stiess die Idee jedoch auf massiven Widerstand. Auch die Mehrheit der Stiftungen lehnte die Änderung ab. Die Regierung verfolgte die Pläne darum nicht weiter - die Aufsicht über die klassischen Stiftungen bleibe beim Kanton, hiess es im November.

Auch die Praxis der Steuerbehörden spielt für Stiftungen eine Rolle, wie Georg von Schnurbein sagt. Er ist Direktor des Center for Philanthropy Studies an der Universität Basel und Mitherausgeber des Schweizer Stiftungsreports. Stiftungen mit gemeinnützigem Zweck sind grundsätzlich steuerfrei. «Es ist aber nicht in allen Kantonen gleich einfach, diese Steuerbefreiung zu erhalten. Am Ende wird über jeden Fall einzeln entschieden.»

Nationales Symposium in St. Gallen

Am Schweizer Stiftungssymposium treffen sich Vertreter gemeinnütziger Stiftungen aus der ganzen Schweiz regelmässig zum Austausch. Dieses Jahr findet das Treffen in St. Gallen statt, 350 Teilnehmer werden erwartet. Thematischer Schwerpunkt des Anlasses am 19. und 20. Juni im Hotel Einstein sind Beziehungsnetze: Wie sieht das Verhältnis von Stiftungen zu ihren Förderpartnern aus? Wo liegen ihre Grenzen als politische Akteure? Diese und weitere Fragen stehen auf dem Programm. Organisiert wird das Symposium von Swissfoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen. Für die Teilnahme ist eine Anmeldung notwendig. Weitere Informationen unter www.swissfoundations.ch. (av)

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