"Grosse Betroffenheit und Wut"

Der Anschlag auf die Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" vom Mittwoch schockiert nicht nur die Pariser. Auch einige Ostschweizerinnen und Ostschweizer waren zum Zeitpunkt des Attentats in der Metropole. Sie schildern, was sie erlebt haben.

René Rödiger/Alexandra Pavlovic
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Die Altstätterin Patricia Mattle. (Bild: pd)

Die Altstätterin Patricia Mattle. (Bild: pd)

Brenda Mäder, ehemalige Präsidentin der Jungfreisinnigen Schweiz und derzeitige Co-Präsidentin der Unabhängigkeitspartei up! Schweiz, ist derzeit beruflich in Paris und war zum Tatzeitpunkt im Büro. Per Zufall hat die Politikerin gegen Mittag den Fernseher eingeschaltet und vom Massaker erfahren. "Auf sämtlichen Fernsehstationen liefen bereits Bilder des Anschlags", sagt die 28-Jährige.

Auch per SMS habe sie sich danach mit Freunden und Bekannten über die neusten Geschehnisse ausgetauscht. "Viele waren betroffen und schockiert über die Tat." Das habe man auch gegen Abend in den Cafés und Restaurants bemerkt. "Der Anschlag war das Gesprächsthema. Kaum einer sprach nicht davon", sagt Mäder. So ist die Stimmung auch einen Tag nach dem Massaker laut Mäder "bedrückt". Aktuell sei auch eine Verunsicherung zu spüren, gerade weil es auch Meldungen gegeben habe, dass möglicherweise andere Anschläge vereitelt wurden.

Die Weinfelderin Brenda Mäder. (Bild: pd)

Die Weinfelderin Brenda Mäder. (Bild: pd)

Die Weinfelderin glaubt aber nicht, dass die Bewohner nur wegen des Anschlags ihre Gewohnheiten ändern. Im Gegenteil: "Sie gehen auf die Strassen und setzten mit den Kundgebungen erst recht ein Zeichen." Die Pariser wissen, was es heisst, wenn viele Sicherheitskräfte in der Stadt sind. "Sie sind auf Grund vorangegangener Ereignisse an erhöhte Sicherheitsdispositive gewöhnt."

Persönlich werde der eine oder andere sicherlich in nächster Zeit mit einem mulmigeren Gefühl zur Arbeit gehen, davon ist Brenda Mäder überzeugt. "Ich habe schon vereinzelt vernommen, dass einige Personen im Moment die Metro meiden", sagt die 28-Jährige. Sie denke aber nicht, dass daraus ein Massenphänomen entstehe. Noch am Abend des Attentats fand in Paris eine Kundgebung statt. Brenda Mäder konnte aus beruflichen Gründen nicht teilnehmen. "Es ist aber ein schönes Zeichen, wenn die Menschen auf sozialen Netzwerken ihre Profilbilder zu Ehren von <Charlie Hebdo> ändern."

Pushmeldung auf Handy
Auch die Altstätter CVP-Politikerin Patricia Mattle ist derzeit für ihren Arbeitgeber, eine Versicherung, in Paris. Sie sass in ihrem Büro, als sie eine Pushmeldung auf ihrem Handy erhielt. "Hier gingen danach sofort alle Leute ins Internet und suchten nach weiteren Informationen. Es war natürlich das grosse Gesprächsthema." Allerdings sei allen die ganze Tragweite des Attentats erst am Tag danach langsam bewusst geworden. Derzeit seien alle und auch Mattle persönlich sehr geschockt und betroffen.

Die Altstätterin Patricia Mattle. (Bild: pd)

Die Altstätterin Patricia Mattle. (Bild: pd)

"Die getöteten Journalisten waren Menschen des öffentlichen Lebens. Jeder hier kannte ihre Gesichter." Zudem sei die Tat in einem Quartier passiert, in dem sie regelmässig im Ausgang sei. "Ich kenne dort jede Strasse und auch Personen, die dort wohnen. Ein Polizist wurde sogar vor der Haustüre einer meiner Freundinnen ermordet." Als die Altstätterin am Donnerstag durch Paris zur Arbeit ging, hatte sie kein mulmiges Gefühl. "Es ist eine grosse Betroffenheit und eher Wut", sagt sie. Pressefreiheit sei sehr wichtig in der französischen Kultur und deren Verteidigung umso wichtiger. "Durch die höchste Terror-Alarmstufe hat es jetzt eine grosse Polizeipräsenz und Einschränkungen." Von einer Freundin habe sie weiter erfahren, dass Eltern, die ihre Kinder zur Schule brachten, aus Sicherheitsgründen nicht mehr in die oberen Stockwerke gehen durften.

Auch Patricia Mattle war an keiner Kundgebung. "Bei uns im Büro gab es aber eine Schweigeminute, wie in ganz Frankreich." Derzeit spüre man in Paris auch eine grosse Solidarität. "Die Ansprache von Präsident Hollande habe ich sehr schön gefunden. Wie er betonte, dass wir jetzt zusammenstehen müssen", sagt die Altstätterin. Sie hoffe einfach, dass nach der Zeit der Trauer die Stimmung nicht in Islamhass und Ausländerfeindlichkeit umschlage. "Wir haben auch bei uns im Büro Moslems, die genauso schockiert und betroffen sind. Terroristen haben gemordet. Nicht der Islam."

Äusserlich alles ruhig
Christoph Weder arbeitet bei der Finanzmarktaufsicht Liechtenstein und ist Mitglied einer Kommission der Europäischen Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA. Der Rheintaler war gerade auf dem Weg an den Flughafen Zürich, als er vom Massaker erfuhr. "Mir wurde gesagt, dass ich mit verstärkten Kontrollen rechnen müsse." Am Flughafen in Paris und auf der Strasse habe es tatsächlich mehr Polizisten gehabt. "Aber sonst habe ich nicht viel davon gemerkt", sagt Weder. Äusserlich sei alles sehr ruhig. "Es ist unheimlich ruhig für das, was passiert ist." In den Bars und Cafés werde aber überall darüber gesprochen.

Der Rheintaler Christoph Weder. (Bild: pd)

Der Rheintaler Christoph Weder. (Bild: pd)

Auch der Rheintaler hat kein mulmiges Gefühl, derzeit in Paris zu sein. "Es herrscht aber schon eine andere Stimmung als sonst." Vereinzelt gebe es Strassensperren und Kontrollen an Metrostationen. Das Thema überlagere alles. "Auch bei unserer Sitzung in der Aufsichtsbehörde haben wir über das Attentat gesprochen. Auch wir haben im Innenhof des Gebäudes eine offizielle Schweigeminute abhalten."

Friedliche Kundgebung
Die 22-jährige Geschichtsstudentin Mirjam Mayer ist für ein Erasmus-Semester in Paris. Am Mitwoch vormittag war die St.Gallerin unterwegs und erfuhr erst zu Hause über das Internet, was sich gegen Mittag in Paris abgespielt hatte. "Derzeit patrouillieren viele Polizisten an öffentlichen Orten wie dem Gare du Nord. Das ist schon sehr speziell", sagt sie. Die Stimmung im Allgemeinen komme ihr aber sehr friedlich vor. "Man spürt viel Solidarität mit den Opfern, aber auch Trauer." Dennoch glaubt sie, dass viele Franzosen und Europäer sich in ihren Werten sehr angegriffen fühlen. Als die 22-Jährige heute durch Paris ging hatte auch sie kein mulmiges Gefühl. Die St.Gallerin hofft aber, dass die Leute in Paris keine Angst haben auf die Strasse zu gehen. "Gestern haben viele Bewohner bewiesen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen."

Die St.Gallerin Mirjam Mayer. (Bild: Oliver Hochstrasser/Facebook)

Die St.Gallerin Mirjam Mayer. (Bild: Oliver Hochstrasser/Facebook)

Die Studentin war ausserdem an einer Kundgebung auf dem Place de la Republique. "Der ganze Platz war mit tausenden Menschen verschiedener Altersgruppen besetzt", sagt sie. Die Initianten haben sich um den Brunnen platziert und Parolen gerufen, auf die die Menge geantwortet oder mitgesungen habe. "Viele hielten auch Plakate von <Charlie Hebdo> in der Hand oder Banner mit dem Schriftzug <Je suis Charlie>." Weiter waren zahlreiche Kerzen um den grossen Brunnen zur Gloire de la Republique française aufgestellt. Ausserdem habe eine Trauerminute stattgefunden, bei der alle einen Stift in die Luft hielten. "Mit einem tosenden Applaus wurde diese beendet", sagt Mayer.

Sie könne sich durchaus vorstellen an eine weitere Kundgebung zu gehen. "Es hat mir gestern sehr viel Mut gegeben, all diese Leute zu sehen, die sich einerseits von einer solchen Tat nicht einschüchtern lassen und andererseits nicht mit Hass oder Wut reagieren." Der Studentin habe es ausserdem gezeigt, dass es noch eine Möglichkeit gibt auf friedliche Weise seine Beunruhigung über ein momentanes Geschehnis zu bekunden. "Mir hat es den ermutigenden Eindruck hinterlassen, dass konservative Bewegungen wie die Pegida oder Front National nicht allzu viel Zulauf bekommen haben, sondern viele Leute noch immer mit Vernunft handeln, auch wenn ihnen mit Unvernunft geantwortet wird", sagt die 22-Jährige. Im Alltagsleben kann sich die St.Gallerin gut vorstellen, dass die Sicherheitsmassnahmen noch erhöht werden.