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Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth in St.Gallen: Ein Anschlag lancierte seine Karriere

Martin Alioth gehört zu den bekanntesten Radiostimmen der Schweiz. Der Brexit fasziniert ihn ebenso wie die Geschichte des Klosters St.Gallen. Europa will er von den Rändern her denken.
Jürg Ackermann
Der SRF-Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser, 24.Mai 2019)

Der SRF-Grossbritannien-Korrespondent Martin Alioth in St.Gallen. (Bild: Benjamin Manser, 24.Mai 2019)

Es musste ja so kommen. Fünf Minuten nachdem unser Gespräch beendet war, ging die Push-Nachricht um die Welt. Theresa May kündigt ihren Rücktritt an.

Im Normalfall würde das für Martin Alioth heissen: Der Adrenalinpegel steigt. Jetzt müssen die messerscharfen Gedanken her, schon bald geht es auf Sendung. Alioth würde in seiner Bibliothek mit den grossen Fenstern in seinem irischen Landhaus sitzen und die neue Ausgangslage am Mikrofon analysieren. Gibt es jetzt einen harten Brexit? Was heisst der Rücktritt für die EU?

Doch Alioth konnte gestern Mittag nicht. Er besuchte mit seiner Frau die Stiftsbibliothek, wie er das stets macht, wenn er in der Ostschweiz zu Gast ist.

Für Alioth, der einst über die Geschichte des Mittelalters doktorierte, ist der St.Galler Klosterbezirk sowieso ein besonderer Ort. Natürlich auch wegen der vielen Verbindungen nach Irland. «Dass der grantige und vereinsamte Eremit Gallus zum Klostergründer erklärt wurde, war ein genialer Marketingtrick von Otmar, der 60 Jahre später lebte. Er wusste, dass Gallus und mit ihm die Tradition belesener irischer Mönche sexy war», sagt er.

Bei einer Flasche Rotwein fiel der Irland-Entscheid

Die irischen Mönche sind für Alioth ein Beispiel dafür, wie Europa nach der Völkerwanderung von den Rändern her neu befruchtet und St.Gallen zu einem kulturellen Zentrum in Europa wurde. Überhaupt: Von den Rändern her denken, eine Geschichte gut erzählen, ihr eine Handschrift geben, sie mit Humor würzen. Darin sind die Iren Meister. Und Alioth erst recht.

Auch wenn die Geschichten, wenn es um Politik geht, wie bei May selten gut enden. «Sie ist kein Verlust für die Politik in Grossbritannien. Sie hat den Karren komplett in den Dreck gefahren. So hätte es nicht kommen müssen», sagt Alioth.

Dabei war es reiner Zufall, dass der Basler 1984 in der Nähe von Dublin landete – und für immer blieb. Er wollte mit seiner damaligen Frau, der Schriftstellerin Gabrielle Alioth, weg, irgendwohin wo «es noch europäisch, aber doch anders als in Basel war».

Bei einer Flasche Rotwein entschieden sie sich für Irland, das damals stark konservativ und katholisch geprägt war. «Ich fasste mir an den Kopf und dachte: Wo bin ich hier gelandet?», erzählt Alioth. 1986 lehnten die Iren mit grosser Mehrheit die Legalisierung der Scheidung ab. Der fortschrittliche Kontrapunkt kam 2015: Irland nahm als erster Staat in einer Volksabstimmung die Ehe für alle an.

«Dies zeigt, wie stark sich das Land gewandelt hat, auch dank der vielen Iren, die in den USA oder Europa lebten und zurückkehrten, als die Wirtschaft in Schwung kam.»

Besser wurde es auch für Alioth selber. In den ersten Monaten seiner Korrespondentenzeit deutete wenig darauf hin, dass er sich als freier Journalist eine Existenz würde aufbauen können – bis der 28. Februar 1985 kam und die irisch-republikanische Armee IRA mit Mörsergranaten Kasernen in die Luft sprengte. Alioth berichtete damals für verschiedene Sender fast rund um die Uhr aus Irland.

Der Anschlag von Newry mit den neun toten Polizisten wurde zum Ausgangspunkt für eine herausragende Journalistenkarriere. Danach war Alioth in jeder Adresskartei deutschsprachiger Radiosender, auch beim Schweizer Radio, für das er fortan aus Irland berichtete. Ab dem Jahr 2000 wurde er SRF-Korrespondent für ganz Grossbritannien.

Nachrichten konsumieren ist für ihn wie ein Ritual

Alioth erklärt, er ordnet ein, er gewichtet. Für Radiohörer ist er zu einer längst vertrauten Stimme geworden, wie diejenige eines guten Bekannten oder Nachbarn. «Ich weiss lieber über eine Sache viel, als über vieles wenig», sagt der 65-Jährige, dessen Nachrichtenkonsum fast schon eine Spur Besessenheit aufweist.

Jeden Morgen um sieben Uhr startet Alioth mit der zweistündigen Nachrichten-Sendung auf BBC-Radio, dann liest er Blogs über britische Innenpolitik, hört weitere News-Sendungen, ehe der Tag gegen 23 Uhr mit einem Polit-Talk auf BBC endet.

«Ich habe noch immer den Ehrgeiz, topinformiert zu sein, um jederzeit eine Analyse liefern zu können. Ich bin mir bewusst, was für ein Privileg es ist, als Korrespondent zu berichten.»

Bis Ende Jahr wird er weiter für SRF und andere Radiostationen arbeiten. Was nachher kommt, weiss er noch nicht genau. Vielleicht wendet er sich der Kultur zu. Seine Frau Dorothy ist Managerin von Musik-Ensembles. Zum Landgut, das die beiden bewohnen, gehört ein grosser Park, den sie für das Publikum öffnen und eventuell auch mit Konzerten beleben ­wollen. Vielleicht arbeitet Alioth auch als Radio-Korrespondent auf Mandatsbasis weiter, vielleicht schreibt er ein Buch. Sicher ist nur: In Irland wird er bleiben. Am Rande Europas, der für ihn zum Lebensmittelpunkt wurde.

Die Briten und die EU

(ja.) Auf Einladung der Bank Reichmuth & Co. und unserer Zeitung kam Martin Alioth diese Woche nach St.Gallen. In seinem Vortrag «Brexit – wie weiter?» lotete der SRF-Grossbritannien-Korrespondent im vollen Einstein-Saal Handlungsoptionen der britischen Politik und der EU aus.

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