Grossauftrag für kreativen Kleinen

WIL. Die Innocard AG hat in einer öffentlichen Ausschreibung die Branchenführer ausgestochen und kann einen prominenten Kunden beliefern. Das Unternehmen aus Wil programmiert Zahlkartenterminals und entwickelt Kundenbindungsprogramme.

Sebastian Keller
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Einen elektronischen Gutschein auf dem Smartphone am Zahlkartenterminal einlösen: Die Wiler Innocard AG entwickelt auch Kundenbindungsprogramme. (Bild: Urs Bucher)

Einen elektronischen Gutschein auf dem Smartphone am Zahlkartenterminal einlösen: Die Wiler Innocard AG entwickelt auch Kundenbindungsprogramme. (Bild: Urs Bucher)

Simon Meile kann seinen Stolz nicht verbergen – und das will der sonst bescheiden wirkende Geschäftsführer der Wiler Innocard AG auch nicht. Sein Unternehmen, das er zusammen mit Geschäftspartner Roman Keller führt, hat jüngst einen Grossauftrag an Land gezogen: Es kann jeden bedienten Schalter an SBB-Bahnhöfen mit Zahlkartenterminals ausrüsten. An diesen Geräten kann mit Kredit- und anderen Karten bezahlt werden. Im Rahmen der öffentlichen Ausschreibung hat die Innocard zusammen mit ihrem Partner, der ConCardis GmbH, die Grossen der Branche ausgestochen. «Inhaltlich haben wir das beste Angebot gemacht», sagt Simon Meile.

Anzug, aber ohne Krawatte

Die Geschäftsräume der Innocard sind in einer ehemaligen Textilfabrik neben der Werkstatt der Frauenfeld-Wil-Bahn beim Bahnhof Wil untergebracht. Die Wände sind hellgelb gestrichen, der Raum ist offen, wirkt warm. Geschäftsführer Simon Meile trägt Anzug. Das signalisiert, dass er in einer banknahen Branche tätigt ist, wo ein Anzug die Werte Vertrauen und Verlässlichkeit modisch unterstreicht.

Roman Keller, Simon Meile, Fabian Schwegler und Orhan Kurtisi (von links). (Bild: Urs Bucher)

Roman Keller, Simon Meile, Fabian Schwegler und Orhan Kurtisi (von links). (Bild: Urs Bucher)

Eine Krawatte trägt er nicht, was signalisiert: Es geht um Kreativität, um die Entwicklung neuer Produkte. Meile spricht von «Lösungen». Das ist eine Philosophie von Innocard: Das Unternehmen will die Probleme ihrer Kunden lösen.

Meile sitzt im Sitzungszimmer. An der Wand hängt das Bild eines Automaten von McDonald's, an dem die Kunden ihren Big Mac bestellen können. Eine Kundenreferenz im Bilderrahmen: Auch an diesem Automaten hat die Innocard mitgewirkt. Am Beispiel des SBB-Auftrags erklärt Simon Meile, was sein Unternehmen macht: Es programmiert die Zahlkartenterminals, damit diese mit anderen Systemen kommunizieren können – etwa mit dem Kassensystem, mit dem Buchhaltungsprogramm, mit den Systemen des Zahlungsverkehrs. Die Software muss sicherstellen, dass die Daten – sensible Konto- und Persönlichkeitsdaten – auf der Datenautobahn den richtigen Abzweiger nehmen.

«Wir haben sieben Jahre darauf hingearbeitet», sagt Simon Meile zum Auftrag der SBB. Die Investitionen waren nicht nur monetärer Natur: «Leidenschaft und Schweiss», fasst er zusammen. Ein weiterer Vertragsabschluss im Detailhandel stehe bevor. Doch der Innocard-Geschäftsführer will nichts verraten, «bevor die Tinte trocken ist».

24-Stunden-Hotline als Plus

Bei der Innocard arbeiten 25 Personen, Aussendienstmitarbeiter genauso wie Softwareingenieure und Supporter. Die Hotline ist rund um die Uhr besetzt. Diese ständige Erreichbarkeit erachtet Meile als grosses Plus seines Unternehmens gegenüber der Konkurrenz. «Wenn ein Gerät aussteigt, liefern wir innerhalb von 24 Stunden Ersatz.» Besonders gefragt sind bei der Innocard Mitarbeiter, die auch Italienisch sprechen, weil das Unternehmen auch Kunden im Tessin hat.

Süden – da gerät der Geschäftsführer ins Schwärmen. Mehrmals erwähnt er Rebberge, Olivenhaine. Die Leidenschaft, mit der Winzer im Rebberg am Werk sind – mit derselben Hingabe seien auch er und seine Mitarbeiter an der Arbeit. «Wer mit Leidenschaft bei der Sache ist, arbeitet besser», sagt Meile.

Das 2008 gegründete Unternehmen bedient mit seinen Produkten vor allem kleinere und mittlere Unternehmen (KMU). Auch Blumenläden und Imbissstände gehören dazu. In einem Kebabladen ein paar Strassen weiter leuchtet beispielsweise das Innocard-Logo auf dem Display des Terminals. Simon Meile sagt: «Auch für kleine Geschäfte lohnt sich die bargeldlose Zahlungsmöglichkeit.» Bargeld sei weder das günstigste noch sicherste Zahlungsmittel. Bargeld müsse beschafft und sicher gelagert werden, stelle ein Sicherheitsrisiko dar und trage zu Korruption und Schattenwirtschaft bei. «Und es ist nicht sehr hygienisch», fügt er an. Noten würden Keime und Bakterien transportieren. Ein absoluter Gegner von Bargeld sei er aber nicht – eine Packung Kaugummi bezahlt auch er mit ein paar Münzen. Meile glaubt auch nicht, dass das Bargeld in den nächsten Jahren als Zahlungsmittel verschwinden wird. «Es kommt zu einem Nebeneinander verschiedener Zahlungsmethoden.» Dazu gehöre das Zahlen mit dem Smartphone. Verschiedene Anbieter haben in jüngster Zeit solche Angebote auf den Markt gebracht. Die Entwicklungen in diesem Bereich beobachten Meile und sein Team genau.

Als ausgebildeter Primarlehrer fände er wichtig, dass die Schüler den Umgang mit allen Zahlungsmitteln lernen, deren Vor- und Nachteile kennen. Aus seiner Sicht passten solche Fragen ins Fach Neue Medien.

Elektronische Gutscheine

Als das Gespräch auf den zweiten Geschäftszweig der Innocard kommt, zückt Meile sein Smartphone. Er hält es in die Nähe des Zahlungsterminals auf dem Tisch – wie jemand der prüfen will, ob etwas magnetisch ist. Das Terminal druckt eine Quittung aus: Einen Gutschein für ein Glas Weisswein. «Loyalty» nennt sich das, Kundenbindung auf Deutsch. Cumulus der Migros ist eines der bekanntesten Programme in der Schweiz. «Wir bieten Kundenbindungsprogramme auch für Restaurants und andere kleine Betriebe an», sagt Meile. Da kommt wieder der Weisswein ins Spiel. Ein Gastronom könne beispielsweise allen Kunden, die er in der Adressdatenbank hat, einen Gutschein für ein Glas Wein schicken – per E-Mail oder SMS. Der Gast kommt, wenn er mag ins Lokal, löst den Gutschein ein und geniesst noch ein Nachtessen. Auf dem von der Wiler Innocard entwickelten Webportal kann der Gastronom später kontrollieren, wie viele Kunden ihren Gutschein eingelöst haben. «Excel-Tabellen und Milchbüchlein sind überholt», sagt Meile.

Auch Geschenkkarten-Systeme bietet Innocard an. Die Geschenkkarte der Vereinigung des Thurgauer Detailhandels TGshop stammt aus dem Hause Innocard. Das Unternehmen wickelt die Datenverarbeitung im Hintergrund ab, das sogenannte Clearing. Das Herz der Kundenbindungsprogramme ist das Terminal, das nichts anderes ist als ein kleiner Computer.

Hört man Simon Meile zu, scheinen die Möglichkeiten unbegrenzt. Diese kreative Offenheit hat wohl auch dazu geführt, dass das kleine Wiler Unternehmen bei der grössten Schweizer Bahn zum Zug kommt.

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