«Grösste je dagewesene Krise in unserer Branche»: Wie das Coronavirus der Ostschweizer Hotellerie zusetzt

Die Auslastung in den Hotels der Ostschweiz ist im Zuge der Coronakrise um über 90 Prozent zurückgegangen. In vielen Betrieben befindet sich ein Grossteil der Belegschaft in Kurzarbeit. So können Kündigungen vielerorts noch verhindert werden. Wie es nach der Krise weitergeht, weiss niemand.

Marco Cappellari
Drucken
Teilen
Viele Zimmerschlüssel in den Ostschweizer Hotels bleiben zur Zeit unbenutzt.

Viele Zimmerschlüssel in den Ostschweizer Hotels bleiben zur Zeit unbenutzt.

Bild: Karl Mathis/Keystone

«Es ist eine Katastrophe», sagt Simona Maier, Geschäftsführerin des Hotel Frauenfeld. «Bis weit in den Mai, Juni sind praktisch alle Reservationen storniert worden.» Auch Firmenanlässe würden aus Angst bereits Monate im Voraus abgesagt.

«Die meisten meiner Mitarbeiter befinden sich deshalb in Kurzarbeit», sagt sie. «Jemanden aufzubieten, wenn es nichts zu tun gibt, macht keinen Sinn.» Die Rezeption sei noch besetzt, aber reduziert. «Und wenn die Rezeptionistin nach Hause geht, übernehme ich vom Homeoffice aus den Telefondienst.» Noch hofft Maier, Entlassungen abwenden zu können.

Das Hotel Frauenfeld beherbergt auch Dauergäste in 15 Studios. Diese bleiben trotz Coronakrise.

Das Hotel Frauenfeld beherbergt auch Dauergäste in 15 Studios. Diese bleiben trotz Coronakrise.

Bild: PD

«Wer noch Zimmer bucht, sind beispielsweise Monteure, die in der Region arbeiten. Bei 89 Zimmern ist das natürlich nur ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt Maier. Dabei hat sie das Glück, dass 15 der Zimmer im Hotel Frauenfeld Studios für Dauergäste sind. «Diese bleiben natürlich. Ein Teil davon hat gar ihren Wohnsitz hier.» Das Hotel ganz zu schliessen, komme deshalb nicht in Frage.

Viele Hotels stehen komplett leer

Damit befindet sich das «Frauenfeld» in einer vergleichsweise vorteilhaften Situation. Die meisten Hotels in der Ostschweiz müssen fast auf ihren gesamten Umsatz verzichten. Im Hotel von Rotz in Wil etwa bleiben derzeit sämtliche 104 Betten leer. «Ich musste alle Mitarbeiter in die Kurzarbeit schicken», sagt Geschäftsführer Hanspeter von Rotz. «Wir bieten aber noch Self-Check-in an.» Das werde vereinzelt noch genutzt.

«Ich hatte vor Kurzem einen Gast, der nicht mehr zu seinen Eltern nach Hause wollte, da diese zur Risikogruppe gehören.»
Im Hotel von Rotz befinden sich sämtliche Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Im Hotel von Rotz befinden sich sämtliche Mitarbeiter in Kurzarbeit.

Bild: PD

Kündigungen kann von Rotz nicht ausschliessen. «Wir wollen unsere Angestellten natürlich behalten. Nicht nur, weil wir sie gut und teuer ausgebildet haben.» Noch gebe es Reserven, eine Schliessung soll auf jeden Fall verhindert werden. «Aber ich habe mich darauf eingestellt, dass die Coronapandemie noch eine Weile anhält. Ich rechne mit einer andauernden Weltwirtschaftskrise.»

Verschlimmere sich die Situation weiter, würden im Familienbetrieb von Rotz wieder vermehrt Arbeiten soweit wie möglich familienintern übernommen werden.

Bereit für den Tag X

Alexandre Spatz, Präsident Hotellerie Suisse Ostschweiz und Geschäftsführer des Hotel Golf Panorama in Lipperswil

Alexandre Spatz, Präsident Hotellerie Suisse Ostschweiz und Geschäftsführer des Hotel Golf Panorama in Lipperswil

Bild: Andrea Stalder

Alexandre Spatz, Präsident von Hotellerie Suisse Ostschweiz, kennt die prekäre Situation der Ostschweizer Hotels. Als Geschäftsführer des Hotel Golf Panorama in Lipperswil kriegt er sie aus nächster Nähe mit. «Wir sind praktisch das einzige Hotel im Thurgau, das noch das Vollsortiment von Frühstück, Mittag- und Abendessen für die Gäste anbietet.» Auch Spatz verzeichnet rund 70 Gäste weniger pro Tag.

«Ausser sieben befinden sich deshalb alle unsere Mitarbeiter in Kurzarbeit»

Das seien rund 90 Prozent, sagt Spatz. Das Team werde über ein Onlinesystem täglich über die aktuelle Lage und den weiteren Verlauf des eingeschränkten Betriebs informiert.

Schliessen will Spatz das Hotel Golf Panorama auf keinen Fall. «Wir wollen am Tag X bereit sein, wenn die einschränkenden Massnahmen des Bundes wieder aufgehoben werden», sagt er. «Ein geschlossenes Hotel wieder neu zu eröffnen sei schwieriger, als von Minimal- auf Vollbetrieb zu wechseln.» Um zumindest einen Teil des ausbleibenden Umsatzes aufzufangen, bietet unter anderen Spatz in seinem Hotel Homeoffice-Plätze an. 12 Personen nutzen diesen Service momentan, der 35 Franken pro Tag und Person kostet.

Takeaway, Homeoffice: Betreiber suchen Alternativen

René Meier, Geschäftsführer des Hotel Uzwil

René Meier, Geschäftsführer des Hotel Uzwil

Bild: Ladina Bischof

Ein paar wenige Hotels versuchen ebenfalls, die Coronakrise mit kreativen und neuen Lösungen zu überbrücken. So auch Simona Meier, die im Hotel Frauenfeld in Kürze ebenfalls Homeoffice-Plätze anbieten möchte. René Meier vom Hotel Uzwil dagegen, wo zwei Drittel der Angestellten in Kurzarbeit sind, hat einen Takeaway-Service lanciert.

«Wir bieten keine fertigen Gerichte, sondern Einzelkomponenten in sterilisierten Vakuumsäcken für eine Mahlzeit. Die Kunden können etwa ein edles Stück Rindfleisch kaufen, zu dem sie zu Hause dann selber eine Beilage zubereiten.» Der Aufwand für den Betrieb sei deshalb überschaubar. Und das Angebot kommt an.

«20 bis 30 Personen bestellen derzeit täglich bei uns.»

Das Takeaway laufe so gut, dass er sich vorstellen könne, es nach der Coronakrise weiterhin anzubieten.

Wie einige andere Hotels stellt auch Meier seine Betten Ärzten und medizinischem Personal zur Verfügung. «Wir haben aktuell ein paar Anfragen von Mitarbeitern des Kantonsspitals St.Gallen. Das sind zum Grossteil Grenzgänger, deren Grenzübertritt derzeit erschwert ist.»

Daneben beherbergt Meier noch vereinzelt Gäste, die aus beruflichen Gründen in der Region sind. «Das sind etwa Geschäftsleute oder Angestellte der umliegenden Industrie und KMU.»

90 Prozent der Hotellerie in Kurzarbeit

«Rund 90 Prozent der Beschäftigten in der Ostschweizer Hotellerie befinden sich in Kurzarbeit», sagt Michael Vogt. «Der Hotellerie und der Wirtschaft im Allgemeinen stehen weltweit düstere Zeiten bevor.» Der Geschäftsführer des Hotel Einstein in St.Gallen ist Präsident des Verbandes Hotels St.Gallen-Bodensee.

Auch das «Einstein» in St.Gallen muss sparen.

Auch das «Einstein» in St.Gallen muss sparen.

Bild: Urs Bucher

«Übernachten kann man noch im Einstein. Aber auch meine Devise ist: Kosten senken und den Betrieb so weit wie möglich runterfahren.» So nutze er momentan beispielsweise nur einen Gebäudetrakt, um die Heizkosten zu senken.

Das «Einstein» sei ausserordentlich gut ins Jahr 2020 gestartet und habe darum im Moment noch finanzielle Reserven. «Familienbetriebe und kleinere Hotels kommen aber schnell in eine finanzielle Notlage.» Dass einzelne Hotels nun auf kreative Übergangslösungen setzen, begrüsst er. «Aber nicht jeder hat diese Möglichkeit.»

Auf Unterstützung des Bundes angewiesen

Michael Vogt, Geschäftsführer Hotel Einstein und Präsident Hotels St.Gallen-Bodensee

Michael Vogt, Geschäftsführer Hotel Einstein und Präsident Hotels St.Gallen-Bodensee

Bild: PD

Deshalb sei es besonders wichtig, dass die Politik tätig geworden ist. «Dass die Beherbergungsabgaben erlassen werden, ist ein richtiger Schritt. Auch wenn es sich nur um kleine Beträge handelt.»

Wichtiger sei darum die versprochene Finanzhilfe des Bundes. So seien die Kosten für die Mitarbeiter gedeckt, und Unternehmen können auf Sofortkredite zurückgreifen. «Das grosse Problem ist der Umsatzeinbruch.»

Auf über 90 Prozent schätzt Vogt den Rückgang in der Auslastung in der zweiten Märzhälfte und April. Aufgrund des sowieso bestehenden Fachkräftemangels, sei es umso schmerzhafter, im Zuge der Coronakrise Entlassungen aussprechen zu müssen.

Wie es dann nach dem Ausnahmezustand weitergeht, sei schwer abzuschätzen. Anders als in der Gastronomie, die nach der Krise erwartungsgemäss schnell wieder anlaufe, könnte die Hotellerie noch länger unter den Auswirkungen zu leiden haben.

Ganze Wirtschaft von Krise betroffen

«Die Wirtschaftskrise trifft alle Branchen. Das führt zusätzlich dazu, dass Unternehmen geplante Firmenanlässe nicht durchführen können.» Im «Einstein» würden die Grossanlässe rund die Hälfte des Umsatzes ausmachen.

«Ausserdem befindet sich derzeit in St.Fiden ein neues Ibis-Hotel im Bau. Auch das Sorell Hotel ist am Ausbauen.» So werde es – von allfälligen Hotelschliessungen abgesehen – im zweiten Halbjahr 2020 mehr Betten geben, was die Situation erschwert.

Doch noch wisse niemand, was die Zukunft bringe. «Man darf nicht vergessen: Wir sind noch ganz am Anfang der Krise.»

«Es fühlt sich zwar wie mehrere Wochen an, doch wir sind erst am neunten Tag des Lockdowns.»

«Noch vor einem Monat konnten wir nicht erahnen, dass sich die Situation rund um die Ausbreitung des Coronavirus zur grössten je dagewesenen Krise in unserer Branche zuspitzen würde.»

Mehr zum Thema