Grippewelle hat die Ostschweiz fest im Griff: Zahl der Erkrankungen steigt weiter

Seit nunmehr vier Wochen hat die Grippewelle die Ostschweiz erfasst. Pro 100 000 Einwohner haben Hausärzte 271 grippebedingte Konsultationen gemeldet. Am häufigsten betroffen sind Kleinkinder.

Luca Ghiselli
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Auskurieren auf dem Sofa: So geht es derzeit vielen Ostschweizerinnen und Ostschweizern. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Auskurieren auf dem Sofa: So geht es derzeit vielen Ostschweizerinnen und Ostschweizern. (Bild: Keystone/Martin Ruetschi)

Sie rollte später an als sonst, nun hat sie die Ostschweiz aber fest im Griff:  Die Grippewelle ist definitiv angekommen. Seit vier Wochen ist der epidemische Schwellenwert von 68 Grippeverdachtsfällen pro 100'000 Einwohner bei der saisonalen Grippe schweizweit überschritten. Die Schwelle wurde im Vergleich mit den beiden vorangegangenen Saisons aber erst spät erreicht: Sowohl 2016/2017 als auch 2017/2018 war die Grenze zur Epidemie noch vor Weihnachten überschritten worden, dieses Jahr erst Mitte Januar.

Gemeldet werden die Grippe-Erkrankungen mittels des Sentinella-Meldesystems. Hausärzte benachrichtigen damit das Bundesamt für Gesundheit (BAG), welches wiederum den Verlauf der Grippewelle verfolgt und statistisch erfasst. In der Sentinella-Region 5 sind alle Ostschweizer Kantone und der Kanton Zürich zusammengefasst.

Die Grippewelle rollt an – Ostschweiz stark betroffen

Später als im vergangenen Jahr hat die Grippewelle die Schweiz in der zweiten Januarwoche nun erreicht. Im Vorjahr war die Grippeepidemie bereits im Dezember ausgebrochen. Besonders viele Fälle gibt es unter anderem in der Ostschweiz.

Es zeigt sich in der Tendenz: In diesem Landesteil ist die Anzahl gemeldete Grippefälle tiefer als in den meisten anderen Landesteilen. Während vergangene Woche im schweizweiten Mittel 310 Fälle auf 100'000 Einwohner gemeldet wurden, sind es in der Ostschweiz 271. 

Der Höhepunkt steht wohl noch aus

Im Schnitt dauern Grippewellen zwischen acht und zehn Wochen. Demnach wäre die diesjährige Epidemie jetzt genau in der Halbzeit. Befindet sich die Ostschweiz derzeit also auf dem Höhepunkt der Grippewelle? Daniel Koch, Leiter der Abteilung Übertragbare Krankheiten des BAG, relativiert auf Anfrage. «So genau kann man das nicht sagen.»

Daniel Koch, Leiter übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit. (Bild: KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Daniel Koch, Leiter übertragbare Krankheiten beim Bundesamt für Gesundheit. (Bild: KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Zwar sei die Inzidenz im Vergleich zu vergangener Woche nochmals stark angestiegen. Wann sie wieder abnehme, hänge aber von zu vielen Variablen ab, um eine zuverlässige Prognose zu machen. Koch verweist auf die lange Grippewelle 2017/2018: «Im vergangenen Jahr dauerte die Grippeepidemie 15 Wochen.»

Auch, dass die Grippewelle im Vergleich zu anderen Jahren heuer später eingesetzt hat, hält Koch nicht für aussergewöhnlich. «Die Abweichung ist im Normbereich.» Man liege also mit dem gegenwärtigen Verlauf der Epidemie «völlig im Durchschnitt».

Am stärksten von der aktuellen Grippewelle betroffen sind Kleinkinder bis vier Jahre. Auch das sei nicht ungewöhnlich, sagt Daniel Koch. «Kinder in diesem Alter haben viel engere Sozialkontakte und stecken sich deshalb schneller an.»

Noch keine Übersterblichkeit

Bei Betagten ist es während der Grippewelle in den vergangenen Jahren immer wieder einmal zu einer sogenannten Übersterblichkeit gekommen. Gemeint ist damit eine erhöhte Zahl von Todesfällen im Vergleich mit anderen Zeitspannen. «Bisher hat das Bundesamt für Statistik aber keine Übersterblichkeit gemeldet», sagt Daniel Koch. Ob eine Exzessmortalität eintritt, hänge unter anderem davon ab, wie aggressiv der Grippevirus in der jeweiligen Epidemie sei. 

Philipp Lutz, Kommunikationsbeauftragter des Kantonsspitals St. Gallen. (Bild: Stefan Beusch)

Philipp Lutz, Kommunikationsbeauftragter des Kantonsspitals St. Gallen. (Bild: Stefan Beusch)

Nicht nur Hausärzte und das Bundesamt für Gesundheit, auch die Spitäler sind während der Grippewelle besonders gefordert. Laut Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen, werden seit Anfang der Grippesaison fast täglich Patienten mit einer saisonalen Grippe im Kantonsspital betreut. «Tendenziell mussten dieses Jahr bis anhin aber eher weniger Patienten mit oder wegen einer Influenza hospitalisiert werden», sagt Lutz. Das könne sich bei Fortbestehen der Grippesaison aber noch ändern. 

Ganz schwere Krankheitsverläufe, wie sie während der Epidemie 2017/2018 beobachtet wurden, traten laut Lutz bis anhin ebenfalls weniger auf. Er sagt:

«Eine Grippe kann gerade bei älteren Patienten mit mehreren Krankheiten sowie bei Schwangeren und Patienten mit einem geschwächten Immunsystem gefährlich werden. Aber nicht nur.»

Auch jüngere, immungesunde Patienten können daran erkranken. Deshalb würden am Kantonsspital St. Gallen die Patienten beim Eintritt und auch während ihres Spitalaufenthalts bei Auftreten von Symptomen auf Influenza untersucht. «Bei einem positiven Resultat bringen wir diese Patienten entsprechend unserer Hygienestandardmassnahmen wenn immer möglich in einem Einzelzimmer unter.» Oder man schaffe Isolationszonen, um die Verbreitung der Grippe zu verhindern. In solchen Zimmern und Zonen gilt für Personal und Besucher die Pflicht, eine Maske zu tragen.

Kantonsspital St. Gallen empfiehlt Mitarbeitern eine Impfung

Mit dem Ziel, die Übertragung der saisonalen Grippe innerhalb des Kantonsspitals St.Gallen zu verhindern, habe man vor einigen Jahren das Grippepräventionsprojekt initiiert. Es umfasst unter anderem Schnelltests zur Früherkennung sowie umfassende Hygienemassnahmen. Von einer Impfvorschrift für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sieht das Kantonsspital aber ab: «Die kostenlose jährliche Grippeimpfung wird den Mitarbeitern empfohlen, ist aber keine Pflicht.»