Griffige Sozialgeschichte für die Sekundarschule

Ein Buch von Ostschweizer Historikerinnen und Historikern zeigt, unter welchen sozialen Verhältnissen die Menschen im Kanton St.Gallen im 19. und 20. Jahrhundert lebten.

Marcel Elsener
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Eine Geschichte der St.Galler Gegenwart ist ein Gemeinschaftswerk von zehn jungen Historikerinnen und Historikern aus der Ostschweiz. (Bild: pd)

Eine Geschichte der St.Galler Gegenwart ist ein Gemeinschaftswerk von zehn jungen Historikerinnen und Historikern aus der Ostschweiz. (Bild: pd)

Unter welchen sozialen Verhältnissen lebten die Menschen im Kanton St.Gallen im 19. und 20. Jahrhundert? Diese Frage stand am Anfang einer Initiative der Gemeinnützigen Gesellschaft des Kantons St.Gallen (GGK) aus Anlass ihres 200-Jahr-Jubiläums im laufenden Jahr. Die GGK beauftragte zehn junge Historikerinnen und Historiker aus der Ostschweiz, zehn sozialhistorische Themen aufzuarbeiten. Das Resultat in prächtiger Buchform liegt seit Frühling 2019 bei der Verlagsgenossenschaft St.Gallen vor: Unter dem Titel «Eine Geschichte der St. Galler Gegenwart – Sozialhistorische Einblicke ins 19. und 20. Jahrhundert» versammelt der Band reich bebilderte Aufsätze und verzweigte Materialien zu den Themen Medizin, Migranten, Wohnen, Energie, Geschlechtergeschichte, Armut, Arbeit, Wissen, Verkehr und Drogen.

Als Geschenk an die St.Galler Öffentlichkeit verstanden, soll das Buch ein breites Publikum ansprechen. Projektleiter Manuel Kaiser, der selber die «ausgebliebene Revolution» an der Ostschweizerischen Schule für Sozialarbeit beschreibt, betont im Vorwort den weitgehenden Verzicht auf Fachjargon und den Anspruch auf lesbare Geschichten, die kein historisches Vorwissen vorsetzen. Vertiefungen und Fallbeispiele veranschaulichen sowohl übergeordnete Strukturen und langfristige Entwicklungen als auch «den Lebensalltag, Ereignisse und kleinteiligere Prozesse». Eines von vielen schönen Beispielen im Buch ist der Einschub des FC Sarajevo 92 in Sara Bernasconis kantonaler Migrationsgeschichte.

Vernissage der weiterführenden Homepage an der PHSG

Die Publikation soll buchstäblich Schule machen – sie dient als Grundlage für den Unterricht auf Sekundarstufe. Alle 60 Oberstufenschulen des Kantons haben bereits ein Exemplar erhalten. Parallel zum Buchprojekt entw ickelte die Fachstelle Demokratiebildung und Menschenrechte der Pädagogischen Hochschule St.Gallen (PHSG) die didaktische Umsetzung der untersuchten Themen. Fünf Jahrgänge von Studierenden der PHSG setzten und setzen sich seit 2017 im Rahmen von ganzjährigen Geschichtsseminaren mit den zehn Buchbeiträgen und den damit assoziierten Grossthemen auseinander.

Die erarbeiteten Materialien werden nun auf www.sozialgeschichte.ch öffentlich zugänglich gemacht. An der Vernissage von morgen Mittwoch, 20. November, 18 Uhr in der Hadwig-Aula, wird die Website live geschaltet. Die Internetplattform ist einerseits Türöffner für die Öffentlichkeit zu den Themen der Sozialgeschichte: Sie enthält eine Vielzahl kommentierter Zeugnisse – wie Archivdokumente, Fotografien, Karikaturen, Audio- und Filmaufnahmen – aus der schweizerischen und st.gallischen Geschichte. Andererseits bietet die Website Unterrichtsmaterial für die Lehrpersonen der Sekundarstufe I und II. Dabei gilt das Prinzip «Zoom in – zoom out»: Während die Buchbeiträge auf lokalgeschichtliche Beispiele fokussierten, fächert die Website die Grossthemen mit Blick auf den Lehrplan 21 in jeweils vier Unterthemen auf.

Bis zum Abschluss des fünfjährigen Projekts im Sommer 2022 arbeiten die PHSG-Studierenden noch an den Themen Migration, Medizin, Armut, Drogen und Geschlechtergeschichte. Letztere, von Denise Eigenmann exemplarisch am Mädchenheim Wienerberg erzählt, eröffnet als Schulstoff folgende vier Felder: Frauenbewegung in der Schweiz bis 1945; Neue Frauenbewegung / Feminismus ab 1960; Geschichte des Heimwesens für Kinder und Jugendliche in der Schweiz; Geschichte des weiblichen Körpers. Das in der Schweiz einmalige Projekt mit seinen spannenden Unterrichtsmaterialien interessiert über das spezifische Zielpublikum hinaus: So ist es im Januar Thema einer Weiterbildung für den Lehrkörper Geschichte der St.Galler Kantonsschule am Brühl.