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Grenzenlos verwoben: 10'000 pendeln zum Arbeiten aus dem Ausland in die Ostschweiz

Für Tausende von Vorarlbergern ist der Kanton St.Gallen Arbeitsort. Sie sind für das Rheintal unverzichtbar.
Noemi Heule
Stau am Grenzübergang. Rund 10'000 pendeln aus dem Ausland in den Kanton St.Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Stau am Grenzübergang. Rund 10'000 pendeln aus dem Ausland in den Kanton St.Gallen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Kein 27. Kanton Vorarlberg also, wie die St.Galler Regierung unmissverständlich klar machte. Eine Annexion des Bundeslandes käme einer staats- und völkerrechtlichen Grenzüberschreitung gleich, so die Quintessenz ihrer Antwort auf den Vorstoss von SP-Kantonsrat Martin Sailer. Sie legt damit die «Spinnerei», wie er selber sagt, trocken ad acta.

Vorarlberg bleibt, was es ist im Volksmund längst ist, sein eigenes Ländle, umgeben von natürlichen Grenzen. Der Arlberg schneidet es vom übrigen Österreich ab, der Bodensee trennt im Norden, die rätischen Alpen im Süden und der Rhein treibt einen Keil durch sein Tal.

Während die Boulevardpresse beidseits der Grenze bereits den «Öxit» herbeischrieb, scheint’s die Vorarlberger wenig zu kümmern. Die Staatsgrenze trennt nur noch auf der Landkarte; für 6755 ist der Übertritt schlicht Arbeitsweg. Jeder 33. Arbeitsplatz im Kanton wird von einem Pendler aus dem grenznahen Ausland besetzt. Die Mehrheit kommt aus Österreich, aus Deutschland pendeln 1918 Personen zu, aus Liechtenstein waren es zu Jahresbeginn 1906.

Die Pendler bleiben so nah wie möglich beim Wohnort, die Mehrheit der Vorarlberger zieht’s ins Rheintal, einfach auf die andere Flussseite. «Die Grenzgänger sind für die Wahlkreise Rheintal und Werdenberg wichtig, im Toggenburg oder in See-Gaster jedoch von untergeordneter Bedeutung», sagt Adrian Schumacher vom Amt für Wirtschaft und Arbeit. Tatsächlich pendeln lediglich 24 Österreicher täglich ins Toggenburg, in die Region Wil sind es immerhin knapp 100 und nach Rapperswil-Jona noch eine Handvoll.

Die Gemeinde Au dagegen verzeichnet mit rund 700 die meisten Grenzgänger. Hier, wo sich der Verkehr fast täglich vor dem Grenzübergang und Autobahnanschluss staut, ist an knapp jedem siebten Arbeitsplatz ein Vorarlberger tätig. Insbesondere Fachkräfte und Akademiker sind im «High-Tech-Valley» gefragt. Während der Trend in den letzten Jahren stetig nach oben zeigte, stagnierte ihre Zahl zuletzt erstmals. Weiterhin steigend ist jedoch die Zahl der Hilfsarbeiter aus Österreich, die in den Fabriken, auf dem Bau oder in der Gastronomie gebraucht werden. Die Schweiz sei für die Grenzgänger wegen des «attraktiven Stellenangebots» und des Lohngefälles attraktiv, sagt Schumacher. Schliesslich sind die Löhne in der Schweiz europaweit am höchsten, 1,7 Mal höher als jene in Deutschland oder Österreich.

Arbeitgeber tun sich wegen Grenzgänger zusammen

«In manchen Branchen könnten die Unternehmen die Zahl der Aufträge ohne Grenzgänger gar nicht abarbeiten», sagt Thomas Bolt vom Rheintaler Arbeitgeberverband. Der Verband wurde 1936 wegen der Grenzgänger gegründet. Damals, als sich die Schweizer Wirtschaft zwischen Wirtschaftskrise und Weltkrieg kurz aufrappelte, sollten die dringend gebrauchten Arbeiter aus Vorarlberg rekrutiert werden. Heute ist dieses Thema jedoch in den Hintergrund gerückt. Keine Kontingente, keine abschreckenden administrativen Hürden: Seit der Personenfreizügigkeit ist die Problematik Grenzgänger entfallen. Auch Lohndumping , wie es etwa das Tessin beklagt sind im Rheintal kein Thema.

«Die Lohnschere schliesst sich immer mehr.»

Dies, weil auch die Wirtschaft am anderen Rheinufer floriert. Die Kaufkraft ist in den Bezirken Feldkirch, Dornbirn und Bludenz innerhalb Österreichs überdurchschnittlich hoch.

«Eidgenossen helft euren Brüdern in Not», hiess es auf einem Plakat 1919, als die Mehrheit der Vorarlberger mit einem Beitritt zur Schweiz liebäugelte. Die wirtschaftliche Not nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns rückte das Ländle näher zur benachbarten Schweiz, zumal sich die Bevölkerung am Rhein von der entfernten Hauptstadt an der Donau ohnehin abgehängt fühlte. Die Eidgenossen zeigten indes kein Erbarmen und setzten der «dreisten Vorarlbergerei» auch in den eigenen Reihen ein jähes Ende.

Zwei Länder, ein funktionaler Raum

Heute eines der reichsten Bundesländer Österreichs hat Vorarlberg keinen Grund mehr beim Nachbarn um Hilfe zu betteln. Wie die St.Galler Regierung weist auch der Rheintaler Arbeitgeberverband den Vorstoss zum Vorarlberg mit dem Prädikat «unrealistisch» zurück. Vor Ort rückt die Staatsgrenze ohnehin in den Hintergrund; Bolt spricht von einem «selbstverständlichen Einzugsgebiet» und einem gemeinsamen «funktionalen Raum».

Schwierigkeiten treten dort auf, wo ein gemeinsames Projekt auf verschiedene politische Systeme trifft, etwa das Hochwasserschutzprojekt Rhesi oder Agglomerationsprogramme. Wichtig sei vor allem die Personenfreizügigkeit, sagt Bolt und spielt auf die Begrenzungsinitiative der SVP an. «Wir brauchen gute Beziehungen zur EU», hängt er an. Gerade weil die Bedeutung des Rheins als Landesgrenze schwindet, gehe gern vergessen, dass es sich auch um eine Grenze zwischen der Schweiz und der europäischen Union handle.

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