«Gratisbillette lösen Probleme nicht»

ST.GALLEN. St.Gallen-Bodensee Tourismus verlangt wegen des tiefen Eurokurses kostenlose Billette für ausländische Feriengäste – und zwar schon ab 1. April. Der Tarifverbund Ostwind hat aus dieser Zeitung davon erfahren und zeigt sich nicht begeistert. Auch Verkehrspolitiker sind skeptisch.

Adrian Vögele
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Regionalzug zwischen Herisau und Degersheim. (Bild: Michel Canonica)

Regionalzug zwischen Herisau und Degersheim. (Bild: Michel Canonica)

Die Tourismusbranche braucht nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses sofortige Hilfe: Dieser Meinung ist Frank Bumann, Direktor von St.Gallen-Bodensee Tourismus (Ausgabe von gestern). Er fordert, dass ab Anfang April alle ausländischen Gäste, die mehr als zwei Nächte bleiben, den öffentlichen Verkehr auf dem Ostwind-Netz gratis nutzen dürfen. Zudem regt er an, dass ein Prozent der diesjährigen zusätzlichen Gewinnausschüttung der Nationalbank an den Tourismus fliessen soll.

«Unfair gegenüber anderen»

Der Tarifverbund Ostwind hat bisher keine offizielle Anfrage von St.Gallen-Bodensee Tourismus zu Gratisbilletten für Feriengäste erhalten. «Wir haben aus der Presse von der Forderung erfahren», sagt Urs Brägger, Leiter Finanz- und Rechnungswesen bei Ostwind. «Grundsätzlich sind wir skeptisch gegenüber Gratislösungen.» Die Aussage von Frank Bumann, eine solche Massnahme koste «keinen Franken», treffe nicht zu. «Es wäre unfair gegenüber unseren treuen, zahlenden Kunden, wenn ausländische Touristen unser Netz kostenlos nutzen könnten. Insbesondere in grenznahen Regionen wie der Ostschweiz wäre eine solche Idee sehr heikel.»

Zwar würden in besonders touristischen Gebieten der Schweiz teils kostenlose öV-Tickets abgegeben, sagt Brägger. «Doch werden diese durch andere Leistungsträger finanziert. Auf der Ebene der Tarifverbunde gibt es meines Wissens nirgends ein solches Angebot.» Entscheiden über die Einführung von Ostwind-Gratisbilletten müsste einerseits der Tarifverbundrat, bestehend aus Bestellern (Kantonen) und Transportunternehmen, und andererseits die Verwaltung der Genossenschaft Tarifverbund Ostwind.

«Das sind Zückerchen»

SP-Kantonsrat und VCS-Sektionspräsident Ruedi Blumer findet, die Idee sei nicht zu Ende gedacht. «Sinnvoller als ein Gratisticket für ausländische Gäste, die über zwei Nächte bleiben, wäre eine 24-Stunden-Karte für das Ostschweiz-Netz. Sie würde ein viel breiteres Publikum ansprechen, unter anderem auch Tagestouristen aus dem Inland.» Gratis müsse ein solches Angebot nicht sein, so Blumer – «aber die Hotellerie könnte allenfalls einen Teil der Kosten übernehmen, so dass die Karte zu einem attraktiven Preis abgegeben werden könnte.»

Peter Hartmann, Präsident der SP-Fraktion, ergänzt: «Es ist eine Illusion, zu glauben, kostenlose öV-Billette würden mehr Touristen anlocken.» Auch die vorgeschlagene Unterstützung mit Nationalbank-Geld könne wenig ausrichten. «Das sind Zückerchen, die die wahren Probleme nicht lösen.» So sei es beispielsweise nötig, dass die St.Galler Tourismusregionen enger zusammenarbeiten und ihre Angebote besser abstimmen würden.

«Gesamte Wirtschaft betroffen»

«Wohlverstanden: Es braucht wegen der Währungssituation Massnahmen, damit Grenzregionen wie die Ostschweiz nicht unter die Räder kommen», so Hartmann. «Aber kurzfristige, punktuelle Eingriffe in einzelnen Branchen, etwa im Tourismus, sind keine Lösung.»

Thomas Ammann, CVP-Fraktionspräsident und Leiter der parlamentarischen Arbeitsgruppe Öffentlicher Verkehr, ist ebenfalls nicht überzeugt, dass ein Gratisbillett grosse Auswirkungen auf die Buchungen ausländischer Touristen hätte. «Ich sehe die Schwierigkeiten, mit denen der Tourismus kämpft. Aber ob eine solche Massnahme das Richtige ist, bezweifle ich.» Nach der Aufhebung der Euro-Untergrenze stehe nicht nur die Tourismusbranche, sondern die gesamte Wirtschaft in der Grenzregion Ostschweiz vor grossen Herausforderungen. «Wenn der Staat eingreifen will, dann sollte er dies ganzheitlich und mit langfristiger Perspektive tun», sagt Ammann.

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